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Interview mit Byambasuren Davaa
Regie: Die Geschichte vom weinenden Kamel

Wie verbreitet ist die Lebensweise der Nomaden in der Mongolei?

Es leben immer noch viele Familien als Nomaden, aber ihre Zahl ist stark zurückgegangen. Früher haben die Familien alles selbst produziert, was sie zum Leben brauchen. Das ändert sich heute. Viele Nomaden stehen vor der Entscheidung, ob sie auf die traditionelle Weise weiter leben wollen oder können. Vor allem die Jüngeren wollen in die Stadt, wollen Coca-Cola trinken und Gameboy spielen. Seit der Wende 1990 gibt es eine deutliche Zuwanderung in die Hauptstadt Ulaanbaatar. Vor 10 Jahren lebte etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung in der Hauptstadt, heute lebt die Hälfte der Gesamtbevölkerung in der Hauptstadt. Da gibt es Probleme, die es früher nicht gab, wie Arbeitslosigkeit und Alkoholismus.

Wann haben Sie zum ersten mal von dem Musikritual gehört, das wir im Film sehen?

Ich bin in der Stadt aufgewachsen, ich bin die erste Generation in meiner Familie, die in der Stadt geboren ist. Meine Großeltern waren Nomaden, sie gingen in die Stadt. Meine Mutter kam mit 15 oder 16 Jahren in die Stadt, mein Vater etwas früher. Für meine Großeltern gehörte das Musikritual noch zum normalen Alltag und war nichts besonderes. Wenn Du jeden Tag eine Tasse Tee trinkst und es zu deinem Alltag gehört, wirst du es nicht unbedingt deinen Enkelkindern erzählen. Von dem Ritual habe ich also nicht durch meine Großeltern erfahren, sondern durch einen Film. Anfang der achtziger Jahre habe ich einen Film gesehen, über eine Kamelmutter, die ihr Fohlen verstößt. Das war im Kinderpalast, wo es Filmvorführungen und didaktische Veranstaltungen gab für Kinder im Alter zwischen 9 und 16 Jahren. Ich machte damals mit bei einer Theatergruppe für Kinder. Der Film strahlte eine ganz besondere magische Kraft aus. Viele Kinder haben geweint, als sie den Film gesehen haben. Ich glaube, ich habe am lautesten geweint: Die Kamele haben mir so leid getan. Der Film hat sich fest in mein Gedächtnis eingeprägt. Wann immer die Rede von der Gobi war, kamen mir die Bilder aus dem Film in den Kopf und das wird auch für immer so bleiben.

Was hätten Sie getan, wenn Sie keine Kamelmutter gefunden hätten, die Ihr Fohlen verstößt?

Es gibt mehrere Fälle, bei denen das Musikritual angewendet wird. Ausgegangen sind wir daon, daß irgendeiner der Fälle eintritt. Sei es nach dem Tod eines Muttertieres durch Krankheit, oder nach dem Tod eines Fohlens durch einem Angriff von Wölfen. Der Herr, der Naturgeist, oder wie immer man es nennen mag, hat uns nicht mit dem traurigen Fall konfrontiert, daß ein Tier stirbt. Das war Glück. Wenn man einen Wunsch hat, dann erhört einen der Geist. Ich bin ein Mensch mit tiefem Glauben. Das brauche ich. Auch meine Großmutter war so ein Mensch. Meine Großmutter sagte zum Beispiel: „Meine Tochter, du sollst jeden Morgen an deinen Wunsch denken. Nicht an ein Ziel, an deinen Wunsch. Wenn er in Erfüllung geht, ist es schön, wenn nicht, ist es nur ein Wunsch. Denn wenn du an deinen Wunsch denkst, dann richtet sich deine Seele, dein Geist nach deinem Wunsch und hilft dir, bringt dir die Kraft, daß er sich erfüllt.“Die Frage, was wir getan hätten, wenn es nicht klappt, hat sich uns nie gestellt. Auch die Hochschule für Fernsehen und Film in München, die diesen Film produzierte, stellte die Frage nicht. Sie gab uns völlige Freiheit und setzte uns nicht unter Druck, daß es um jeden Preis klappen muß. Das hat uns den Rücken gestärkt.

Was wäre aus dem Kamelbaby geworden, wenn das Musikritual nicht angewendet worden wäre/nicht gewirkt hätte?

Das Kamelbaby hätte nicht aufgehört zu weinen. Das hätte kein Mensch ausgehalten. Dieses herzzerreißende Weinen. Kamele ertragen ganz schwer die Trennung von Mutter und Kind. Sie müssen das Trauma aufarbeiten und das erreichen die Nomaden durch Musik, durch Gesang. Seit ich mich mit dem Thema beschäftige, ist mir kein Fall bekannt geworden, wo das Ritual nicht funktioniert hätte. Ich habe mit sehr vielen Nomaden darüber gesprochen, aber ich habe nie gehört, daß es nicht funktioniert. In unserem Fall hat es einen Tag gedauert. Aber von den alten Nomaden weiß ich, daß es in anderen Fällen auch mehrere Tage dauern kann. Wenn einem alten Tier so etwas zustößt, dann dauert es länger. Jedes Kamel ist ein Individuum. Deshalb dauert es bei jedem Tier unterschiedlich lang. Das hängt von dem Charakter des Tieres ab.

Wie verdient die Familie ihren Lebensunterhalt?

Die Besonderheit der Nomadenkultur ist, daß sie alles, was sie zum Leben brauchen, selbst produzieren können. Zum Beispiel auch Seile, die sie brauchen. Sie produzieren alles selbst. Sie haben kein Kapital im Sinn von Geld auf einem Schweizer Bankkonto. Ihr Kapital sind die Tiere, die sie haben. Was sie haben, hat die Natur ihnen geschenkt. Deshalb ehren sei die Natur sehr hoch, weil sie wissen, daß ihre ganze Existenz in den Händen der Natur liegt. Sie sind freundlich zur Natur. Sie passen sich der Natur an und passen nicht die Natur sich an. Sie sagen sich, wir sind Menschen, wir sind intelligent, deshalb müssen wir uns der Natur anpassen und nicht umgekehrt. Das ist die Philosophie der Nomaden. Was sie produzieren und nicht für sich selbst brauchen, das verkaufen sie auf dem Markt und kaufen sich von dem Erlös Sachen wie Essensvorräte und Kleider. Sie sind glücklich mit dem was sie haben und können damit gut ihr Leben gestalten.

Wie lautet der Text von dem Lied, das bei dem Ritual gesungen wird?

Das angewandte Musikritual hat keinen Text, nur vier Buchstaben. In unserem Fall sind das die vier Buchstaben „Hoos“. Es wird die ganze Zeit nur dieses Wort „Hoos“ wiederholt. Das Wort an sich hat keine Bedeutung. Nur eine Wirkung. Es ist keine festgeschriebene Musik oder Melodie. Jeder macht es, wie er will, oder wie er es empfindet. Bei Schafen wendet man zum Beispiel die vier Buchstaben „Toig“ an. Das sind auch nur vier Buchstabe, die wiederholt werden: „Toig“, „Toig“, „Toig“. Jedes Tier hat seinen eigenen Laut. Vielleicht ist es der Laut, den es als Nähe wahrnimmt. Ich weiß nicht, wie sich das entwickelt hat, die Leute haben das immer so gemacht und weiter tradiert.

Wie haben Sie die Familie dazu gebracht, die Handlung zu “spielen”, nach der Sie gesucht haben?

Zum Beispiel habe ich die Nomaden gebeten, uns zu erzählen, was sie im alltäglichen Leben tun. Das hätten sie von alleine nicht getan, weil Menschen eben nicht über das reden, was für sie Alltag und von daher selbstverständlich ist. Also habe ich ihnen erklärt, daß wir vieles nicht kennen, was für sie selbstverständlich ist und daß wir uns dafür interessieren. Das haben sie verstanden.

Welche Filme oder Filmemacher haben Sie beeinflußt? Was ist Ihnen bei diesen Filmen oder Filmemachern wichtig?

Früher habe ich in einer anderen Welt gelebt, eine Welt, die auch vom Sozialismus und Kommunismus geprägt war. Dort diente der Dokumentarfilm in erster Linie der Propaganda und Berichterstattung. Als ich auf die Filmhochschule in München gekommen bin, habe ich einen riesigen Topf voller Informationen und Filmen gefunden und ich mußte mich entscheiden, wie viel ich davon auslöffle. Ich habe mich wirklich gefragt: Darf der Dokumentarfilm so weit erzählen? Ist das überhaupt noch ein Dokumentarfilm? Darf man so weit gehen? Ich bin ein Wüstenmensch. Ich kann nicht richtig schwimmen. Wenn ich das große Meer sehe, dann habe ich das Gefühl, das ist irgend etwas ganz, ganz Großes. Und genauso ist es mir gegangen, als ich die ganzen Schätze von Dokumentarfilmen hier entdeckt habe, das war für mich riesengroß. Ich bewundere viele Dokumentarfilmer. Aber ich nehme sie nicht als Referenz. Ich kann nur im Nachhinein sagen, in welche Richtung ich mit dem Film gegangen bin. Ich kann viele Filme nennen, die stark in mir geblieben sind, aber ich habe nie gedacht, ich will einen Film wie der und der machen. Das wäre unmöglich, denn ich habe meine eigene Geschichte und will meine Geschichte erzählen.

Hat die Familie den Film gesehen?

Ich habe der Nomadenfamilie den Film gezeigt und ich muß sagen, ich war bei einer Abnahme noch nie so aufgeregt, wie bei dieser. Der Familie sind die Tränen gekommen und sie haben auch viel gelacht. Die Urgroßmutter war ein paar Monate zuvor gestorben. Als ich das erfuhr, fühlte ich mich wirklich schuldig: Sie hätte den Film noch sehen können, wenn ich früher gekommen wäre. Aber das war ja leider nicht möglich gewesen. Es war ein großer emotionaler Moment. Ugna ist sehr nachdenklich geworden, als er die Urgroßmutter gesehen hat. Sein Urgroßvater war sehr traurig über den Tod seiner Frau und hat in seinem Schmerz gesagt, daß er ohne sie am liebsten auch nicht mehr leben will. Es war sehr emotional. Aber sie haben auch viel gelacht. Der kleine Junge ist inzwischen groß geworden und kann reden. Er war aufgeregt, seine Urgroßmutter zu sehen und hat immer gefragt: „Ist das bei uns zu Hause? Oder wie?“ Das Leben in der Mongolei funktioniert ganz anders. Nicht über das Fernsehen oder das Radio. Du denkst, das Leben in der Mongolei geht so langsam wie eine Schnecke. Aber die Worte gehen schneller herum als der Wind. Das Fernsehen findet bei den Menschen im Kopf statt. Wenn jemand mit einer Neuigkeit kommt, zum Beispiel von einer Zirkus tänzerin im Zentrum erzählt, dann machen sich die Menschen sofort ein lebendiges, genaues Bild im Kopf. Sie sind von den Bildern der Medien noch unbelastet und deshalb haben sie ein starkes Vorstellungsvermögen. Sie machen sich sofort ein Bild im Kopf. Jeder hat sein eigenes Bild: Der eine stellt sich die Tänzerin mit einer blauen Tracht, der andere mit einer grünen. Aber alle sehen etwas.

Das Interview führte Andrea Kriegl www.weepingcamel.com

Byambasuren Davaa,

geboren 1971 in Ulaanbaatar, Mongolei. 1989 bis ´94 Moderatorin und Regieassistentin beim Mongolischen Staatlichen Fernsehen, 1993 bis ´95. Studium „International Law“ an der Universität Ulaanbaatar, 1994 einjährige fotografische Ausbildung, danach bis 1998 Studium an der Hochschule für Filmkunst in Ulaanbaatar, ab 2000 Studium an der Hochschule für Fernsehen und Film München, Abteilung Dokumentarfilm. Die Geschichte vom weinenden Kamel ist ihr zweiter Film an der HFF.

Filme - Regie
2003 Buddha weist den Weg l Dokumentarfilm, Prod. 3SAT/ZDF, Video, 30 Min. (Buch, Regie, Kamera)
2001 Wunsch Dokumentarfilm, P. HFF, 16mm, 10 Min.
1999 Das orange Pferd Dokumentarfilm, Video, 42 Min.
1993 One World two Economies Dokumentarfilm, P. Mongolisches Fernsehen, Video, 2x45 Min.


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Last Update: 10. September 2006