"Johnny" steht immer früh auf
Mongolen mit DDR-Diplomen behaupten sich in der Marktwirtschaft
Von Hugo Kröpelin

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DAAD-Präsident Theodor Berchem

"In dir steckt mehr Deutsches", sagen die Eltern von Erdenebileg Zoros heute noch zu ihrem Sohn. Am Herder-Institut Leipzig lernte er Deutsch, an der Humboldt-Universität Berlin studierte er Biophysik, und am Institut für Physik und Technik der Akademie der Wissenschaften promovierte er. "Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit" nennt der 41jährige als seine wichtigsten "angelernten" deutschen Eigenschaften.

Davon kann man sich tagtäglich überzeugen, denn "Johnny" - so nannte ihn ein amerikanischer Studienkollege, weil sich Erdenebileg mit dem Titel "Jonon" (Prinz) schmücken darf - ist jeden Morgen um 7.15 Uhr in seinem Büro. "Bei diesem für Mongolen seltenen Arbeitsbeginn kann ich in aller Ruhe die Buchhaltung erledigen. Da so früh auch die Leitungen noch frei sind, versende ich E-mails und korrespondiere über Internet mit Geschäftspartnern in Singapur und den USA." Zu Beginn der 90er Jahre ist Erdenebileg aus seinem Fach aus- und mit seinen Fremdsprachenkenntnissen - dazu gehören auch Englisch, Französisch und Russisch - beim Europäischen Hilfsprogramm TACIS eingestiegen. Inzwischen ist er Generalmanager einer Straßenbaufirma. Mit der Philipp Holzmann AG hat er beim Bau der neuen Landebahn des Flugplatzes von Ulaanbaatar zusammengearbeitet. Im Herbst will er in Bayern die Fertigung eines neuen Straßenbelags studieren, für den in der Mongolei alle Rohstoffe vorhanden sind. Und im langen Winter? "Da betreibe ich eine Handelsfirma."

Umgestiegen ist Rooson Enchbat. Als er 1983 das Diplom der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst in seine Heimat brachte, fand er nicht gleich Arbeit und wurde Fotoreporter für die Monzame-Agentur. Er nutzte das Ende des Sozialismus und seine Kenntnis vom sehr schwachen mongolischen Druckereigewerbe für den Sprung in die Selbständigkeit. Heute ist er Direktor des Druckhauses ADMON, das mit repräsentativen Kalendern und Büchern sowie mit Firmenprospekten, Plakaten und Postkarten Gewinn macht.

Enchbat zur Seite steht als Berater ein Veteran unter den Mongolen, die nach 1945 ihre Ausbildung in der DDR erhielten. "Als uns der frühere DDR-Ministerpräsident Grotewohl eine Druckerei schenkte, wurde ich zum Maschinenbaustudium an die Technische Hochschule Karl-Marx-Stadt (jetzt wieder Chemnitz) delegiert", erinnert sich Bujandelger Borchondoi. "Die Druckerei wurde 1961 eingeweiht und ich 1962 als Technischer Leiter eingesetzt." Nach Posten als stellvertretener Kulturminister, Diplomat und Verlagsdirektor hatte ihn die "schwarze Kunst" 1992 bis 1996 wieder jetzt als Chef der zur Aktiengesellschaft gewandelten Staatsdruckerei. Zwei Dinge sind ihm heute noch wichtig: "Wir DDR-Absolventen konnten Störungen selbst beseitigen und Reparaturen ausführen - im Gegensatz zu denen aus Moskau, bei denen die theoretische Ausbildung überwog." Zum anderen hätten die jungen Leute aus der DDR Arbeitsdisziplin mitgebracht, "daran fehlt es der Jugend von heute." Als Rentner könnte er es nun ruhiger angehen. Aber Enchbat und er haben noch viel vor: Sie wollen aus der Staatsbibliothek uralte Literaturmanuskripte ausgraben, die schon Jahrhunderte miemand mehr gesehen hat, und verlegen.

Zedendamba Sarantujaa kam 1981 mit dem Diplom für Statistik und Wahrscheinlichkeitstheorie aus Dresden an die jetzige Technische Universität. Mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen AustauschDienstes (DAAD) promovierte sie 1996 an der TH Darmstadt. "In Dresden wurde uns alles serviert", stellt sie heute fest. "In Darmstadt mußte ich mich um alles selbst kümmern, auch um die Wohnung." Deshalb empfehle sie eine Universität oder Hochschule im Westen. "Dort wird man selbständiger und lernt besser, und außerdem: Zuviele Mongolen auf einem Haufen reden zuwenig Deutsch."

Fast in Vergessenheit geraten sind jene mongolischen Intellektuellen, die schon in den 20er Jahren in Deutschland weilten, dafür gemaßregelt und später rehabilitiert wurden. Um die Studien über diese Gruppe früher mongolischer Freunde Deutschlands voranzutreiben, will der DAAD, dessen Präsident Theodor Berchem (Uni Würzburg) seit Juli Ehrendoktor der Nationaluniversität Ulaanbaatar ist, seine Möglichkeiten ausschöpfen.·Nach der Wende hatte der DAAD rund 150 mongolische Vollstudenten aus DDR-Zeiten weiter betreut. Seit 1992 weilten bereits 50 mongolische Professorinnen und Professoren zu Studien an deutschen Hochschulen. 20 junge Mongolen haben gegenwärtig Langzeitstipendien in Deutschland. 1997 erhielt der DAAD den Auftrag, ein Stipendienprogramm der mongolischen Regierung zu betreuen, das erneut 50 jungen Leuten Fort- und Weiterbildung in Deutschland ermöglicht.

Quelle: mit freundlicher Genehmigung von Hugo Kröpelin, News Stories Photos aus Berlin und Brandenburg
(Oktober 1998)


   

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Last Update: 10. September 2006