Mit einem Spielzeug-Klavier fing alles an –
Mongolische Pianistin fand Platz auf Europas Konzertbühnen –
Am 9. Mai gastiert Mungo wieder am Berliner Gendarmenmarkt

-- von Hugo Kröpelin / Berlin –

Mongolische Musik war im geteilten Deutschland unerreichbar, abgesehen von Folkloristen in repräsentativen Delegationen wie zu den Weltfestspielen der Jugend und Studenten 1973. Seit Mitte der 90-er Jahre haben sich einige Folkloregruppen aus dem zentralasiatischen Land nieder gelassen, Agenturen vermitteln ihnen Tourneen. Schwieriger kommt man schon an mongolische Rockgruppen ran - ihre Konzerte sind nahezu Geheimveranstaltungen, von denen bestenfalls in Deutschland ansässige Mongolen und deren engsten Freunde erfahren. Von Oper und Klassik aus der Mongolei klingt kaum etwas nach Europa herüber, dabei wurde schon in den 70-er Jahren „Die verkaufte Braut" inszeniert, und die Staatliche Philharmonie spielt durchaus nicht nur Tschaikowski und Gontschigsumlaa.

Sambyn Gontschigsumlaa (1905-1991) ist der „Vater" der mongolischen Klassik. Der Veterinär, Lehrer und Dolmetscher mit sowjetischer Ausbildung setzte sich 1943 noch mal auf die Schulbank des Moskauer Konservatoriums und studierte bis 1950 Komposition und Dirigieren. Aus seiner Feder stammen Opern und Ballette, vier Sinfonien, ein Klaviertrio und über 200 Klavierstücke.

Etliche seiner Werke gehören zum Repertoire von Janshindulamyn Mungo. Die heute 28-Jährige erinnert sich gern, wie sie zur Musik gefunden hat. „Im Vorschulalter habe ich zu Hause immer laut gesungen, da schenkte mir meine Mutter ein Spielzeugklavier. Ich muss wohl Talent gezeigt haben, denn gleich die erste Klasse besuchte ich in einer Oberschule mit erweitertem Musik- und Tanzunterricht." Da Klaviere für Privathaushalte nicht erschwinglich waren, malten die Eltern die Tastatur auf Karton, und Mungo übte in der Freizeit – lautlos, versteht sich. „Aber für die Beweglichkeit der Finger waren diese Übungen von großem Nutzen", erzählt die junge Frau. Mit 13 Jahren gehörte die Musikschülerin zur Delegation für die XII. Weltfestspiele der Jugend und Studenten, und auch bei den anschließenden vier Wochen im Pionierlager Artek auf der Krim bot sich Gelegenheit, den Altersgenossen aus aller Welt mongolische und klassische Weisen zu Gehör zu bringen.

Noch im selben Jahr beim Bach-Musik-Wettbewerb und 1987 beim Musikwettbewerb in Ulaanbaatar belegte sie zweite Plätze. Mit dem Zeugnis der Oberschule wurde Mungo am Moskauer Gnessin-Institut in die Klavierklasse von Dozentin Pogerelowa aufgenommen. Hier holte die 19-Jährige ihre erste internationale Auszeichnung: ein Diplom beim Tschaikowski-Wettbewerb.

Doch ein Zeugnis dieser Schule blieb ihr versagt. Drei Monate vor der Prüfung bildete sich an einem Handgelenk ein Überbein. Mungo folgte den Eltern, die sich inzwischen in Berlin nieder gelassen hatten, und konnte das Überbein mit einer Salbe „aufweichen". Daran denkt sie nur ungern zurück: „Ein Jahr Klavierverbot – das war eine schlimme Zeit!" Nach mehreren Bewerbungen kam 1992 die Zusage: Bei Prof. Braun an der Hochschule für Musik in Dortmund konnte sie die Ausbildung fortsetzen.

Über zahlreiche Solo- und Kammermusikkonzerte sowie Liederabende in deutschen Städten führten sie der Dortmunder Professor und sein Münsteraner Kollege Weichert weiter nach oben.

Bei diesem Musikgelehrten machte sie im Jahre 2000 ihre „Künstlerische Reifeprüfung" mit der Note Sehr gut.

Sie besuchte Meisterkurse bei Prof. Demus, Feuchtwanger, Ugorski, Merzhanov, Annie Gicquel und Irwin Gage (Liedbegleitung) und Voskressenski in Japan, Italien und Deutschland. Beteiligt war die junge Mongolin an Porträtkonzerten der Komponisten Baur und Hindemith, sie gestaltete die Liederzyklen „Winterreise" (Schubert) sowie „Dichterliebe" und „Liederkreis" op.24 (Schumann). Auch Musikbühnen im Ausland taten sich ihr auf: 1996 nahm sie am Klavierwettbewerb in Cantu (Italien) teil, ein Jahr später wurde ihr der 1. Preis des dortigen Kammermusikwettbewerbs in Pescara zuerkannt.

Seit 1998 ist die mongolische Pianistin Stipendiatin des Fördervereins der Musikhochschule Münster. Dort wirkt sie auch als beauftragte Lehrassistentin für den Madrigalchor an der Universität Münster, in Dortmund assistiert sie Prof. Schmid in einer Gesangsklasse. An einer Privatschule der westfälischen Großstadt gehören auch 7- bis 12-Jährige, vor allem aus Korea und Japan, zu ihren Schülern. Da denkt sie mit Wehmut an ihre Heimat, denn in der Mongolei zahlt der Staat nur wenigen Stipendien. „Die Musikschulen sind heute privat, und die meisten Familien begabter Kinder können das Geld für diese Ausbildung nicht aufbringen."

Mungo indes will in Deutschland noch mehr lernen. „In Leipzig gibt es einen guten Lehrer für Liedbegleitung", hat sie erfahren, bei dem möchte sie gern aufgenommen werden. Wenn sie nicht gerade lernt oder selbst lehrt, macht sie Kammermusik im Duo oder im Trio, mit einem Streichquartett oder mit Oboe und Fagott. Große Solokonzerte sind ihre Sache nicht. Wettbewerbe hält sie für einen wichtigen Weg, den gehen viele gute Solisten. „Hier sammelt man die meisten Erfahrungen, und hin und wieder springt auch ein Preisgeld heraus. Dies ist sicher eine harte Form, sich zu präsentieren, und über den Wettbewerb steigen die Chancen auf Konzertengagements und CD-Aufnahmen. Aber irgendwie hat das für mich zu viel Ähnlichkeit mit Sport."

Ruht der Betrieb an Hochschule und Privatschule, besucht Mungo ihre Eltern in Berlin. Zwischen Weihnachten und Neujahr entdeckte sie auf einem Kreuzberger Hinterhof einen großen Laden mit Pianos und Klavieren und angeschlossener Werkstatt. „Probieren Sie ruhig alle aus", empfahl ihr Geschäftsführer Valeri Kodysch, selbst Absolvent eines Konservatoriums in Rostow am Don. „15 bis 80 Jahre alt sind die Instrumente, dieser Bechstein stammt von 1921", sagte Kodysch. Mungo klappte den Deckel hoch, ihre Finger huschten über die Tasten und ein Lächeln über ihr Gesicht, das offensichtlich der Klangqualität galt. Die junge Mongolin probierte noch einige der rund 30 Instrumente aus. Valeri Kodysch schien angetan zu sein von ihrem Können. Denn er machte ihr das Angebot, beim nächsten Berlin-Urlaub wieder vorbei zu schauen. „Mit dem größten Vergnügen", entgegnete die Pianistin, die gern ihre Finger in Übung hält.

Wer Mungo in Aktion sehen und hören möchte, hat dazu bald Gelegenheit. Wie im September 1999 ist die mongolische Künstlerin wieder vom Konzerthaus am Berliner Gendarmenmarkt engagiert worden. Also bitte vormerken: Am 9. Mai gastiert Mungo wieder in der deutschen Hauptstadt.

EINFÜGUNG:

Seit Frühjahr 2001 gibt es auch eine CD mit Mungos Konzerten.

Auf ihr sind zu hören

Hergestellt worden ist die CD bei MC Music in Datteln.

Quelle: mit freundlicher Genehmigung von Hugo Kröpelin, News Stories Photos aus Berlin und Brandenburg
(März 2001)


   

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Last Update: 10. September 2006