Vom „Jurtendorf" ins Land der Jurten –
Erstmals junge Leute aus Schönefeld zum Ferienaustausch in die Mongolei

Von Hugo Kröpelin / Berlin


einige Teilnehmer mit der Leiterin der Gruppe Frau Protz (2.v.l.) vor der Wassmannsdorfer Jurte
Foto: Angela Hybsier

Waßmannsdorf, mit rund 1000 Bewohnern viertgrößter Ort der Gemeinde Schönefeld am Rande von Berlin, hält seit 2002 einen deutschen und europäischen Rekord: Nirgends in der Bundesrepublik und auf dem Kontinent war bisher ein Dörfchen mit fünf mongolischen Jurten zu sehen. Anlass war ein deutsch-mongolisches Volksfest in der 666 Jahre alten Kommune. Selbst auf der Expo 2000 in Hannover hatten es die Mongolen nur auf drei Jurten gebracht. Eines der prächtigen Filzzelte holte Bürgermeister Dr. Udo Haase gegen starke Konkurrenz in seinen Heimatort, denn seit 1998 gibt es eine sehr aktive Partnerschaft von Schönefeld mit dem Bajangol-Stadtbezirk der Hauptstadt Ulaanbaatar.

Anfang Juli wurden die Bestandteile der in der Mongolei vorherrschenden Familienunterkunft der Viehzüchter – hölzernes Scherengitter, Filzverkleidung, Stützen, Tür und Dachkranz von einheimischen Fußballern wieder zusammengebaut. Anlass war die bevorstehende erste Ferienreise von zwölf Kindern und Jugendlichen in die Mongolei. Denn deren Unterkunft werden zwei Wochen lang drei Jurten in Khandgait, einem malerischen Ausflugsgebiet etwa 40 Kilometer östlich von Ulaanbaatar sein. Hier in den bewaldeten Ausläufern des Khentejgebirges, einem Randgebiet der Taiga, wo es in diesem Jahr wie in der ganzen Mongolei stark geregnet hat, sind große Mückenschwärme unterwegs.

„Wenn Ihr die Jurte betretet, dann niemals auf die Schwelle treten", mahnt Dr. Haase, als er mit seinem Publikum die Jurte betritt. „Denn das bringt nach mongolischer Überlieferung Unglück." Rechts und links stehen jeweils zwei Betten, in der Mitte der Ofen, dessen Rauch über ein Rohr durch den Dachkranz abgeleitet wird, dahinter ein flaches Tischchen und ringsherum mehrere Hocker. Genau gegenüber der Tür, die immer nach Süden weist, steht die „Schrankwand", in dem die Hirtenfamilie Buddhafiguren und ander Wertsachen aufbewahrt. „Khoimor" heißt der Ehrenplatz für den höchsten Gast. Die oberen verglasten Schranktürchen sind sozusagen das Fotoalbum der jeweiligen Familie mit Aufnahmen von Hochzeiten, Militärdienstzeit, Auszeichnungen u.v.a.m. Noch eine Regel gibt der Bürgermeister den Reisenden mit auf den Weg: „Immer im Uhrzeigersinn um Ofen und Tischchen herumgehen." Diese Regel gilt auch für das Drehen der Gebetstrommeln in den Klöstern. Die Jurten von Khandgait sind elektrifiziert, Steckdosen ermöglichen den Anschluss von Lade- und anderem Geräten.

Mit 250 mongolischen Kindern und Jugendlichen werden die Waßmannsdorfer die Ferien verleben. Im 1800 Meter hoch gelegenen Khandgait, das im Winter das Mekka der hauptstädtischen Schlittenfahrer, Ski- und Eisläufer ist, gibt es Volleyball- und Basketballplätze, nach der Wende sind wie im ganzen Lande auch Billardtische aufgestellt worden. Geschenke überreicht man den Mongolen immer mit beiden Händen und nimmt sie auch so entgegen, weiß Dr. Haase, der als promovierter Mongolist bis 1990 in Ulaanbaater gearbeitet hat. Vorsichtig sein sollte man beim Airag-(Kumys-)Trinken: „Nicht gleich die ganze Schale leeren, denn die ungewohnte gegorene Stutenmilch kann durchschlagen." Das gelte auch für angebotene Speisen: „Kosten ist Pflicht, aber Aufessen muss nicht sein." Nützlich sein kann auch eine kleine Reserve Kohletabletten. Den Durst stillen sollte man nur mit industriemäßig abgefüllten Getränken oder mit Kaffee oder Tee. Abgekochtes Wasser sei ebenfalls ratsam für das Zähneputzen draußen in der Provinz. Auch für den Gang durch öffentliche Gebäude mit großen Gedränge gelte Vorsicht: „Materielles Elend hat nach der Wende noch mehr kriminelles Geschick hervorgebracht."

Vor dem runden „Hural", der Versammlung von Jugendlichen und ihren Eltern vor der Jurte, macht der Bürgermeister auch auf die intensive Sonneneinstrahlung aufmerksam und rät zu Sonnenschutzcremes mit hohem Lichtschutzfaktor. Für Souvenirjäger hat er Tipps: Verzichten sollte man auf religiöse Kultgegenstände, von denen im Handel Fälschungen kursieren. Auch Steine, Pflanzen und Tiere kassiert der mongolische Zoll ein. Personen, die man fotografiert, fragt man vorher am besten, ob es ihnen auch recht ist.

Nicht nur der Bürgermeister, auch Karl Mette, heute 65 Jahre alt, hat Mongoleierfahrung. Sein früherer Arbeitgeber, das Volkseigene Gut Waßmanndorf, hatte 1978 einen Partnerschaftsvertrags mit dem Staatsgut „Ernst Thälmann" Bornuur geschlossen. Der heute nicht mehr existierende Großbetrieb ca. 100 Kilometer nördlich von Ulaanbaatar, der wie die Randberliner Pflanzen- und Tierproduktion gemeinsam bewirtschaftete und mit schwarzbunten Kühen die Milchversorgung der Hauptstadt garantierte, tauschte kleine Brigaden und Urlaubergruppen aus. Als Dolmetscher damals mehrfach dabei: der heutige Bürgermeister.

Quelle: mit freundlicher Genehmigung von Hugo Kröpelin, News Stories Photos aus Berlin und Brandenburg
(Juli 2004)


   

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Last Update: 10. September 2006