Mongolei: Zahntechnik noch kein selbständiges Gewerbe
Deutscher Senior-Experte den dritten Sommer in Ulan-Bator
Fast zehn Jahre keine Zahntechniker ausgebildet

-- von Hugo Kröpelin / Berlin –

„Die waren entsetzt im Ministerium, als ich ihnen vor fast zehn Jahren sagte: Ich mache mich selbständig und eine private Zahnklinik auf", erinnert sich Dr. Zend-Ajuuschin Norowpil. Die Frau aus dem Bezirk Arkhangai hatte nach dem Studium in Irkutsk 25 Jahre lang Karriere gemacht und war bis zur Chefdentistin im Ministerium aufgestiegen. „Den Anstoß gegeben hat mir der 79. Weltdentalkongress 1989 in Mailand. In den vielen Ausstellungen am Rande und in den Gesprächen mit den anderen Fachkollegen habe ich erst einmal bemerkt, wie weit unser Land im Rückstand war." Im selben Jahr war Frau Norowpil zu postgradualen Kursen in Erfurt und Dresden, nachdem sie sich zuvor zweimal in Moskau bei Prof. Tamara Winogradowa sowie in Havanna weitergebildet hatte. „Als die Mauer geöffnet wurde, war ich in Berlin."

Mutig brach die mongolische Zahnärztin, die die 40 schon überschritten hatte, in ihrer Heimat eine „Mauer" auf – inzwischen gibt es im ganzen Lande 120 private Praxen. „Ich wollte nicht bis zur Rente auf einem sicheren Posten sitzen und zuschauen, wie unsere Dentalmedizin weiter hinter dem Weltniveau hertrabt." Sie nahm einen Kredit auf und kaufte für 180 000 DM „Super-Ausrüstungen aus Deutschland". Räume für ihre Privatklinik, die sie „Arono" (Erstling) taufte, fand sie in einer früheren Kinderkrippe. Fünf ihrer besten Schüler nahm sie gleich mit. Zu drei, vier deutschen Herstellern baute sie feste Geschäftsbeziehungen auf.

Inzwischen sind in ihrem Labor fünf Zahntechnikerinnen beschäftigt. „Die sind sämtlich angelernt. Damit sie mit der hochwertigen Technik noch besseren Zahnersatz herstellen, fragte ich bei der deutschen Botschaft an, ob sie mir nicht einen Zahntechnikermeister vermitteln kann."

Der Meister heißt Paul Hertkorn. Jahrezehnte hatte er in Schwäbisch Gmünd ein privates Labor, nun verbrachte der 69-Jährige im Auftrag des Senior-Experten-Service schon zum drittenmal die Sommermonate in Ulan-Bator. „Vor drei Jahren wurden einfache Kunststoffprothesen nach üblichem Polymerisationsverfahren gemacht", erinnert sich der Meister, „die werden in Deutschland nur als Interimsprothesen getragen." Er habe eine sehr gute Ausstattung vorgefunden, auch das handwerkliche Können der Laborantinnen sei recht ordentlich gewesen. „Zuerst habe ich zugeschaut und überlegt, was ich ändern kann", erzählt Hertkorn. Bei normalem Arbeitsauflauf schob der deutsche Senior pro Woche zwei Stunden Theorie ein. "Wie handhabt man die Gießtechnik, wie verhalten sich Metalle, Gips, Wachs und Einbettmasse, welchen Einfluss haben das Vorwärmen und das Abkühlen, wie bettet man richtig ein – das alles hatten die jungen Frauen bis dahin nicht gehört." Hierbei erlebte Paul Hertkorn dasselbe wie andere Seniorexperten: „Mongolische Deutschlehrer kennen unsere Sprache sehr gut. Da sie aber als Dolmetscher keine Fachleute in technischen Dingen sind, muss man ihnen vorher haarklein erklären, was man meint."

Anstoß genommen habe er zum Beispiel an der alten Einbettmethode. Die sei zwar zufriedenstellend gewesen. Er habe die Chefin aber überzeugen können, dass es sinnvoller ist, nicht an ein paar Gramm Einbettmasse zu sparen, auch wenn der Transport aus den Ausland teuer ist", schaut der schwäbische Meister zurück. „Jetzt im dritten Jahr machen die Mädels Modellgüsse, die ich auch in Deutschland verkaufen könnte." Schließlich habe er bewiesen, dass die im Modellgussverfahren angefertigten Prothesen viel genauer passen. Auf seine Anregung hin habe sich Dr. Norowpil auch von chinesischem Doubliergel getrennt und mit Silikon-Doubliergel aus Deutschland „ganz ordentliche Ergebnisse" erzielt.

Sägemodelle habe er eingeführt, damit man die Stümpfe zur Modellation von Kronen und Brücken mit Pins herausnehmen kann, und Split cast zum Herausnehmen der Modelle aus dem Artikulator mit Magnetplatten. „Vorher wurden Totalprothesen in Occludatoren gemacht. Mittlerweile werden auch Artikulatoren genutzt. Jetzt auch beim Modellieren von Zahnformen und Kauflächen, das habe ich mit den Frauen geübt", flicht der schwäbische Meister ein. Mit den Zahnformen klappe das schon sehr gut, bei Kauflächen gebe es noch Nachholbedarf. „Schritt für Schritt begreifen sie, dass man nicht mit der Hand, sondern mit dem Artikulator so weit vorarbeiten kann, dass der Zahnarzt nicht mehr am Patienten einschleifen muss." Da sie nicht löten konnten, hat er 1999 Brenner, Lot und Flussmittel mitgebracht und ihnen dies demonstriert. Wie eine Totalprothese funktioniert und wie man sie aufstellt, habe er den Laborantinnen theoretisch erläutert. „Jetzt bin ich mit den Modellgußprothesen zufrieden." Auch Keramikofen, Hochfrequenzschleuder und andere Higtech-Geräte werden hier sachgerecht gehandhabt. Im Goldförderland Mongolei, so hat der Deutsche hier erfahren, wird dieses Edelmetall sehr wenig verwendet, „denn es gibt keine speziellen edelmetallhaltigen Legierungen. Hier werden für Keramikverblendungen überwiegend NE-Legierungen eingesetzt. 20-Karat-Schmuckgold verarbeiten die Frauen allerdings zu Kronen und Brücken."

Gewerbliches zahntechnische Labore, die in Deutschland und vielen anderen Ländern mehrere Zahnarztpraxen bedienen, gibt es in der Mongolei noch nicht. Nach Aussage von Frau Dr. Norowpil sind die Zahntechnikerinnen ihrer „Arono"-Klinik die einzigen, die gießen und mit Keramik arbeiten können. In den anderen Praxen machen die Zahnärzte nur Prothesen aus Kunststoff oder lassen sie von Angelernten anfertigen. „Das gilt auch für die Universitäts-, die zentrale Zahn- und alle privaten Kliniken", zitiert Hertkorn die Geschäftsführerin, die auch Vizepräsidentin der Mongolian Dental Association ist. Gegenwärtig gebe es in Ulan-Bator 88 private Kliniken. „Klinik heißen die schon, wenn sie ihre Prothesen selbst machen", hat Hertkorn festgestellt. Aber das seien nur 48, war im städtischen Gesundheitsamt zu erfahren. Immer wieder sieht man in Ulan-Bator Wohnhäuser mit dem Schild „Schudni Emneleg" (Zahnklinik). Meist sind das 3-Raum-Wohnungen oder Etagen mit Warteraum im Korridor, auf der Treppe oder vor dem Haus.

Als der rüstige Schwabe dem mongolischen Sommer entflog, konnte er wieder einen wichtigen Teilerfolg vorweisen: Die „Arono"-Technikerinnen haben unter seiner Leitung ihre ersten gut sitzenden Oberkieferprothesen produziert.

„Aus den Augen" heißt für Frau Dr. Norowpil nicht „aus dem Sinn". Als sie letztes Frühjahr im selben Haus größere und hellere Räume beziehen konnte, ging die Oszillatorröhre der Hochfrequenzschleuder zu Bruch. „Ein Fax oder eine Mail genügt, dann besorge ich ihr dringend benötigte Ersatzteile. Der Adressat wohnt in Berlin und bringt das Päckchen zum Flughafen Tegel."

Hilfe in der Not erhielt Paul Hertkorn auch innerhalb der kleinen deutschen Kolonie. Da der Druckminderer, den er aus der Heimat mitbrachte, nicht auf die Sauerstoffflasche passte, wandte er sich an Helmut Helbig, den Projektleiter für Ausbildung in der Energiebehörde. Der fand in einer Werkstatt das richtige Anschlussstück.

„Wer einmal hier war, kommt bestimmt wieder." Diesen mongolischen Spruch bezieht der Mann aus Schwäbisch Gmünd auch auf sich. „Die Laborantinnen sind wissbegierig und bestrebt, neues so zu machen, wie ich es ihnen zeige." Bücher mit Abbildungen zehntechnischer Arbeiten aus Deutschland habe er ihnen gezeigt und immer wieder gehört: „So etwas möchten wir auch lernen."

In der Berufsbildung klafft nach den Worten von Frau Dr. Norowpil ein Loch von fast zehn Jahren. „Als der Sozialismus dahin schied, ist auf dem Bildungssektor manches zu Bruch gegangen." 1998 wurde erstmalig wieder Schüler für die dreijährige Zahntechnikerausbildung angenommen. „Zurzeit haben wir rund 80 Studenten, die von drei Dozenten unterrichtet werden" sagt Prof. Dr. Towuugin Batsukh. Er leitet das Medizinische College, das auch Krankenschwestern, Laborantinnen, Pharmazeuten und Mikrobiologen hervorbringt. Nach Aussage des Direktors muß der Lehrling, der hier als Student geführt wird, pro Jahr 195.000 Tugrik (ca. 190 Dollar) aufbringen, und das bei einen Prokopf-Durchschnittseinkommen von etwa 40.000 Tugrik. Umso mehr läßt die Feststellung des Professors erstaunen, er hätte jeden Ausbildungsplatz zwei- und dreimal vergeben können, so viele Bewerber gab es. Für die ersten Absolvente des Jahres 2001 lägen aus den Praxen schon Bestellungen vor. Im bescheiden ausgestatteten Praxiskabinett

herrschte gerade Ruhe. „Wir beginnen das neue Studienjahr mit allgemeingültigen Vorlesungen für alle", betont Batsukh." Die Lehr- und Lernmaterialien stammen sämtlich aus Russland und China und sind nach seinen Worten nicht auf dem neuesten Stand. Ein zweites Lehrkabinett werde gerade in der Zentralen Stomatologischen Klinik in der Innenstadt eingerichtet.

Paul Hertkorn hat die Abstriche, die er als Ausländer im Alltag dieses Entwicklungslandes machen musste, inzwischen weggesteckt. „Mal nur heißes, mal nur kaltes Wasser in der Wohnung – es gibt schlimmeres." In der Hauptstadt könne man alles kaufen, in der Provinz gehe es dagegen noch spartanisch zu. „Entschädigt hat mich bei einer Zehn-Tage-Reise nach Zezerleg, in den Heimatort von Frau Dr. Norowpil die wunderbare Landschaft der Waldsteppe. Mit dem Geländewagen nochmal sieben Stunden über Stock und Stein wurde ich bei ihren Brüdern, die nomadisierende Viehzüchter sind, herzlich aufgenommen. Das ist das urwüchsige Leben der Mongolen mit den nahrhaften Milchprodukten, duftenden Weiden und einem Himmel, der nicht von Abgasen aus Industrieschloten und zehntausenden Autos getrübtr wird."

Quelle: mit freundlicher Genehmigung von Hugo Kröpelin, News Stories Photos aus Berlin und Brandenburg
(Juli 2001)


   

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Last Update: 10. September 2006