Die Deutsche Mongolei Agentur aus Ulaanbaatar präsentiert:

Mit Hammelrücken und Kumys ins „Jahr des Schwarzen Pferdes"

Renate Bormann, Ulaanbaatar


Wer soll das alles essen...

„Wenn erst der Feiertag vorbei ist, dann mache ich dies und das..." so ähnlich stöhnen viele Mongolen kurz vor „Tsagaan Sar", dem wichtigsten mongolischen Familienfeiertag.

Alle sind in die wochenlangen Vorbereitungen einbezogen: Lebensmittel-, Kleider- und Geschenkeeinkauf, Hausputz und Speisenzubereitung. Und natürlich liegt die Hauptlast bei den Frauen. Sie sind es auch, die sich am meisten sorgen: Schmeckt es allen? Ist von allem genügend da? Gefallen die Geschenke? Ist wirklich kein Stäubchen mehr in der Wohnung oder Jurte zu finden?

Tsagaan Sar oder der Weiße Monat bzw. Mond heißt das mongolische Neujahrsfest. Es fällt je nach Mondstand in die Zeit zwischen Mitte Januar und Anfang März. Die Jahre werden zu zwölft nach dem asiatischen Tierkreiskalender gezählt und jeweils in 60-Jahr-Zyklen zusammengefasst.

In diesem Jahr ist es der 13. Februar, an dem das Jahr des Schwarzen Wasserpferdes das Jahr der Weißen Eisernen Schlange ablöst.

Der Tag davor gehört der Familie. Kinder, Enkel und Urenkel versammeln sich in der Behausung des Ältesten. Es wird gegessen, getrunken, geschwatzt. Am nächsten Morgen, bei Sonnenaufgang, gehen besonders traditionsbewusste Mongolen in ihre „Unglücksrichtungen" und kehren auf dem Wege ihrer „Glücksrichtungen" nach Hause zurück. Danach erscheinen die Jüngeren zur feierlichen Begrüßung bei ihren Eltern und Großeltern.

Hammelrücken, Buuze (mit Fleisch gefüllte Teigtäschchen), gesalzener Milchreis mit Rosinen, gekochte Fleischstreifen, Kheviin Boov, Milchtee und der mongolische Wodka, Arkhi, dürfen auf keiner Festtafel fehlen.

Besondere Aufregung gab es in diesem Jahr um den Kheviin Boov, ein längliches, abgerundetes, wie eine Sohle geformtes Mürbeteigstück. Die Bäckereien beklagten die stockenden Butterlieferungen. Nur mongolische Butter findet für das Traditionsgebäck Verwendung.

Die Gebäckteilchen werden zu einem, an ein Mandala erinnerndes, etagenförmigen Gebilde aufgeschichtet. Es muss immer eine ungerade Zahl an Schichten entstehen. Obenauf liegt eine Teigplatte, die mit Süßigkeiten und getrockneten mongolischen Milchspezialitäten belegt wird. Die Höhe des Kheviin Boov ist abhängig vom Alter und der Stellung des Hausherrn oder der Hausfrau. Niemals darf im Haushalt der erwachsenen Kinder etwa eine höhere Anzahl von Etagen aufgeschichtet werden.

Neben dem Arkhi ist jedoch ein Hammelrücken mit Fettschwanz – Uuts - das Nonplusultra auf dem Tisch der meisten Mongolen. In manchen Familien erfreut sich der Rinderrücken (Uvchuu), dem in der Regel ein Hammelkopf aufgesetzt ist, immer größerer Beliebtheit.

Khandsuren und Namsraijav, die fünf Kinder, mehr als doppelt so viele Enkelkinder und eine unbekannte Zahl an Freunden, Bekannten und Fremden zu bewirten und zu beschenken haben, mussten 60 000 Tugrik (etwa 60 Euro) für ihren Hammelrücken ausgeben.

„Dazu kommt das Fleisch für die Buuze - 800 haben meine jüngere Tochter und ich davon zubereitet, hoffentlich bleibt es kalt, denn wir haben alles auf dem Balkon eingefroren", sagt die 81-jährige Khandsuren mit einem skeptischen Blick aus dem Fenster.

In manchen Familien werden weit über 1000 der gekneteten, gefüllten und sorgfältig geformten Teigtaschen hergestellt. Schade, wenn dann alles auf- oder antaut.

Ist „Tsagaan Sar" in der Stadt ein Fest wie bei uns Weihnachten, leitet das Neujahrsfest auf dem Land eine Zeit intensiver Arbeit ein: Die Geburt der Jungtiere steht bevor. Und leider richtet sich auch in der Mongolei die Natur nicht nach dem Kalender. Es kann noch empfindlich kalt sein, wenn die Lämmer, Kälber, Fohlen, Zicklein und Kameljungen geboren werden. Verspätete Geburten bergen zudem die Gefahr, dass die Tiere in der günstigen, weil warmen und futterreichen Jahreszeit, dem Sommer, nicht genügend an Gewicht zulegen können und so für den langen, kalten Winter nicht ausreichend „gerüstet" sind.

„Tsagaan Sar" ist aber auch die Zeit der Lamas, Sterndeuter und Wahrsager, oft alles in einer Person vereint. Fast nicht mehr zu überblicken sind die „Mondkalender" für das Wasserpferdejahr mit detaillierten Beschreibungen der jeweiligen Glückstage, -stunden und -farben, der notwendigen Gebete, um Unheil abzuwenden, der zuständigen Gottheiten.

Die unregelmäßig erscheinende Zeitschrift „Noyod Khatagtai" (Herren und Damen) widmete ihre gesamte Januarausgabe den Wäg- und Unwägbarkeiten des kommenden Jahres.

Der Oberlama des Gandanklosters in Ulaanbaatar, D. Choijamts, wandte sich an seine Landsleute, anlässlich der bevorstehenden Feiertage mit der Aufforderung: „Trinkt wenig Schnaps, Airag (Kumys) nach Belieben!"

In diesem Sinne: „Saikhan Shineleerei !" Kommen Sie gut ins Neue Jahr!


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Last Update: 10. September 2006