DER SPIEGEL

Wahrheit und Mythos über den Baron Roman von Ungern-Sternberg

von Brit Beneke
Fotos: briti bay fotodesign


v.l.n.r.: Otgonbayar Ershuu, Leiter des Mongolei Kultur Kunst Zentrum ZURAG, und Ch. Batbileg, Kulturattaché der mongolischen Botschaft

Im Mongolei Kultur Kunst Zentrum ZURAG in Berlin trafen sich am Sonnabend, dem 17.12.11, Mongolei- und Geschichtsinteressierte, um über die umstrittene Person Baron Roman von Ungern-Sternberg zu diskutieren. Dass er eine wesentliche Rolle in der jüngeren Geschichte der Mongolei gespielt hatte, ist unverkennbar. Nur fällt eine genaue Bewertung seines Wirkens schwer, da die Quellenlage äußerst dünn und hingegen die Mythenbildung um ihn herum stark ausgeprägt ist.

1921 gelang es mit seiner militärischen Hilfe, die chinesischen Besatzer aus der Stadt Urga zu vertreiben und den Bogd Khan wieder zu inthronisieren. Im Hintergrund behielt Roman von Ungern-Sternberg die Fäden in der Hand. Seine „Herrschaft“ zeichnete sich durch Brutalität, Verhaftungen und Erschießungen aus. Als Weißgardist in der Mongolei, zog er den innerrussischen Konflikt in dieses Land. Die Rote Armee marschierte im Juni 1921 in Urga ein. Ungern-Sternberg wurde von seinen eigenen mongolischen Leuten gefangen genommen und ausgeliefert, in Novosibirsk vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt.


v.l.n.r.: Mario Bandi und Leonid Jusefowitsch

An dem Abend in der ZURAG Galerie stellte der Rundfunkautor Mario Bandi sein Radiofeature „Dschingis Khan für ein halbes Jahr. Baron Roman von Ungern-Sternberg, Herrscher der Großen Steppe“ vor. Bei seinen Recherchen fing Mario Bandi Erinnerungen an Ungern-Sternberg in der heutigen mongolischen Bevölkerung ein. Sein Feature vermittelt die komplexen Abläufe der damaligen Geschehnisse ohne ins Reißerische zu verfallen.


v.l.n.r.: Dr. Veronika Kapisovská und Dolmetscherin

Dr. Veronika Kapisaovská  von der Universität Prag trug Passagen aus ihrer Forschungsarbeit vor. Sie untersucht Überlieferungen von Ungern- Sternberg. Dabei stieß sie neben Romanen auf Lieder, die in der mongolischen Bevölkerung Verbreitung fanden und Bezug auf das Wirken des Barons nahmen.


Jürgen von Ungern-Sternberg

Ein entfernter Verwandter des Barons ist der Historiker Jürgen von Ungern-Sternberg aus Basel, der ebenfalls auf dem Podium saß. Er stellte den Anwesenden eine zusammengestellte Bibliografie zur Verfügung, in der er alles auflistete, was mit dem Baron in Zusammenhang gebracht wurde. Das führt von Science-Fiction-Literatur, über Comics bis hin zu einem Computerspiel. Diese Sammlung vergegenwärtigt, wie sich aus einer geringen Faktenlage ein großer Mythos entwickeln kann und immerzu wiederholt wird.

Der Schriftsteller Leonid Jusefowitsch aus Moskau hat einen Dokumentarroman über Ungern-Sternberg mit dem Titel „Selbstherrscher der Wüste“ geschrieben. Zum Umgang mit dem Mythos Unger-Sternberg sagte er auf der Veranstaltung: „In meinem Buch habe ich versucht die Mythen mit der Wahrheit zu verbinden, weil ich der Ansicht bin, dass der Mythos auch ein Teil der Geschichte ist.“ Der Roman liegt zurzeit nur in Russisch und Französisch vor.

Leonid Jusefowitsch bezeichnete den Baron als einen „Ideologen der Brutalität“.


Ch. Batbileg, Kulturattaché, in der Diskussion

Über das Wirken von Roman von Ungern-Sternberg wurde an diesem Abend ausführlich diskutiert. Fakt ist, dass in der Mongolei ein Bewertungswandel stattfindet. Während der Zeit bis 1990 wurde der Baron als Monarchieanhänger und mordender Antikommunist gesehen und verabscheut. In heutiger Zeit wird mehr sein Zutun bei der Bekämpfung der chinesischen Herrschaft in den Mittelpunkt gerückt. Doch stellte Jürgen von Ungern-Sternberg am Ende des Abends fest, dass eine solche Veranstaltung nicht dazu dienen sollte, den Baron von seinen schrecklichen Taten reinzuwaschen. Auch der Kulturattaché der Botschaft der Mongolei, Ch. Batbileg, bekräftigte, dass jetzt vielmehr die Wahrheit interessiere als der Mythos.

Die mongolische Botschaft unterstützte diese Veranstaltung ebenso wie die Robert Bosch Stiftung."


   

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Last Update: 10. Januar 2016