30 Jahre diplomatische Beziehungen Deutschland - Mongolei

Renate Bormann, Ulaanbaatar

Die ersten Kontakte zwischen Deutschen und Mongolen liegen schon eine Weile zurück: 1241 trafen in der Schlacht bei Liegnitz ein deutsch-polnisches Ritterheer und mongolische Reitertruppen aufeinander. Die Europäer erlitten eine vernichtende Niederlage. Das Schicksal Russlands und weiter Teile Asiens blieb ihnen jedoch erspart, weil die Mongolen und ihre Söldner unerwartet in die Heimat zurückkehrten. Innermongolische Angelegenheiten waren wichtiger geworden als ein weiterer Vorstoß nach Westen.

Bis zum 18. Jahrhundert dauerte es, ehe die Kontakte zwischen Mongolen und Deutschen erneuert wurden. Berliner und Leipziger Wissenschaftler, Herrnhuter und andere Missionare sammelten mündliche und schriftliche Nachrichten über die Kultur, die Sprache, die Lebensweise, die Religionen, die Sitten und Bräuche im "Land des ewig blauen Himmels", verfassten Wörterbücher, Reiseberichte und Lehrbücher.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bot die Berliner Universität als erste Bildungseinrichtung in Deutschland einen mongolischen Sprachkurs an.

1921 gründete W. Bornhorst eine Handelsfiliale in Niislel Khuree (seit 1924 Ulaanbaatar), fünf Jahre später reisten 35 mongolische Schüler zum Studium nach Leipzig und in andere deutsche Städte.

1928 verschlechterten sich die mongolisch-deutschen Beziehungen dramatisch. Bis 1930 wurden die letzten Studenten in die Mongolei zurückbeordert: Zu groß erschien den stalinistischen Machthabern in Sowjetrussland und in der Mongolei die Gefahr "feindlich-kapitalistischer Beeinflussung".

"Spionageverdacht" lautete der Vorwurf gegen den Kaufmann Rehder, als er 1926 in Ulaanbaatar verhaftet wurde, ein weiterer Kaufmann musste 1929 die Mongolei verlassen. Nach und nach zogen sich alle ausländischen Firmen aus der Mongolei zurück.

Während des 2. Weltkrieges standen die Mongolen an der Seite der antifaschistischen sowjetischen Truppen gegen Japan und Deutschland. Sie lieferten Fleisch, Wolle und Pferde an die Rote Armee, mit mongolischen Mitteln wurden ein Panzerregiment und eine Fliegerstaffel ausgerüstet.

Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges erreichten die deutsch-mongolischen Beziehungen eine neue Qualität. Die damalige Deutsche Demokratische Republik (DDR) und die Mongolische Volksrepublik (MVR) nahmen am 13. April 1950 diplomatische Beziehungen auf. Außerordentliche und Bevollmächtigte Botschafter begannen in Berlin und Ulaanbaatar mit ihrer Arbeit. Tausende junge Mongolen erhielten in der DDR eine Hochschul- oder Facharbeiterausbildung, DDR-Studenten lernten Mongolisch an der Staatsuniversität in Ulaanbaatar, nutzten darüber hinaus die Möglichkeiten, sich mit Natur, Geschichte und Kultur des zentralasiatischen Landes vertraut zu machen.

Offiziell gewürdigt wird allerdings auch in der Mongolei nur das 30-jährige Jubiläum des ersten Botschafteraustausches zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der MVR am 31. Januar 1974.

Nach der politischen Wende 1989, dem Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft, vom Einparteiensystem zur parlamentarischen Demokratie in der Mongolei und der Wiedervereinigung Deutschlands entwickelten sich die diplomatischen Beziehungen beider Länder unter neuen Bedingungen weiter. Im Oktober und November 1990 wurden Botschaften in Bonn und Ulaanbaatar eröffnet, im Jahre 2000 zog die mongolische Botschaft zurück nach Berlin und im vergangenen Jahr konnten die Diplomaten und Mitarbeiter der mongolischen Vertretung endlich in ihr neues repräsentatives Gebäude in der Berliner Dietzgenstraße einziehen. Botschafter D. Terbishdagva scheute sich nicht, selbst mit anzupacken bei der Gestaltung der Gartenanlage, beim Wegräumen von Schutt und Erde.

In beiden Ländern sind und werden dem Jubiläum eine Reihe von Veranstaltungen gewidmet oder geplant: Die dritte Konferenz des Mongolisch-Deutschen Forums, eine wissenschaftliche Konferenz zu den mongolisch-deutschen Beziehungen, eine Ausstellung mit archäologischen Funden der gemeinsamen Expedition in Karakorum, und ein deutsches Musikfestival in Ulaanbaatar. Außerdem soll eine Straße in Ulaanbaatar einen deutschen Namen erhalten. Noch nicht entschieden ist, ob eine Stadt oder eine namhafte Persönlichkeit zum Namensgeber auserkoren wird.

Auf Erlass von Präsident Bagabandi wurden mongolischen und deutschen Bürgern für ihre Verdienste um die Entwicklung der Beziehungen beider Länder hohe Auszeichnungen verliehen: Den Polarstern (Altan Gadas), die höchste Auszeichnung der Mongolei, für den Nestor der modernen deutschen Mongolistik, Prof. Dr. Heissig aus Bonn und Außenminister Erdenechuluun zuteil.

Mit dem "Silbernen Stern" wurden der Direktor der Deutschen Mongolei-Agentur, Dr. Bormann sowie der Abteilungsleiter im mongolischen Außenministerium, Herr Udval, geehrt.

In Mainz, bei der feierlichen Übergabe der Auszeichnungen an Prof. Heissig und Herrn Osswald, dem die Freundschaftsmedaille verliehen wurde, waren neben Mitarbeitern der mongolischen Botschaft auch die Repräsentanten von Regierung, Parlament und Wirtschaft zugegen.

Noch in diesem Jahr wird in verschiedenen deutschen Städten die Ausstellung "Chinggis Khaan und seine Nachfolger" gezeigt, auch die "Tage der mongolischen Wirtschaft" in Köln tragen dem 30. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen beiden Ländern Rechnung.

Der stellvertretende mongolische Außenminister, S. Batbold, würdigte in einer Feierstunde Deutschland als zweitgrößtes Geberland hinter Japan.

Ende 2003 waren 91 deutsche Unternehmen in der Mongolei tätig, die meisten in der Nahrungsgüterproduktion, im Handel, im Ingenieurs- und Bauwesen. Die Direktinvestitionen belaufen sich auf 5,9 Millionen US-Dollar. Nach Angaben des "Mongol Messenger" stiegen zwischen 2001 bis 2003 die mongolischen Exporte nach Deutschland von 1,95 Millionen Dollar auf 4,5 Millionen, die Importe von 30,3 auf 35,1 Millionen.

Offiziell studieren gegenwärtig in Deutschland 1 200 mongolische Studenten. Das Interesse der Mongolen an einer Weiterbildung, einem Studium oder einem Sprachkurs in Deutschland ist, trotz amerikanischer und japanischer Konkurrenz, ungebrochen.

Bisherige Höhepunkte in den beiderseitigen Beziehungen waren die Besuche von Bundespräsident Herzog in der Mongolei im Jahre 1998 und von Staatspräsident Bagabandi im Jahr 2000 anlässlich der "EXPO" in Hannover.

Deutschland unterstützt seit Beginn der 90 -er Jahre die wirtschaftlichen und politischen Umgestaltungen in er Mongolei.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) ist in Ulaanbaatar mit einem eigenen Büro vertreten, auch die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) unterhält ein Büro zur besseren Koordinierung ihrer elf Projekte im Land.

Für die meisten Deutschen ist die Mongolei immer noch ein exotisches Land, das Abenteuerlust und Neugierde weckt. "Das weinende Kamel", der bezaubernde Debütfilm einer Mongolin und eines Italieners, der zurzeit in mehreren deutschen Kino zu sehen ist, eignet sich bestens dafür, ein Land und seine Menschen zu entdecken, über eine fremde Welt zu staunen und zu versuchen, diese ein wenig zu verstehen.

54 oder 30 Jahre diplomatische Beziehungen sind eine Sache, die andere sind die alltäglichen Kontakte zwischen den Menschen verschiedener Kulturen und Weltanschauungen, die nicht immer konfliktfrei verlaufen. Dafür bieten sie, genau wie die offiziellen staatlichen und wirtschaftlichen Beziehungen, Entwicklungsmöglichkeiten.


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Last Update: 10. Januar 2016