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„Null-Serie" in der Mongolei – Deutsche Veterinäre wieder im Land der 2,4 Millionen Menschen und 32 Millionen Nutztiere
Von Hugo Kröpelin


Dr. Werner Beulig (l.) und Wolfgang Schnell aus der DDR halfen Mitte der 70-Jahre in der Mongolei zusammen mit anderen Veterinären beider Länder bei der Sanierung der Viehbestände. Nach dem der Dassellarvenbefall bei den Rindern sehr stark reduziert werden konnte, wurde die Kooperation auf die Bekämpfung der Weidezecken bei Schafen konzentriert. Schließlich sollten die Exportchancen der Velourpelz- und Lederbekleidungswerke durch bessere Rohstoffe vergrößert werden. Die DDR lieferte die Präparate und schulte die mongolischen Veterinäre. Wie erfolgreich diese damit gearbeitet haben, prüften die beiden Deutschen hier in einer Herde des Staatsgutes Darchan.

Der Ruheständler Dr.med.vet. Burkhard Enders aus Marburg hatte beim Senior-Experten-Service (SES) in Bonn seine Papiere eingereicht, weil er seine jahrzehntelangen Erfahrungen an Berufskollegen in Entwicklungsländern weitergeben wollte. Als ihm der SES einen Einsatz in der Mongolei vorschlug, nahm er an und sagte sich: „Wenn schon, dann nur mit Theodor Hiepe!" Beide sind in Weimar geboren. Schon vor der Mauer trennten sich ihre Wege, doch nie hatten sie sich so abgegrenzt, wie es die Mächtigen der DDR gern gesehen hätten. Der Professor Dr.Dr.h.c. für Parasitologie und Tropenveterinärmedizin von der Berliner Humboldt-Universität und der Sekretär der Parasitologischen Kommission trafen sich auf internationalen Kongressen und erinnerten sich nicht nur an gemeinsame Leipziger Zeiten. Zur Sprache kam auch die Mongolei, wo die DDR seit Anfang der 60-er Jahre im Auftrage des RGW (Comecon) bei der Bekämpfung der Tierseuchen die Federführung hatte. Prof. Hiepe kannte alle Kontrollergebnisse, mit denen die DDR-Veterinäre nach ihren Expeditionen im Frühjahr und Herbst nach Hause kamen, und legte gemeinsam mit ihnen fest, welche Seminare, welche Bekämpfungsmaßnahmen und organisatorischen Dinge auf die Tagesordnung der bilateralen Methodologischen Kommission gehörten. Die über drei Millionen Rinder, verteilt auf einer Fläche vier mal so groß wie Deutschland, waren nach vier Jahren frei von Dassellarven. Auch die Erfolge im Kampf gegen Räude, Zecken, Läuse und Flöhe wirkten sich für die Mongolei in höheren Exporterlösen mit Fleisch, Lederbekleidung und andere Erzeugnisse aus tierischen Rohstoffen aus.

Mit dem Übergang der Mongolei zu Demokratie und Marktwirtschaft und der Auflösung des RGW wurde die Viehwirtschaft privatisiert. Aus der knappen Staatskasse gab es keine Investitionen mehr für den Veterinärmedizinischen Dienst, und die nunmehr privaten Tierhalter mit Herdengrößen von 150 bis über 2000 Stück Vieh legten enorm zu. Zählte das Land mit heute 2,4 Millionen Menschen im Durchschnitt der 90er Jahre 25 Millionen Schafe, Ziegen, Rinder, Pferde und Kamele, so schwankt die Zahl jetzt um die 32 Millionen. Die gestiegene Cashmire-Nachfrage führte zur Verdoppelung des Ziegenbestands. Doch die Zersplitterung der früheren Großherden und die Verengung der Weideräume zog eine schlechtere veterinärmedizinische Betreuung der Herden und die Rückkehr bereits ausgerotteter Krankheiten bei allen Nutztieren nach sich, darunter Hyperdermose, MKS und Anthrax. Der Absatz der Tiere war nicht mehr staatlich garantiert. Finanziell schwache Herdenbesitzer verzichteten auf tierärztliche Behandlung oder konnten diese nicht bezahlen.


Veterinäre beider Länder prüften hier die Wirksamkeit des Bitterfelder Präparats gegen den Ektoparasitenbefall bei Rindern. Dietrich Mampe und Dr. Werner Beulig, (4.u.-2.v.r.) sowie Beamte aus dem mongolischen Landwirtschaftsministerium waren mit dem Ergebnis zufrieden. Fotos: Archiv/Kröpelin

Im zweiten Halbjahr 1999 wurden alle staatlichen Veterinärstationen versteigert. In deren Besitz brachten sich sowohl dort praktizierende Tierärzte als auch Zoo- und Veterinärtechniker. Wer nicht mitbieten konnte – und darunter viele, die zu sozialistischen Zeiten dank Seminaren, Methodik und Präparaten aus dem RGW große Herden saniert hatten – blieb auf der Strecke und verdingt sich heute berufsfremd. Die Zahl der Tierärzte sank von 3000 auf etwa 900. Der Viehbestand des Landes kletterte von rund 25 auf über 33 Millionen (1.1.1999: 335.600 Kamele, 3.163.500 Pferde, 3.824.700 Rinder, 15.191.300 Schafe, 11.033.900 Ziegen). Allerdings hat der Dsut-Winter 1999/2000 mehr als zwei Millionen Tiere dahingerafft: 1,272.348 Schafe, 687.449 Ziegen, 269.622 Pferde,10.820 Kamele). Durch den Tod von Muttertieren sind auch etwa eine Million Jungtiere ausgeblieben.

Wie kann man den zunehmenden Tierkrankheiten effektiv und nachhaltig Einhalt gebieten – dies bewog die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), zur Unterstützung ihres Projekts „Privatisierung des Veterinärwesens" beim SES deutsche Wissenschaftler und Praktiker anzufordern. „Es ging uns vor allem darum, die führenden Veterinärmediziner der Mongolei erstmalig in ein Postgraduierten-Training einzubeziehen", motiviert Projektleiter Dr. Franz-Volker Müller den SES-Einsatz. „Training for Trainers", für die Tierärzte der Universität, staatlichen Veterinäreinrichtungen und des Landwirtschaftsministeriums, ist seine Devise. „Denn die sind berufen, die Fort- und Weiterbildung der in den Weiten des Landes praktizierenden Tierärzte zu übernehmen."

Viele wichtige Details erfuhren Prof. Hiepe und Dr. Enders beim „Gang durch die Institutionen": Durch den Zusammenbruch des RGW-Marktes von 24.300 auf 15.000 Tonnen. Wie die amtliche Statistik ebenfalls ausweist, wurden 1999 31.900 Kamele, 350.700 Pferde, 809.400 Rinder, 4.397.900 Schafe und 3.140.00 Ziegen geschlachtet, was einem Netto-Fleischaufkommen von ca. 280.000 Tonnen entspricht. Um vor allem mehr Fleisch zu exportieren, müssen die Schlachtanlagen und die Veterinärinspektionen im Hinblick auf die Hygienestandards und die Effizienzsteigerung wesentlich verbessert werden, wissen auch die mongolischen Experten.

Vor 1990 wurden jährlich 84 Millionen Vakzinationen (zwei mal) flächendeckend vorgenommen – derzeit sind es noch 30 Millionen. Als die bedeutendsten Tierkrankheiten wurden genannt: Brucellose (67 Prozent), Enterotoxämien (17 Prozent, meist Todesfälle), Pasteurellosen (sechs Prozent), Salmonellosen (vier Prozent). Registriert sind auch Tuberkulose, Milz- und Rauschbrand, Streptokokken-Infektionen, Influenza, Leukämie, Lippengrind, Rotz bei Pferden, MKS, zuletzt im Frühjahr sowie Ekto- und Endoparasiten.

Im Ministerium, in der Tierärztlichen Vereinigung und in der landwirtschaftlichen Universität im Ortsteil Saissan gaben die Verantwortlichen rückhaltlos Auskunft über die Lage in ihren Bereichen. Vielerorts wurden der Berliner Professor als alter Freund aus früheren Zeiten und sein Marburger Kollege als prominenter Parasitologe gleichermaßen herzlich begrüßt. Im Forschungsinstitut für Veterinärmedizin, seit fünf Jahren Teil der Landwirtschaftlichen Universität, berichteten Direktor Prof. Dr. Byambaa und der wissenschaftliche Koordinator Prof. Dr. Erdenebaatar, dass die 140 Mitarbeiter, davon 98 in Laboren, derzeit an 13 Forschungsaufträgen arbeiten. Diese Aufträge erhalten sie vom Staat über die Veterinärämter. Beide Wissenschaftler hoben die intensive Kooperation mit Japan hervor, das dem Institut mit zwei Millionen US-Dollar zu europäischem Standard verholfen habe. Vier Forschungseinheiten befassen sich speziell mit Problemen der vier epidemiologischen Zonen des Landes Wüste, Steppe, Waldsteppe und Taiga.

An der Basis fanden die beiden Senior-Experten viele Informationen en miniature bestätigt. Im Kreis Altanbulag (8.000 Einwohner), gelegen in dem Bezirk, der die Hauptstadt umgibt und somit den Versorgungslagern am nächsten gelegen, arbeiteten vor der Wende fünf Tierärzte. Um den Tierbestand auf etwa einem Territorium etwa halb so groß wie Sachsen-Anhalt (10.000 Rinder mongolischer Rasse, 20.000 Pferde, 79.000 Schafe und 35.000 Ziegen) kümmern sich Tierarzt Zeren-Otschir, seit zwei Jahren mit privater Praxis, und drei Veterinärtechniker. Sie vakzinieren jährlich etwa 70.000 Tiere und behandeln 40.000 Schafe und Ziegen mit Dip in stationären Anlagen. Bei 40.000 Tieren werden mit Ivomec Ekto- und Endoparasiten bekämpft. Während Impfstoffe und Antiparasitika in begrenztem Maße vom Staat bereitgestellt werden, müssen der Arzt und seine drei Techniker andere Medikamente und Präparate privat beschaffen. „Vorausgesetzt, sie sind überhaupt vorhanden", schränkt Tierarzt Zeren-Otschir ein. Er klagt über die mangelhafte Versorgung für die Labore und fehlende Instrumente und Medikamente. „Wir haben keine Zentrifuge, kein Mikroskop und keinen Sterilisator. ‚Bakhgui‘ (nicht da) sind auch chirurgische Instrumente, Spritzen, Röhrchen und anderes. „Wir wollen den mongolischen Kollegen helfen, die erzeugten tierischen Lebensmittel weltmarktfähig zu machen", erklärten

Prof. Hiepe und Dr. Enders zum Abschluss ihres Einsatzes. In dem mit den Chef-Veterinären und der GTZ abgestimmten Seminarprogramm sprachen sie u.a. über Zoonosen, Prävention und Therapie bei ausgewählten Infektionskrankheiten, Jungtierkrankheiten und Kosten-Nutzen-Analysen für ausgewählte Bekämpfungsformen bei mehreren Krankheiten. „Mit gespannter Aufmerksamkeit hörten die hiesigen Fachleute meinen Vortrag über BSE", stellte Prof. Hiepe fest. „Auf solche Katastrophen müssen sie vorbereitet sein, denn BSE entstand über das Tiermehl von Schafen mit Scraebie." Die Senior-Experten zeigten den zu DDR-Zeiten entstandenen Film über die Bekämpfung der Dassellarven als Video. „Das wurde uns nahezu aus den Händen gerissen und so kopiert, dass es nun für alle Bezirke zur Verfügung steht", betonte Hiepe. Bei „train the trainer" ging es vorrangig um Infektionskrankheiten und die Untersuchung von Lebensmitteln tierischer Herkunft. Beide Senioren berichteten auch von der hoheitlichen Stellung der Tierärzte in Deutschland und erfuhren von mongolischen Gesetzentwürfen, mit denen den Tierärzten rechtliche Grundlagen eingeräumt werden sollen.

„Wir waren die ‚Null-Serie‘ von SES-Experten des Veterinärwesens in der Mongolei", stellten Hiepe und Enders fest. „Viel ist noch zu tun, damit die Gesundheit des stark gestiegenen Viehbestandes wieder das Niveau vom Ende der 80er Jahre erreicht." Deutsche Senioren der Veterinärmedizin haben hier noch ein großes Betätigungsfeld.

aus „Berliner und Münchner Tierärztlichen Wochenschrift Nr. 1 / 2002.
Quelle: mit freundlicher Genehmigung von Hugo Kröpelin, News Stories Photos aus Berlin und Brandenburg


   

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Last Update: 10. September 2006