Waren zumeist importiert
Mongolei acht Jahre nach der 1. Demo: Läden und Bars boomen
Von Hugo Kröpelin

"Weg mit der Sonderversorgung" hieß eine der Losungen, mit denen die demokratische Opposition im Frühjahr 1990 tausende Menschen zu den ersten Demos in Ulaanbaatar zog. Gemeint war ein Verkauf etwa auf dem Niveau, wie es zu DDR-Zeiten die Läden von "Delikat", "Exquisit" und vielleicht ein bißchen "Intershop" darstellten. In diesen Genuß kam, wer der Führungsschicht angehörte. Die Politbüromitglieder der führenden Partei und die höchsten Regierungsbeamten konnten den Binnenmarkt nicht mehr abschotten, ihre Nachfolger gaben die Preise frei und öffneten den Markt.

Vor allem in der Innenstadt von Ulaanbaatar nutzen Privatleute die Freigabe von Wohnungen, kaufen ganze Erdgeschosse oder Souterrains und richten dort kleine Geschäfte, Bars, Imbißbuden und sogar Bankfilialen ein. Im Zentrum fällt der Unterschied an den alten Häusern besonders auf: Rings um die Pizzeria oder die Cafe-Bar blättert die kahrzehntealte Farbe, die Außenwände der Gasträume erstrahlen in frischer Farbe auf frischem Putz. Da die Eingänge auf der Hofseite sind, wird vorn an der Hauptstraße eine Fenster zur Tür ausgebaut und eine Treppe mit Geländer gemauert. Zu gastronomischen Ehren gekommen ist auch eine Kultureinrichtung: Im einzigen Leninmuseum, das jemals außerhalb der UdSSR gebaut worden ist, kann man jetzt türkisch speisen. Im Foyer-Restaurant ist die riesige Rückwand mit purpurnem Stoff bespannt, und auf ihr ist in mehreren Sprachen zu lesen: "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!". Von hoch oben schaut als Büste Wladimir Iljitsch zu, wie die Serviererinnen alle Arten Kebab und andere Fleischgerichte auftragen. Die Funktionäre der Stadtkomitees der Revolutionären Volkspartei, das hier residiert, dürften ebenso zu den Gästen gehören wie die Mitarbeiter der Industrie- und Handelskammer und gut zweier Dutzend Firmen, die sich in einem nahen Ministeriumsbau niedergelassen haben.

Daß der "nichtkapitalistische Entwicklungsweg", wie ihn Lenin für die Mongolei vorgezeichnet hatte, nicht funktionierte, ließ sich in all den Jahren Sozialismus am permanenten Mangel ablesen. Selbst die Abgeordneten des Parlaments hatten darunter zu leiden. Von ihren Tagungen zweimal im Jahr wurden sie mit Bussen direkt ins Große Staatskaufhaus hineingefahren. Dessen Türen waren vorher für gewöhnliche Kunden geschlossen, die Regale neu aufgefüllt worden. Die Lebensmittelabteilung erinnert mit ihrer Eintönigkeit noch an die Zeiten bis 1990. Fleisch- und Wurstkonserven, Brot und andere Backwaren, Bier und harte Getränke kauft man besser auf einem der vielen Märkte. Die Auswahl ist größer, die Preise sind nicht immer höher. Hinter "Made in ..." liest man die Namen vieler Länder Asiens und auch des früheren Ostblocks.

Doch gleich ob State Department Store oder Markt - die Massenkaufkraft ist sehr niedrig. Das durchschnittliche Einkommen liegt etwa bei 100 DM, das offizielle Existenzminimum bei 25 DM im Monat. Doch eine Flasche Speiseöl kostet schon 3 DM, und wer an 23 Tagen hin und zurück zur Arbeit fährt ohne umzusteigen, zahlt dafür 12 DM. Ein durchschnittliches Gericht und dazu 0,5 l Bier von einer hiesigen Brauerei im genannten Restaurant verschlingen schon ein Drittel eines Existenzminimums. Inoffiziell ist jeder Dritte arbeitslos.

Quelle: mit freundlicher Genehmigung von Hugo Kröpelin, News Stories Photos aus Berlin und Brandenburg
(Oktober 1998)


   

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Last Update: 10. September 2006