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Konzert von Egschiglen, Hosoo und Domog

Rückblick auf das mongolisch-deutsche Festival vom 13. bis 15. Juni 2014 in Berlin

von Brit Beneke
Fotos: briti bay fotodesign


v.l.n.r.: Corinna Bethge und Gereltuya Batjargal bei der Eröffnung des Festivals

Am Tag nach Beginn der Fußball Weltmeisterschaft eröffnete das dreitägige Festival CROSSING IDENTITIES - BEGINNERS, EXPERTS, HYBRIDS von Urban Nomads/Mongol Citiziens im Berliner Radialsystems V mit einer Rede des Botschafters der Mongolei, Tsolmon Bolor. Er sprach darüber, was er über die deutsche Kultur gelernt habe: „Bier ist ein Grundnahrungsmittel. Seit gestern ist wohl auch Fußball ein Grundnahrungsmittel. Aber ab heute ist die mongolische Kultur ein Grundnahrungsmittel“. Das vielfältige Programm des Festivals werde einen authentischen Eindruck vom Geist und von der Kultur der Mongolen schaffen. Genau dies war auch das Ziel der künstlerischen Leitung von Urban Nomads/Mongol Citiziens, Corinna Bethge, Bayarmaa Munkhbayar und Gereltuya Batjargal. Die drei Frauen stellten ein umfangreiches Programm zusammen, das den Besuchern drei Tage lang Beschäftigung bot.


Domog


Domog


Domog

Das Eröffnungskonzert gab die mongolische Folk Band „Domog“, welche die traditionelle Musik modern interpretiert. Neben Pferdekopfgeigen kam ein Schlagzeug zum Einsatz. Die Band rockte den vollen Saal. Das Publikum war begeistert. Anders sah es leider beim Konzert „Noise“ aus. Ein anspruchsvolles musikalisches Projekt hatten die Komponisten Iris de Schiphorst und Uros Rojko konzipiert. Sie brachten mongolische Musiker, welche üblicherweise traditionelle mongolische Lieder spielen, mit europäischen Musikern aus der zeitgenössischen Szene zusammen. Das ergab ein spannendes, experimentelles Konzert, bei dem Urtyn Duu, der langgezogene mongolische Gesang der Sängerin Dashtserma, mit den außergewöhnlichen Tönen der Vokalkünstlerin Ute Wassermann in Dialog ging. Pferdekopfgeige und E-Gitarre ergänzten sich. Kontrabassklarinette und Schamanentrommel trafen aufeinander. Die Musiker hatten die Stücke in nur zwei Tagen Vorbereitungszeit vor Ort erstellt und geprobt. Sie profitierten von den jeweils „fremden“ Erfahrungen der Anderen und öffneten sich für neue Klänge. Leider war ein Teil des Publikums dem Anspruch dieser Darbietungen nicht gewachsen. Immer wieder störten laute Gespräche und Verlassen des Saales diese Aufführung.


Tanzperformance "Green Lake"

Doch der erste Abend hatte noch mehr zu bieten. In einem anderen Saal führten Studierende mongolischer und deutscher Universitäten Performances auf. Sie ertanzten sich im Rahmen des Projekts „Green Lake – Nogoon Nuur“ den Raum zwischen den dort präsentierten Installationen und kombinierten ihren Tanz mit Licht-Graffitis, die auf einer Leinwand über der Bühne sichtbar wurden. Ein weiteres Highlight des Abends, das den Zeitgeist der mongolischen Hauptstadt Ulaan Baatar nach Berlin brachte, befand sich vor dem Gebäude des Radialsystems im dort aufgestellten Ger (Jurte).  Zwei junge Musiker, Temujin und Temulin, luden die Gäste zur Karaoke mit mongolischer Popmusik ein. Anfangs zögerlich, aber mit der Zeit immer begeisterter nahmen immer mehr Neugierige dieses Angebot wahr, so dass es bald kaum noch Platz in der runden Filzbehausung gab. Die Playback-Lieder waren unterm Sternenhimmel weit über das Gelände zu hören.


Karaoke mit  Temujin und Temulin

Der folgende Tag war von der Konferenz „Kunst – Identität – Erkenntnis“ geprägt.


Jochen Sandig

In vier Themenblöcken (Kultur, Kunst, Philosophie und Medien) stellten die Referenten die Situation der zeitgenössischen Kulturszene in der Mongolei, deren Perspektiven sowie Möglichkeiten der deutschen Szene im Vergleich dar. Jochen Sandig, der Leiter des Radialsystems V, verwendete den Begriff „Nomadismus“ in seinem Sinn: „Ich selber verstehe mich als urbanen Nomaden“. Er fühle sich mit dem nomadischen Lebenskonzept vertraut, weil er sich mit seinen früheren Kunstprojekten, wie beispielsweise dem Tacheles, auch nur temporär verorten konnte, bis die Verdrängung durch Investoren ihn zur Suche nach neuen Standorten zwang.

Bei den Referenten aus der Mongolei stand der Kampf um die Existenz einer freien Kunstszene im Mittelpunkt. Dadurch, dass es keine Struktur der Förderung von Kunst und Kultur in der Mongolei gibt, zumindest nicht mit den Möglichkeiten, wie sie in der BRD zur Verfügung stehen, ist die Abhängigkeit der Künstler von Geldgebern ungleich höher. Dies schien zumindest die Meinung aller Vertreter aus der mongolischen Kunst- und Kulturszene zu sein. Sie übten scharfe Kritik an den staatlichen Strukturen, welche einer Künstlerförderung eher im Wege stehen.


Budbayar Ishgen

Budbayar Ishgen, der Vize-Direktor des National Museums der Mongolei, stellte die Frage nach der Rolle von Museen in der heutigen Gesellschaft. Er bemängelte den schlechten Standard der mongolischen Museen, die z.B. keine modernen Präsentationsmethoden anwenden würden. Als Vorbild verwies er auf Museen in der Inneren Mongolei in China, die aktuellen Standards sowohl in der Präsentation als auch im Gebäudebau entsprächen. China war auch der Impulsgeber für die Mongolei, ihr immaterielles Kulturerbe bei der UNESCO registrieren zu lassen.


Dr. Ganchimeg Altangerel

Dr. Ganchimeg Altangerel von der Mongolistik der Humboldt-Universität zu Berlin erklärte, dass zunächst China völlig überraschend den Kehlkopfgesang der Inneren Mongolei als nationales Kulturerbe registrieren ließ. Erst durch dieses Ereignis seien die Behörden der Mongolei auf ihre eigenen traditionellen Kulturpraktiken aufmerksam geworden und begannen eine Kampagne zur Meldung von Kulturgütern an das Zentrum für Kulturerbe. Am 14. Mai dieses Jahres wurde das Ger, die mongolische Jurte, bei der UNESCO als Kulturerbe eingetragen.


Dr. Uranchimeg Dorjsuren

Dr. Uranchimeg Dorjsuren, Leiterin der Bildende Kunst Schule, kritisierte den ihrer Meinung nach „unterentwickelten“ Standard der mongolischen Kulturangebote. Sie sieht im Kulturtourismus eine Chance für die Mongolei, jedoch nur, wenn die Kulturpolitik gestärkt werden würde und neue  Wege bei Präsentationstechniken beschritten würden.

Der Tenor vieler mongolischer Beiträge lag auf der Kritik an der mangelnden Unterstützung der Künstler durch den mongolischen Staat. Daher wies Corinna Bethge vom Leitungsteam Urban Nomads/Mongol Citiziens darauf hin, dass „das Kulturministerium und das Außenministerium dieses Festival mitfinanziert haben“.

 
Prof. Dr. Dr. Molor-Erdene

Prof. Dr. Dr. Molor-Erdene von der National Universität der Mongolei übte in seinem Vortrag umfassende Gesellschaftskritik. Er sagte, er vermisse die Moderne in der Mongolei. Die mongolische Kunst sei ethnozentrisch und nationalistisch. Molor-Erdene warf einen kritischen Blick auf die soziale Realität in seinem Land. Er sieht ein politisches und ökonomisches Chaos in der heutigen Mongolei, das ein menschliches Chaos nach sich ziehe. Nachdem mit dem Sozialismus die Moderne in die Mongolei gekommen sei, wurde 1989 die Modernisierung gestoppt. Inzwischen konstatiert er eine mongolische Generation, die zum großen Teil ungebildet sei. Molor-Erdene fragte: „Ist eine Renaissance der Moderne in der Mongolei möglich?“. In seinem Beitrag verknüpfte er Fragen der Ethik mit aktuell politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen.


Ausstellung

Die Konferenz bot eine Fülle an weiteren Themen und Fragen aus unterschiedlicher Perspektive. Leider blieb durch das straffe Programm keine Zeit mehr für eine ausführliche Diskussion am Ende. Die Erarbeitung einer geplanten mongolisch-deutschen kulturpolitischen Agenda blieb als ambitioniertes Projekt auf der Strecke.


Hörperformance "I am Mongol"  mit teilnehmendem Publikum

Neben der Konferenz gab es am zweiten Tag des Festivals wieder eine Menge zu entdecken. Beinahe labyrinthartig verteilten sich die Veranstaltungsorte im Gebäude des Radialsystems. In einem Raum konnten Besucher an der Performance „I am Mongol“ mit Hörinstallation teilnehmen. Über Lautsprecher wurden die Teilnehmenden instruiert, in Interaktion mit den Anderen im Raum zu gehen. Gleichzeitig hörten sie Hamlets Monolog in mongolischer Sprache und lauschten den Gedanken zu Identität und Subjektivität. Auf dem Deck des Radialsystems standen Zelte der Installation (Re)Construction Identities, in denen jeweils eine in Berlin lebende, mongolische Persönlichkeit vorgestellt wurde. Am Abend gaben Hooso & Transmongolia ein Konzert traditioneller mongolischer Musik, bevor danach die Party begann.


Transmongolia


schamanischer Tanz beim Konzert von Egschiglen, Hosoo und Domog

Der Sonntag bot Workshops zur mongolischen Kalligraphie, zum Kehlkopfgesang oder zum Biyelgee, einem mongolischen Tanzstil. Das Festivalprogramm war wieder reich gefüllt mit Installationen und Konzerten. Einen Höhepunkt bildete der gemeinsame Auftritt von Egschiglen, Hosoo und Domog, die vom Publikum begeistert beklatscht wurden. Der A-capella-Gesang von Urna Chahar-Tugchi mit ihrer Stimmgewalt ließ Gänsehaut entstehen.


Sängerin Urna Chahar-Tugchi

Eine Ausstellung mit Werken traditioneller mongolischer Malerei sowie mit Grafiken zeitgenössischer mongolischer Künstler gab einen Einblick in das Schaffen der Kunstszene von Ulaan Baatar.


Ulrike Ottinger

Das Festival bot auch Filmfreunden eine ganze Menge. So lief beispielsweise eine Festivalfassung des Dokumentarfilms „Taiga“ von Ulrike Ottinger. Die Regisseurin war anwesend und gab in einem Gespräch Hintergründe ihres Schaffens preis.

Das umfangreiche Programm des Festivals war in seiner Dimension ein bisher einmaliges Ereignis in Deutschland. Mit dieser Dichte an mongolischer Kunst und Kultur bot es die Möglichkeit, sich mit den Eigenheiten der aktuellen Kunstszene der Mongolei auseinanderzusetzen. Menschen, die bisher mit der Mongolei nicht vertraut waren, erhielten einen umfassenden Einblick in das Land. Das Festival fungierte als Plattform des Austausches zwischen mongolischen und deutschen Kulturschaffenden. Für den Einzelnen mag das Gesamtpaket nicht bewältigbar gewesen sein. In seiner Gesamtheit bildete es einen Querschnitt des urbanen Lebens in Ulaan Baatar ab.

Ob das Festival ein singuläres Ereignis war oder ob es nachhaltig Wirkungen in den Beziehungen zwischen deutschen und mongolischen Kulturschaffenden hinterlässt, wird sich in der Zukunft beweisen müssen.


begeistertes Publikum beim Konzert


   

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Last Update: 10. Januar 2016