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Schöne Sättel, wunde Hintern
Auf Pferden durch die Mongolei

von Hajo Frölich

Vier Monate, von April bis August 1999, wollten wir quer durch die Mongolei reiten. Henrik und ich, angehende Studenten aus Hannover, waren im Umgang mit Pferden blutige Anfänger. Das wurde uns schon bei der Ankunft in Ulan Bator schmerzhaft bewusst: Die Pferde, sagte uns ein mongolischer Freund, seien noch zu sehr geschwächt vom Winter. Wir sollten bis zum Sommer warten. Das taten wir auch, und so wurden aus vier Monaten sechs Wochen als Steppencowboys. Aber von denen zehren wir bis heute.

Dass er sich Sorgen macht, lässt Tömör uns deutlich spüren. Gestern Abend, als wir die Pferde zum Weiden aus dem Ort führten, redete der 27-Jährige pausenlos auf uns ein. Dass wir nicht vergessen, die Tiere nachts sorgfältig anzubinden, dass wir sie in der Mittagshitze bloß nicht grasen lassen, dass wir sie regelmäßig tränken.

Heute beim Abschied ist der sonst so lustige Mongole ganz still. Er kennt unsere beiden Wallache seit Jahren, vor drei Tagen haben wir sie seinem Vater abgekauft. Der beige heißt jetzt Ezechiel, Niemand der rostbraune. Noch einmal legt Tömör seine Arme um ihren Hals, streicht jedem über die Stirn. „Sajn jawaaraj", flüstert er beschwörend, „Gute Reise".

Daheim in Hannover hatten wir die Marlboro-Werbung und Terence Hill vor Augen, im Kopf Erzählungen von Sven Hedin. Jetzt, endlich im Sattel, den Hut weit in den Nacken geschoben, ist uns doch etwas mulmig zumute. Eine Weile noch winken Tömör und seine Cousine Ganga, dann sind wir allein. Dass wir weder reiten können noch Mongolisch oder auch nur Russisch sprechen, daran denken wir jetzt nicht.

Vor uns windet sich zwischen grünen Hängen der Orchon. Der 1124 Kilometer lange Fluss entspringt in der Mitte der Mongolei, im Aimag (Provinz) Archangai und mündet, mit der Selenga vereint, hinter Ulan Ude in den Baikalsee. Wir reiten seinen Quellen entgegen, ins Changai-Gebirge hinauf, die warme Sonne des Junimorgens im Rücken. Nach Westen, wie im Film.

Auf der russischen Generalstabskarte sind unsere Finger die Route in den letzten Tagen immer wieder entlang gerutscht: Erst eine durchgehende schwarze Linie entlang des Stromes, nach 100 Kilometern Piste verlieren sich einzelne Strichel zwischen Höhenlinien und dem abrupten Dunkelgrün der Farbkopie - die Steppe geht in Wald über, und abseits der Weiden am Fluss wird es einsamer. Hinter den Bergen dann liegt Tsetserleg, die Hauptstadt des Aimag, unser erstes Etappenziel. In zwei Wochen wollen wir dort sein.

Zum Abschied gab es gestern Abend Wodka, die günstige Halbliterflasche mit dem Kronkorken. Nebeneinander hockten wir vier, Ganga, Tömör, Henrik und ich, auf einem Hügel über der kleinen Stadt, vor uns in der Dunkelheit nur vage Umrisse und einige kleine, gelb erleuchtete Fenster.

Das Nest in der kalten Steppennacht heißt Karakorum, und es war nicht immer so verträumt. Wo die Berge den Orchon in die Steppe entlassen, wurde 1235 auf Geheiß Ögedei Khans, Sohn und Nachfolger Dschingis Khans, die Hauptstadt des Mongolischen Reiches errichtet. Ein Erdwall umfasste das zwei Quadratkilometer große Rechteck. Übriggeblieben sind vier Schildkröten. Groß wie Ochsen markieren die behauenen Granitblöcke die Eckpunkte der einstigen Kapitale.

Das neue Karakorum nebenan ist eine typische mongolische Provinzstadt. Wenige gemauerte Gebäude stehen im Zentrum, umgeben von ausgedehnten Jurten- und Holzhaussiedlungen. Drei silbrig glänzende Getreidesilos, vor wenigen Jahren von einer japanischen Firma aufgestellt, bilden die Skyline.

Der Gewitterregen gestern hat den Fluss anschwellen lassen. Heute ist der Himmel wieder klischeeblau, gegen Mittag beginnt die Sonne, die schattenlose Landschaft auszubleichen. Behäbig setzen die Pferde Huf vor Huf, der breitere Ezechiel vorne, dicht dahinter Niemand, so dass der Schweif des Kollegen die Bremsen von der eigenen Schnauze fegt. Unten rauscht der Orchon, und darüber legt sich im Viervierteltakt hart das Knirschen von Kies unter den Hufen. Jetzt ist es Zeit für eine Cowboyzigarette. Allein, was macht ein Cowboy nach dem Rauchen?

Stunden vergehen, bis sich in der Mittagshitze hinter einem Felsen hervor ein Dutzend Pappeln in den Blick schiebt, endlich Schatten. Zwischen den Bäumen kramen wir Brot und eine Fischkonserve aus den Satteltaschen. Niemand und Ezechiel dösen, einen Hinterhuf leicht vornüber gekippt, die Augen geschlossen.

Müder als unsere Pferde aussehen, fühlen wir uns. Die mongolischen Sättel sind keine Sessel. Das Aufsitzen nach zwei Stunden Pause tut weh - unsere Oberschenkel haben sich an den hölzernen Kanten wund gerieben, bald schmerzen die Knie wegen der ungewohnten Haltung in den kaum unterarmlangen Steigbügeln. Doch das elegant geschwungene, leuchtend orange lackierte Holzgestell, der dünne dunkelrote Filz, den vier untertassengroße Messingornamente auf der Sitzfläche halten, die breiten, schweren Steigbügel - das viel bequemere, aber schmucklos-schmutzigbraune russische Modell war chancenlos.

Als wir uns am anderen Morgen in offenen Schuhen und Boxershorts hintereinander aus dem Zelt schieben, stehen zwei Kinder vor uns. Stumm hält der Junge eine kleine Milchkanne in der Rechten: Airag, vergorene Stutenmilch. „Wie Traubenwein prickelt sie auf der Zunge und hinterlässt einen Geschmack wie Mandelmilch", notierte Wilhelm von Rubruck 1254 auf seiner Reise nach Karakorum. Der Franziskanermönch aus Flandern hielt auch die Nebenwirkungen des erfrischenden Saisongetränks fest. Der leicht alkoholische Airag steige „jenen, die nicht viel vertragen können", zu Kopf. Wir werden häufig zu einer Schale eingeladen. Oder zu zweien. Der Mönch hatte recht.

Schüchtern deutet jetzt das Mädchen in Richtung der drei schneeweißen Gers, mongolischer Jurten. Ihr Bruder bekräftigt nickend die Einladung.

Einsam oder gar menschenleer ist die Steppe nicht. Zwar leben die rund 2,5 Millionen Mongolen auf der mehr als vierfachen Fläche Deutschlands. Doch die Menschen auf dem Land sind Nomaden, ihre Schafe, Ziegen, Jaks, Kamele und Pferde brauchen große Weideflächen. Dörfer sind selten, statt dessen steht in den Flusstälern mit den saftigen Wiesen alle Pferdeviertelstunde ein Ger. Und weil oft auf Kilometer kein Strauch den Blick behindert, bleibt niemand ungesehen.

Als wir vor den Filzzelten absitzen, haben uns die struppigen schwarzen Wachhunde längst angekündigt. Der Familienvater tritt uns als erster entgegen. Viele der Töchter, Söhne und anderen Familienmitgliedern, die hinter ihm stehen, haben den traditionellen Deel an, einen langen Filzumhang, den ein breites Tuch aus Seide über der Hüfte zusammenhält. Täglich getragen und auch als Decke genutzt, hat das robuste Kleidungsstück bald nichts mehr mit der schillernden Volkstracht auf den Postkarten gemein.

Vor der niedrigen, orange und blau lackierten Holztür steht blinzelnd die Mutter. Sie deutet in die Dunkelheit des Zeltes und lächelt. Vorsichtig heben wir unsere klobigen Wanderstiefel über die hohe Schwelle. Sie zu berühren, brächte Unglück, was kein neuer Glaube ist. Rubruck, den der französische König Ludwig der Neunte zum Großkhan geschickt hatte, musste an einer Feier im Palast ohne seinen Gefährten teilnehmen. Weil dieser „einmal die Schwelle verletzt hatte", verweigerten ihm die Mongolen den Zutritt.

Im spärlichen Licht, das durch die Dachöffnung dringt, sitzt, rechts vom Eingang, eine alte Frau auf dem Bett. Die Großmutter mit dem dunklen, zerfurchten Gesicht nickt vorsichtig. Wir sind augenscheinlich weitgereiste Gäste, also müssen wir viel essen. Vor dem kleinen Buddha-Altar gegenüber der Tür steht ein niedriger Holztisch. Die Mutter beginnt aufzutragen: Aaruul, in der Sonne steinhart getrockneter, saurer Quark, Etski, ein braungelber, krümeliger Käse, schließlich der weiche, weiße Bjaslak. Dazu schenkt sie aus einer roten blechernen Thermoskanne Milchtee in zwei Schalen. Laut schlürfend nehmen wir den ersten brühheißen Schluck. Der trübweiße Tee ist kräftig gesalzen. Aus dem Winkel neben dem Bett holt die Mutter nun auch noch eine Schüssel Tarag, Joghurt. Die vielen Milchprodukte gibt es nur während des Sommers. Sonst beherrschen Schafs- und Ziegenfleisch die Mahlzeiten. Weiß glänzend schwimmen dann die Fettbrocken in der Suppe. Man kann sie aussortieren, wenn man die Gastgeber beleidigen will.

In Ulan Bator gibt es Schokoriegel, Pizza und einen Supermarkt, der das komplette Sortiment einer deutschen Lebensmittelkette führt. Seit den ersten freien Wahlen vor zehn Jahren hat sich die ehemalige Volksrepublik beständig nach Westen geöffnet. Die 700.000 Einwohner der Hauptstadt sehen heute viele japanische, deutsche oder amerikanische Firmenschilder. Im Nachtclub „Ikra" treffen sich die übriggebliebenen Russen. Als die Sowjetunion noch existierte, waren sie die einflussreichste und bei weitem größte Gruppe von Ausländern. Die Mongolische Revolutionäre Volkspartei (MRVP), die mehr als 70 Jahre lang die Regierung stellte, stand im Ruf einer Marionette Moskaus.

Wie die 6306 Eisenbahnkilometer entfernte Hauptstadt Russlands hat auch Ulan Bator seinen zentralen Versammlungsplatz samt Mausoleum. Der graurote Marmorwürfel verwahrt die Urne des Revolutionshelden Suchbaatar. Das Reiterstandbild des „Axt-Helden" findet sich als Hintergrund vieler Erinnerungsfotos in den Gers auf dem Land wieder. Die Statue ist nicht nur Symbol der Hauptstadt, der rote Reiter ist auch politisch wieder aktuell. Die Privatisierung der Viehherden nach dem Ende des Kommunismus hat viele Mongolen auf dem Land verarmen lassen. Manche suchen ihr Heil in der Hauptstadt, die ärmlichen Jurtensiedlungen am Stadtrand wachsen. Andere bleiben Nomaden und wirtschaften mehr schlecht als recht mit ihren Herden. Bei der Parlamentswahl 1996 war die MRVP mit 25 von 76 Sitzen zum ersten Mal in ihrer Geschichte in die Opposition gewandert. Die ungewohnte Rolle blieb ein Intermezzo - Anfang Juli 2000 feierte die MRVP ein grandioses Comeback: 70 Vertreter im grauen Parlamentsgebäude haben das rote Parteibuch, eine Mehrheit fast wie in alten Zeiten.

Während der vergangenen vier Jahre hatte sich gezeigt, was die alten Machthaber den jungen demokratischen Parteien voraus haben: Erfahrung. „Die haben dieses Land 70 Jahre lang regiert, die meisten Demokraten haben davon keine Ahnung", sagt Bat leise. Der Mann aus Ulaanbaatar ist Anfang 30, 1996 noch hatte er voller Enthusiasmus demokratisch gewählt. Jetzt versucht er, seinen Sinneswandel zu erklären. Das Mehrparteiensystem wollten die Kommunisten gewiss nicht wieder abschaffen, versichert er. Aber die MRVP profitiert von der Enttäuschung über die neue Zeit - mal wurden in den letzten Jahren Volksvertreter wegen Korruptionsaffären verhaftet, dann herrschte monatelang Stillstand, weil sich die Abgeordneten mit dem Präsidenten nicht auf einen neuen Regierungschef einigen konnten.

Auf dem Land sind diese Probleme weit entfernt, andere Dinge wichtiger. Als wir Gastgeschenke für die Reittour einkaufen wollten, hatte Bat uns sofort zu Bonbons geraten, „für die Kinder". Zwölf Packungen haben wir schließlich zwischen Töpfe und lange Unterwäsche in die Satteltaschen gestopft. Das kleine Mädchen, dem Henrik ein Bonbon anbietet, nimmt unsicher die ganze Tüte - alle im Ger lachen, und unsere Gastgeber und wir sind uns wieder ein bisschen weniger fremd. Wir kramen Fotos von Familie und Freunden hervor. Im dichten Halbkreis drängen sich alle um den alten Mann, der die Bilder mit zusammengekniffenen Augen und zurückgeschobenem Kopf betrachtet.

Minij Eedsh, meine Mutter, Minij Duu, mein kleiner Bruder - Verwandtschaften haben wir schnell gelernt, die Fotos bringen es mit sich. Die Familie ist wichtig in der Steppe. Häufig leben drei Generationen in einem Ger. Eltern, Großeltern und Kleinkinder schlafen in den zwei Betten, alle anderen auf dem Fußboden - je nach Vermögen, also Viehbestand der Familie sind das Teppiche, PVC-Matten, Bretter oder gestampfte Erde.

Draußen hängen graue Wolkenfetzen im Tal, Nieselregen fällt durch die Dachöffnung auf den runden, rußgeschwärzten Ofen. Ein leises Zischen, blitzschnell verschwinden die dunklen Tupfer. Die Mutter legt ein paar trockene Jakfladen nach. Wir schlürfen Tee und rauchen, alle Männer und einige der Frauen. Eine kleine Satteltasche hatten wir in Karakorum mit Zigaretten gefüllt. Schlaff hängt sie jetzt an Niemand herunter. Zwei Tage sind es noch bis Tsetserleg. Unsere Sättel sind nass.

Die Mongolei ist ein Hochland. Ulan Bator liegt auf 1400 Metern und gilt als kälteste Hauptstadt der Erde. Der hügeligen grünen Landschaft, durch die wir wochenlang reiten, sieht man die mehr als 2000 Meter über dem Meer nicht an. Doch nach Mitternacht frieren wir selbst dicht am Lagerfeuer, während unsere sonnenverbrannten Nasen jucken.

Plötzlich kommt Leben in das Filzzelt. 500 staubige Pistenkilometer vom nächsten Fotogeschäft in Ulan Bator entfernt haben wir mit der Polaroidkamera einen Trumpf im Rucksack. Ein Junge läuft hinaus zu seinem Pferd und galoppiert durch den Regen davon, um die Verwandten vom nächsten Ger zu holen. Die Mütter waschen den Kindern das Gesicht und wickeln sich gegenseitig die Seidentücher um die selten getragenen Hochzeits-Deels. Dunkelgrün, violett und tiefblau glänzen die Stoffe. Inzwischen hat einer der Männer sein Gewehr geholt, mit dem er im Herbst Murmeltiere schießt. Es dauert eine Weile, bis sich die Großfamilie in drei Reihen drapiert hat. Der Regen ist vergessen.

Ein niedriger Pass trennt uns nun noch von Tsetserleg, und am späten Abend, der Regen hat aufgehört, liegen wir in den Schlafsäcken, hören, wie Ezechiel und Niemand in der Dunkelheit grasen: ein hartes, kurzes Rupfen, dann das dumpfe Mahlen der Kiefer. Was werden wir morgen Abend kaufen? Süßigkeiten, Reis, Mehl und überhaupt alles, was nicht nach Schaf oder Ziege schmeckt.

Doch bis zum Markt im „Garten", was Tsetserleg übersetzt bedeutet, ist es weiter als gedacht. Am nächsten Abend, wir wollten längst auf der Hauptstraße durch den Ort traben, sitzen wir statt dessen im Gras einer Lichtung und breiten die Landkarte aus. Die Sonne scheint unter Niemand hindurch, goldene Streifen in der Luft voller Fliegen und dicker Bremsen, ein Spalt blassrosa Himmel zwischen dem fusseligen Pferdebauch und der dunklen Masse des Lärchenwaldes. Ein Mongole hat uns mit seinem kleinen Pferd am Hang eingeholt, ja, wir sind auf dem richtigen Weg - nur die Entfernung haben wir unterschätzt. Der Mann beugt sich über die Karte, fährt unschlüssig mit Mittel- und Zeigefinger darauf herum, schließlich blickt er auf, deutet in den Wald hinein: „Vier Stunden", soviel Mongolisch verstehen wir. Und wir wissen mittlerweile, dass solche Zeitangaben regelmäßig nur im Galopp einzuhalten sind.

Nach Tsetserleg kommen wir heute jedenfalls nicht mehr, was uns allerdings weniger bedrückt als der Wald, der düster vor uns liegt. Zu allem Überfluss zieht der Mongole, schon wieder im Sattel, einen Revolver aus seinem Deel. Ob wir auch so etwas haben? Nein, wozu? Mongolisch müsste man können! In schnellem Trab verschwinden Pferd und Reiter zwischen den Bäumen. Wir folgen langsam und mit Abstand.

Auf dem schmalen Pfad wird es bald so dunkel, dass wir absitzen müssen, um die Pferde über Wurzeln und umgestürzte Stämme zu führen. Es ist nach Mitternacht, als wir die letzten Bäume hinter uns lassen. Der Vollmond erleuchtet die kalte, kahle Steppe - von einer Stadt ist nichts zu sehen. Dennoch erleichtert, laden wir am nächsten Bach die Taschen vom Pferderücken, öffnen die Sattelgurte, stellen schließlich die Sättel in die taufeuchte Wiese. Die Satteldecken kommen ausnahmsweise nass geschwitzt unter die Schlafsäcke. Das ganze Prozedere interessiert Ezechiel und Niemand schon lange nicht mehr. Sie können endlich fressen und schnauben zufrieden.

Menschen, überall Menschen! Wir hatten uns auf Tsetserleg gefreut, doch der Stadtbesuch ist anstrengend. Während ich im Gedränge der Markthalle Mehl, Reis und Zucker kaufe, sieht sich Henrik von Mongolen umlagert. Die Männer, einige betrunken, öffnen Satteltaschen, begutachten die Sättel und drängen auf einen Proberitt. „Na endlich", ruft Henrik entnervt, als ich mich mit der vollen Einkaufstasche an den Männern vorbeischiebe. Vom Postamt noch schnell ein Anruf zu Hause, wo es jetzt früh am Morgen ist: Ja, wir sind gesund, die Pferde, die draußen am Treppengeländer warten auch, das Wetter ist gut und Grüße. Nach nur vier Stunden in der Stadt freuen wir uns wieder auf die Stille und das Sternenzelt.

Aber wir sind keine echten Naturburschen. Diese Erkenntnis hat sich zehn Tage, 200 Kilometer und zahllose Hügel und Senke weiter durchgesetzt. Wir haben den Tsagaan Nuur, einen 2000 Meter hoch gelegenen See am Fuße eines kleinen, lange erloschenen Vulkans, erreicht. Hingestreckt auf den wenige Meter breiten Sandstrand, entschließen wir uns zu einer Unterbrechung. Der Tag auf dem Pferderücken ist lang für Stadtmenschen. Blumen zu zählen und Bremsen zu erschlagen, ist nach einem Monat nicht mehr ausfüllend. Auf Niemand und Ezechiel wird während der nächsten zehn Tage eine Familie vom Ufer des Sees aufpassen. Wir hauen ab in die Hauptstadt, tauschen Selbstfindung gegen Entertainment.

Nach zehn Stunden an der mehrspurig ausgefahrenen Piste hält ein Jeep mit Ziel Ulaanbaatar - und vor allem viel Platz. Der Fahrer hat den Neuwagen gerade in Russland gekauft, 1500 Kilometer nordwestlich von hier. Die letzten 36 Stunden nach Hause fährt er durch, gehalten wird nur zum Essen. Als sich endlich die Wohnsilos und Kraftwerksschlote am Abendhimmel abzeichnen, freuen wir uns, als kehrten wir heim. Heute noch ein Bier, und morgen gehen wir ins Internetcafé, abends in die Disco. Die Sättel bleiben vorerst in der Ecke stehen.

Auf der Rückfahrt zum Tsagaan Nuur ist die Stimmung im Kleinbus bestens. Als die Gespräche verstummen, fangen zwei Schülerinnen an zu singen. Alle fallen in die langsame, weiche Melodie ein, und wir schauen aus dem Fenster. Doch es hilft nichts. Während draußen wieder die immer gleichen grünen Hügel vorbeiziehen und der Fahrer nur vor den größeren Schlaglöchern hastig vom vierten bis in den ersten Gang herunterschaltet, müssen auch wir ein Lied vortragen. Dass in Deutschland nur noch wenige Menschen Volkslieder kennen und singen, können wir jetzt nicht erklären. Bleibt „Oh Tannenbaum". Das Publikum ist verdutzt, als unsere schiefen Stimmen so bald wieder verstummen. Mongolische Lieder sind länger, sehr viel länger. Applaus gibt es dennoch. Später fällt uns noch „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten..." ein.

Diesmal machen wir nach drei Vierteln der Strecke eine Übernachtungspause. Im Hotelzimmer in Tsetserleg stehen vier Stahlrohrbetten. In der dungverräucherten Küche füllt eine verblüffend mürrische junge Frau Wasser in unsere Feldflaschen, zum Waschen. Als wir die Schlafsäcke auf den zerlöcherten Matratzen ausbreiten, kommt ein Mann herein und setzt sich auf eines der freien Betten. Nachdem er uns fünf Minuten lang zugesehen hat, verschwindet er auf dem Gang, grußlos. Zwei Mark fünfzig kostet die Übernachtung.

Ezechiel und Niemand haben sich gut erholt, so wie wir. Es geht weiter nach Westen, noch höher hinauf in den Zentral-Changai. Dreitausender reihen sich bald über unseren Köpfen auf, von weitem scheint die weiße Kuppel des 3905 Meter hohen Otgon Tenger herüber - als letzter ist er jetzt im Juli noch schneebedeckt. Einen der Berge, egal welchen, wollen wir besteigen und biegen in ein enges, steil ansteigendes Seitental ein. Zwischen Gestrüpp und überwucherten Geröllfeldern steigen wir aus dem Sattel, es nieselt leicht, die Pferde schwitzen dennoch, und bald auch wir. Die Stolperei indes lohnt sich, denn der angestrebte blaue Punkt auf der Karte entpuppt sich als romantischer Bergsee. Auf drei Seiten umgeben ihn Felswände, auf der vierten stellen wir das Zelt im Gras auf. Der schroffe schwarze Gipfel glänzt im letzten Sonnenlicht.

Am nächsten Morgen sind wir bald oben, und schwer überrascht. Hier steht ein Gipfelkreuz, zusammengenagelt aus zwei Lärchenstämmen, ohne Pfad hinaufgeschleppt auf 3225 Meter - von wem? Durch das Fernglas sind Ezechiel und Niemand zu sehen. Sie grasen. Hinter ihnen ziehen sich die Bergketten bis an den Horizont. Nirgends ein Mensch, auch ein Ger ist nicht auszumachen. Aber Tiere gibt es hier. Vor uns taucht plötzlich ein Schatten auf. Keine zehn Meter entfernt segelt ein rotbraun gefiederter Bartgeier vorbei. Ein wenig nur dreht er den kleinen Kopf zur Seite. Wir scheinen ihn nicht zu stören.

Ein paar Tage später bekommen wir abends Besuch, wie häufig. Das Lagerfeuer ist heruntergebrannt, spärlich beleuchten die letzten Flammen zwei mongolische Gesichter. „Sajn bajnuu", grüßen die Männer und hocken sich zu uns. Den Führstrick ihrer Pferde klemmen sie zwischen Ober- und Unterschenkel. Aus der Tiefe seines Deels holt der Ältere einen Schnupftabaksbeutel. Wir nehmen eine Prise und bieten Zigaretten an. Viel reden können wir nicht, und starren statt dessen gemeinsam in die Glut. Von den Forellen, die wir zum Abendessen gegrillt hatten, ist nichts mehr übrig. Den Pferden haben wir die ledernen Fußfesseln angelegt. Die beiden Männer gähnen nacheinander und verabschieden sich. In klapperndem Trab verschwinden sie in der Nacht. Wir kochen noch einen Tee, Niemand und Ezechiel schmatzen wieder dumpf in der Dunkelheit. Wenn ich mich auf den Rücken lege, sehe ich nur noch gleißende Sterne am schwarzen Himmel.

Dann, zwanzig Kilometer vor dem Industriestädtchen Tosontsengel, ist Schluss. Nach eineinhalb Monaten verkaufen wir Niemand und Ezechiel an eine Nomadenfamilie. Dass wir einen miserablen Preis erzielen, ärgert uns nicht des Geldes wegen. Wir schämen uns vor den Pferden, die uns viel mehr wert gewesen sind. Ich streiche Niemand über die Stirn, Henrik klopft Ezechiel auf den Hals. „Sajn suudsh bajgaaraj", radebrechen wir, laut Reiseführer der Gruß an die Zurückbleibenden. Die beiden nehmen den Abschied gelassen hin. Jetzt gehören sie wieder Menschen, die sich mit Pferden auskennen. Ein wenig machen wir uns dennoch Sorgen. Aber das muss wohl so sein.


   

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Last Update: 10. September 2006