Bogenschießen – Nationalsport in der Mongolei
Traditionen werden hoch gehalten!

Von Thorsten Trede / Gerelchimeg Chuluunbaatar-Trede

Bogenschießen kann man auf vielerlei Arten… und auf die mongolische Art! Wirklich etwas besonderes: Für den Schützen eine Herausforderung für den Zuschauer ein Erlebnis… und immer echt. Echt Mongolisch!

Männlich…

Bogenschießen ist in der Mongolei eine der drei als männlich geltenden Sportarten des Landes. Neben Ringen und Reiten bildet das Bogenschießen den Höhepunkt beispielsweise des Nationalfestes Naadam. Während in Deutschland der Bogensport ja eher ein Schattendasein fristet, werden die Schützen in der Mongolei begeistert gefeiert… auch Frauen mischen dabei sehr erfolgreich mit.
Neben den Profis besuchen heute auch Prominente bis hin zum Präsidenten des Landes und sein Premierminister die großen Wettkämpfe. Nicht selten greifen sie selbst zum Bogen und schicken den ein oder anderen Pfeil auf den Weg. Mentales Training, das Freimachen der Seele sowie der Spaß an der Sache sind die Hauptgründe für dieses sportliche Auftreten der Politiker.

Lang, lang ist es her…

Es war einmal… vor langer, langer Zeit, als die Mongolen noch in Familiensippen weit über die Steppe verteilt lebten, da wurde der Bogen als neue mechanische Jagdwaffe in den Gers (Jurten) erfunden und weiterentwickelt. In dieser Zeit war der Bogen ein reines Jagdgerät bzw. Arbeitswerkzeug, später wurde er eine militärische Waffe, in der letzten Zeit ist es ein reines Sportgerät geworden.

Einst hatte Dschingis Khan nicht nur fast ganz Asien, sondern auch große Teile Europas erobert. Einer der Gründe für seinen Erfolg war – neben anderen Techniken und der raschen Übermittlung von Nachrichten durch den ersten „weltumfassenden" Postdienst - die Tatsache, dass seine Bogenschützen aus vollem Galopp sicher trafen!

Dschingis Khan und seine Nachfolger verstanden es hervorragend, mit gewaltigen, straff organisierten Reiterhorden von bis zu 200.000 Reitern und der Fluchttaktik die Muslime zu besiegen. So täuschten die Mongolen einen Angriff vor, flohen dann, sogar über mehrere Tage, bis sie dann die sich in Auflösung begriffenen Verfolger in einen Hinterhalt lockten. Geschützt durch schwere Seidenkleidung war ihre Hauptwaffe der Bogen.

Teilweise ritten die „wilden Mongolen" zu zweit auf ihren Pferden. Einer „lenkte", einer schoss zielsicher Pfeil um Pfeil ins Ziel. Auch Spezialbögen kamen zum Einsatz mit sehr kurzem unterem Wurfarm und sehr langem oberen. Dadurch wurden die Reiter beim Schiessen wenig behindert und konnten „aus voller Fahrt" fliegen lassen! Typisch für die Technik der berittenen Bogenschützen ist auch das tiefe Spannen des Pfeils vor der Brust.

Der Sport ist geblieben…

Der Bogenschütze hat heute vor allem ein Ziel: Auf dem traditionellen Naadam will er seine Künste mit anderen messen. Gezieltes und hartes Training über das ganze Jahr sind dafür Mindestvoraussetzung. Neben diesem Training nutzen die Mongolen die verschiedensten traditionellen Gebräuche rund um das Bogenschießen, so dass der Sport viel von der ursprünglichen Mongolei hat.

Mongolische Bogenschießfeste entwickelten sich in verschiedenen Varianten und Formen. Die älteste Art ist der „Umzug der Pfeile" - Seit dem 13. Jahrhundert ist es dabei nicht wichtig zu treffen, sondern den Pfeil möglichst weit zu schießen… ein Sport für wirklich starke Männer! Bei anderen Veranstaltungen werden Bälle aus Leder an Bäumen aufgehängt und vom Pferd aus im vollen Galopp beschossen. Nur wer alle Bälle trifft, hat hier eine Chance, den Sieg davon zu tragen.

Eine andere Art ist „Sarampai-Schießen" – es wird auf an Bäumen befestigten Ziegen- oder Schafhäute geschossen. Die Entfernung beträgt 40 Bogenlängen und jeder Schütze muss mit 20 Pfeilen nacheinander schießen. Ausgewertet wird nach Punkten. Wenn hingegen auf die Abbildung eines Menschen auf einer aus acht Scharfhäuten gefertigten Decke, die in einem Holzrahmen gespannt ist, geschossen wird, so nennt man das „Daisan".

Naadam…

Zum Naadamfest kommt – neben dem Ringkampf und dem Reiten - die beliebteste Art des Bogenschießens zum Einsatz. Allein rund 500 Schützen nahmen im Juli 2002 an diesem Wettkampf teil. Die zentrale Kommission zur Vorbereitung des mongolischen Nationalfeiertages am 11. Juli, Naadam oder die „Drei Spiele der Männer", hat für die drei Wettkämpfe allein 182,5 Millionen Tugrug (1000 Tugrug entspricht etwa 1 EURO) zur Verfügung gestellt

Die Ziele im Wettkampf haben die Größe und Form einer Coladose und stehen auf dem Boden. Sie sind aus Leder gefertigt. Ziel ist es, mit möglichst jedem Pfeil die Ziele in rund 75 Meter Entfernung zu treffen. Die Kampfrichter stehen direkt bei den Zielen und zeigen durch Tanzen und Singen die Treffer an. Diese „Uuhailah" genannte Tradition ist ein einmaliges Schauspiel und ermuntert die Schützen. Gesungen wird als Gratulation („gut gemacht"), als Einladung zum Schießen („wir sind bereit") oder als Erfolgsgesang („der Pfeil ist angekommen und hat getroffen").

Der Wettkampf findet dabei weniger zwischen den Schützen als vielmehr für jeden Schützen allein statt. Gewinnen können alle Schützen. Gerüchte besagen, dass im Jahr 1919 von 122 Teilnehmern 120 alle Ziele getroffen haben. Alle 120 Schützen bekamen den Titel! Auch wer nicht alles trifft, bekommt einen wohlklingenden Titel: „Wunderbarer Schütze", „mutiger Schütze", „zuverlässiger Schütze" und so weiter…

Bogenschießen ist in der Mongolei wirklich Nationalsport und ein Erlebnis auch für Touristen. Nicht umsonst zieht es jedes Jahr Tausende zum Naadam in die Mongolei.

Quelle: mit freundlicher Genehmigung von Thorsten Trede und Gerelchimeg Chuluunbaatar-Trede  (Februar 2003)
Erschienen in und mit freundlicher Genehmigung von "Pfeil und Bogen 16/2003"


Die Autoren:

Gerelchimeg Ch.-Trede ist Leiterin der Asien Abteilung der APPLICATIO Training & Management GmbH und betreut Fortbildungsgäste vor allem aus der Mongolei – ihrer Heimat. Daneben ist sie als Dozentin im Bereich Marketing tätig.
Thorsten Trede ist Geschäftsführer der APPLICATIO Training & Management GmbH und schriebt nebenher für die Presse vor allem über die Mongolei. Im VENATUS-Verlag ist sein Buch „Lehrbuch der Bogenjagd" erschienen.

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Last Update: 10. Januar 2016