Wie die Sonne das Untergehen lernte

Mongolische Sage rund um einen Meister-Bogenschützen

Von Thorsten Trede / Gerelchimeg Chuluunbaatar-Trede - APPLICATIO Training & Management GmbH

 

Haben Sie sich auch schon immer gefragt, warum es Tag und Nacht wird? Warum ein Murmeltier nur vier Zehen an den Vorderbeinen hat? Warum der Schwanz des Milan gegabelt ist? Hätten Sie einen Mongolen gefragt, er hätte die Antwort gewusst…

 

Es war einmal…

… eine Zeit in den weiten Steppen der Mongolei. So weit das Auge reichte und noch viel weiter nichts als Steppe. Sanfte Hügel mit grünen Weiden. Edelweiß, wo immer das Auge hinfällt. Bis zum Horizont und noch darüber hinaus gingen Mensch und Tier ihrem Geschäft nach. Schmetterlinge und Grillen erfüllten die Luft, Maralhirsche und Wölfe bald hinter jedem Busch. Kein schroffer Fels und kein Stück Wüste durchbrach die Landschaft, wie dieses in anderen Teilen des Landes üblich war.

 

Ein Idyll für den Beobachter, ein Segen für die Menschen und Zufriedenheit unter den Tieren. Die nomadischen Viehzüchter lebten so, wie sie es seit Jahrhunderten taten. Wenn der erste Sonnenstrahl durch die Öffnung im Zeltdach der Jurte fiel, verließen sie ihr Heim durch die Tür gen Westen. Wasser aus dem nahen Fluss stand für die Morgentoilette bereit, der Milchtee dampfte auf dem mit Dung beheizten Ofen.

 

Jeden Morgen an jedem Tag in jeder Woche des Sommers wurden die Pferde eingeholt, gesattelt und warteten angebunden geduldig auf ihr Tagewerk. Der Vater einer jeden Familie verstaute seine Pfeife, seinen Schnupftabak und was er sonst noch brauchte in der Innentasche seines langen Kleides. Die Stuten wurden gemolken, schließlich sollte es am Abend frischen Airak, die vergorene Stutenmilch, geben. Eine Erfrischung für Groß und Klein.

 

Wie an jedem Tag kaum Zeit sich zu verabschieden, schon schwangen sich der Hausherr und sein Ältester in den Holzsattel. Mit Ziegen und Schafen, Yaks und Rindern ging es in Richtung Weiden. Immer bergan, um die tiefer gelegenen Weiden für den Winter zu schonen.

 

Die Tage waren lang und warm und wenn die Herden friedlich grasten und kein Wolf die Ruhe zu stören drohte, saßen die Menschen bei den Herden und hingen ihren Gedanken nach. Sie folgten den Seelen der Ahnen in den Tieren und lernten aus dem Flug der Vögel, dem Zug der Wolken und dem Spiel der Grillen.

 

Was leicht aussah, war nicht leicht. Immer wieder entfernte sich eine freche Ziege von der Herde, immer wieder versuchte ein Schaf, das Weite zu suchen und immer wieder wollten die Tiere gemolken, versorgt und gepflegt werden. Viel hatten die Menschen nicht… ihre Tiere waren ihr Reichtum und boten ihnen alles, was es zum Leben braucht: Milch zum Trinken, Fleisch zum Essen, Leder und Wolle für die Kleidung und vieles mehr.

 

Kurz vor Sonnenuntergang geht es dann zurück zur Jurte. Weiß leuchtete sie schon vom weitem in der grünen Steppe. Seit Jahrtausenden eine ideale Unterkunft. In einer Stunde auf- bzw. abzubauen, geräumig genug für eine Familie. Im Sommer gut belüftet im Winter gut zu beheizen und jedem Sturm trotzend. Halb Zelt, halb Haus steht sie da und wartet auf die Rückkehr der Männer von den Weiden. Viel Zeit bleibt nicht zur Versorgung der Tiere. Auf dem Ofen wieder Tee und eine starke Suppe von getrocknetem Fleisch. Frisches Fleisch gibt es nur im Winter, zu viel würde in der Hitze verderben, würde man im Sommer Schlachten. Dazu getrockneter Quark, eine Tasse Airak und ein paar Geschichten…

Meist sind es die Alten, die die Geschichten kennen und von Generation zu Generation weitergeben. Gegenüber der Tür sitzt der Hausherr, trinkt von seinem Airak, schnupft ein wenig Tabak und erzählt. Die Kinder in der Jurte verteilt auf dem Boden und die Frau vor dem Ofen mit dem Feuer beschäftigt lauschen interessiert.

 

Die Alten erzählen Geschichten von der Natur und den Menschen. Meist von der Natur, denn dieser ist man in der Mongolei verbunden – damals wie heute. Geschichten wie diese:

 

Es war einmal auch in der Mongolei…

… als die Sonnen vom Himmel brannten. Sie schienen nicht, sie brannten und sie verbrannten; kein Mensch, kein Tier, kein Grashalm - nichts war vor ihnen sicher. Mit den Tieren litten die Menschen und mit den Menschen die Tiere. Nichts war zu sehen von den weiten satten Weiden. Die Steppe glich fast einer Wüste. Die Gobi rückte näher!

 

Die Quellen versiegten in diesen Tagen, die Tiere verhungerten auf den trockenen Weiden und die Menschen wussten nicht mehr ein noch aus. Immer weiter mussten sie mit den Herden ziehen, um noch etwas spärliches Gras zu finden. Die Pferde wurden mager. Die Milch der Stuten reichte kaum für die Fohlen und in keinem Fall für den Airak der Familie.

 

Auch der Schamane wusste keinen Rat. Oft hatten sie ihn gerufen von nah und von fern und oft hatte er versucht zu helfen. Immer wieder sang und tanzte er sich in Trance. Immer wieder rief er die Ahnen und die Götter des Wassers, des Himmels und der Erde… und immer wieder bekam er keine Antwort! Was sollte bloß werden, wenn die Sonnen sogar die Kraft der Schamanen verbrannten?

 

Viele schwere Jahre gab es schon. Heiße Sommer, kalte Winter. Minus 40 Grad Celsius mit zwei Meter Schnee haben die Tiere verhungern und die Menschen mit der Herde zusammen in der Jurte Schutz suchen lassen. Eines wussten die Nomaden. Die Natur kann hart sein, aber immer ist sie gerecht. Und sie wussten: Aufgeben kann man nicht… es gibt immer eine Lösung und hinter allen Dingen einen Sinn.

 

Ein Lichtblick am Horizont

Ein Lichtblick, eine Hoffnung bestand noch. Nach vielen Versuchen hatte der Schamane endlich eine Lösung präsentiert. Erkhie Mergen[1] der Meisterschützen und sein Bogen konnten helfen, wenn überhaupt jemand helfen konnte.

 

Und so machten sich die Ältesten auf den Weg zu ihm. Viele Tage ritten sie auf ihren wilden kleinen Pferden. Eine Staubwolke verschluckte sie in der trockenen Steppe. Endlich erreichten sie seine abgelegene Jurte im fernen Tal. Auch hier kein Gras, kein Wasser und kaum Hoffnung! 

 

Den Bogen in der Hand stand der Kharvaach[2] vor der Jurte. Er schoss mal hierhin und mal dort hin und immer fanden seine Pfeile ihr Ziel. Zielscheiben verwendete er nie. Sein Pfeil traf wohin sein Auge fiel. Böse Zungen sagten, er entscheide erst nach dem Schuss, was sein Ziel gewesen sei und traf dadurch immer! Solches hatte er aber wirklich nicht nötig. Auge, Hand und Pfeil waren eins. Mit dem Pfeil ging seine Seele auf die Reise zum Ziel und fand den Stein, den Stock oder das letzte Grasbüschel in der Steppe.

 

Schon von weitem hatte er die Gäste gesehen. Wie bei jedem Nomaden schweifte sein Blick immer in die Ferne. Auch im Gespräch blickte er die Menschen nie direkt an sondern suchte am Horizont nach den Herden, willkommenen Besuchern und unwillkommenen Gästen wie Wölfen.

 

Zur Begrüßung wurden die Schnupftabakfläschchen ausgetauscht. Nachrichten der Familien überbracht und Neuigkeiten ausgetauscht. Nur langsam näherte man sich dem eigentlichen Thema, dem Grund des Besuches. Aber dann: „Kannst Du die sieben Sonnen mit Deinem Bogen vom Himmel schießen? Wir wissen sonst keinen Ausweg mehr. Die Sonnen verbrennen alles und auch die Schamanen wissen sich nicht zu helfen!“

 

Der Schwur

Bedächtig wie immer griff der Meisterschütze in seinen Del. Suchte hier und suchte dort und fand schließlich seinen Tabak. Eine kleine Priese für jedes Nasenloch... die Zeit verging. Die Alten wussten aus Erfahrung, wenn ein Nomade denkt, dann soll man ihn nicht stören, meist kommt dann nichts Gutes dabei heraus. Die Zeit schien still zu stehen bis der Meister aufblickte: „Ich kann nicht nur, ich werde und ich schwöre bei meinem Daumen[3]: Mit nur sieben Pfeilen werde ich die sieben Sonnen vom Himmel verbannen! Sonst will ich in einer dunklen Höhle leben, kein Mensch mehr sein und kein Wasser mehr trinken“

 

Immer trafen die Pfeile des Meisters ihr Ziel. Etwas Vorbereitung aber sollte dennoch sein. Sorgfältig wählte er sieben Pfeile aus, prüfte die Federn, untersuchte Schäfte, sortierte aus und entschied sich endlich. Vielleicht wollte er nur wichtig tun, vielleicht wusste er um die Bedeutung seiner Aufgabe.

 

Endlich suchte er sich einen Platz in der Steppe. Die Vorderbeine seines Pferdes fesselte er sorgfältig aneinander. Ein paar Schritte hierhin, ein Blick dorthin… endlich fand er einen Ort, der ihm günstig erschien.  Sorgfältig zielen musste der Meister nicht. Instinktiv trafen seine Pfeile, wo immer sein Blick hinfiel. So fielen ihm die erste und die zweite Sonne zum Opfer. Lautlos versanken sie im Nichts und wurden fortan nie mehr gesehen. Auch die dritte und vierte Sonne ereilte ihr Schicksal – die Pfeile suchten ihr Ziel und fanden es. Die fünfte und sechste Sonne hatten keine Chancen gegen das sichere Auge und die schnellen Pfeile des Meisterschützen.

 

Einen letzten Pfeil legte er auf die Sehne. Ein letzter Blick; Die Hand öffnet sich, der Pfeil verlässt surrend die Sehne. Doch plötzlich wandert ein Schatten vor die Sonne… ein Milan quert die Flugbahn des Pfeils. Der Pfeil spaltet den Stoß des Raubvogels im Flug und die kräftigen Federn lenken den Pfeil ab, werfen ihn aus der Flugbahn und retten die siebte und letzte Sonne! Ganz sicher hätte der Pfeil die Sonne getroffen, doch so verschwand er in den Weiten der Steppe.  Die Sonne nutzte ihre Chance und suchte hinter dem westlichen Horizont das Weite.

 

Hier und heute

Der Alte in der Jurte lehnt sich zurück und stopft seine Pfeife neu. Die Kinderaugen hängen an seinen Lippen und warten darauf, dass er endlich fertig werden möge und die Geschichte weiter geht. Ein tiefer Zug aus der Pfeife, ein Blick in die Runde und dann setzt der Alte erneut an:

 

So kam es, dass der Stoß des Milans gespalten ist, noch heute vermag man die Spuren des siebten und letzten Pfeils des Meisters zu erkennen, wenn man nur seine Augen öffnet; Und so kam es auch, dass es Nacht wird, wenn die Sonne im Westen das Weite sucht bis sie sich im Osten wieder vorsichtig hervortraut und den neuen Tag mitbringt.

 

Vogeljagd

Der Alte erzählt weiter und die Kinder fiebern der Geschichte entgegen:

Hochmut kommt vor dem Fall! Der Meister konnte es kaum glauben, dass ihm, dem besten Schützen unter den Sonnen, ein Schuss daneben ging. Er war böse, suchte und fand in dem Milan einen Schuldigen – was ihm nicht half und alles noch schlimmer machte…

 

Bei seinem Pferd – einem wunderschönen Schecken – angekommen, befreite er dessen Beine von den Fesseln und flüsterte er ihm zu: „Lass uns den Vogel fangen, auf dass er niemals wieder einen Pfeil in die Irre führt“. Das Pferd lauschte den Worten des Meisters und schwor: „Ich werden den Vogel für Dich fangen bis der nächste Abend kommt, sonst will ich meine Vorderbeine verlieren und nicht mehr als Pferd bei den Menschen leben“.

 

Und so machte sich das Pferd auf die Suche und auf die Jagd. Schnell war der Vogel mit dem gespaltenen Stoß gefunden und los ging die wilde Jagd. Mal hierhin, mal dorthin; mal jagte das Ross den Vogel, mal der Milan das Pferd. Wie ein wilder Tanz in der Steppe, ein Schauspiel der Natur. Keiner der beiden ermüdete und immer, wenn der Schecke den Milan zu fangen drohte, seinen Schwur fast erfüllt sah, flatterte dieser zur Seite und drehte den Spieß um.

 

Ein neuer Tag nahte, die siebte und letzte Sonne traute sich im Osten hervor. Erst wurden die Schatten kürzer, dann länger und immer noch ging die wilde Jagd über Stock und Stein. So sicher wie der Morgen kam auch der Abend. Die Viehzüchter kehrten zu ihren Jurten zurück, versorgten die Tiere und beobachten den Tanz der beiden Tiere. Als der letzte Sonnenstrahl über die Berge fiel, war es zu spät… der Milan flog ein letztes Mal zur Seite und hielt das Pferd zum Narren.

 

Die Kinder in der Jurte rutschen ungeduldig hin und her. Sie kannten die Lösung der Geschichte schon. Sie kannten die Tiere der Steppe, ihr Verhalten und ihre Eigenarten. Und so wussten sie, dass noch heute der Milan in der Dämmerung um die Reiter fliegt, sie jagt, gejagt wird wie in einem wilden Tanz.

 

Tiere, die aus Menschen wurden

Die Kinder wussten auch, dass als die Sonne unterging, die Zeit für das Pferd gekommen war: Es konnte seine selbst auferlegte Pflicht nicht erfüllen und ergab sich in sein Schicksal. Seit dieser Zeit leben in der mongolischen Steppe die Pferdespringer[4] mit langen Beinen hinten und kurzen vorn. Gescheckt wie ein Pferd und auf mongolisch mit gleichem Namen[5]. Jedes Kind in der Steppe kennt sie sehr genau, die kleinen Pferde. Erlernen sie doch an ihnen das Handwerk der Jagd und werden jeden Tag an den Schwur des Pferdes erinnert.

 

Aber auch der Herr und Meister des Pferdes, Mergen, der Bogenschütze, stand vor seinem Richter, den Bogen in der Hand. Er wollte nicht mehr als Mensch unter den Menschen leben, eine Höhle sollte sein Heim werden. Seine Daumen wollte er verlieren und fortan kein Wasser mehr trinken. Und so kam es, dass heute die Murmeltiere die mongolische Steppe bevölkern. An den Vorderbeinen fehlen die Daumen, sie trinken vom Tau der Gräser und leben in Höhlen.

 

Jeden Morgen kommen sie aus ihrem Bau und sehen, ob sich eine Chance ergibt, die Sonne zu schießen, um den Schwur nach langer Zeit noch erfüllen zu können.[6]

Kinderaugen leuchten, andere sind schon geschlossen, als sie Geschichte in der Jurte endet. Der Vater ist zum Ende gekommen und die Kinder haben erneut gelernt, das der Mensch ein Teil der Natur ist… ein Teil eines großen Ganzen.

 

Nachdem als letzte auch die Frau zu bett gegangen ist, werden sie alle am nächsten Morgen wieder aufstehen, die Herden hüten, Wasser holen, Holz sammeln und am Abend ihrem Vater lauschen, wenn er erzählt, wie…

  


[1] Erkhie = mongolisch für Daumen; Mergen= mongolisch für Meister

[2] Kharvaach = Meisterschütze mit dem Bogen

[3] Der Bogen wird in der Mongolei traditionell anders gezogen als bei uns. Der Daumen spielt dabei auf  

    Grund der Handhaltung um die Sehne und den Pfeil eine entscheidende Rolle.

[4] zu den Springmäusen gehörendes Nagetier; flüchtet so schnell, dass ein Reiter es nicht einholen kann: 

    (lat.: Allactaga maior )

[5] Der Name des Pferdspringers ist auf mongolisch „zweijähriger Schecke“ (mong. Alag Daaga)

[6] Im Mongolischen heißt ein Muskel des Murmeltieres „Menschenfleisch“. Dieses Fleisch wird nicht  

     gegessen und gilt als Überbleibsel des Meisterschützen, der zum Murmeltier wurde.

 

 

Quelle: mit freundlicher Genehmigung von Thorsten Trede und Gerelchimeg Chuluunbaatar-Trede

Der Beitrag ist auch erschienen in "Traditionell Bogenschießen - www.bogenschiessen.de )


Die Autoren:

Gerelchimeg Ch.-Trede ist Leiterin der Asien Abteilung der APPLICATIO Training & Management GmbH und betreut Fortbildungsgäste vor allem aus der Mongolei – ihrer Heimat. Daneben ist sie als Dozentin im Bereich Marketing tätig.

Thorsten Trede ist Geschäftsführer der APPLICATIO Training & Management GmbH und schriebt nebenher für die Presse vor allem über die Mongolei. Im VENATUS-Verlag ist sein Buch „Lehrbuch der Bogenjagd" erschienen.


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Last Update: 10. Januar 2016