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Ein „Polarstern" für den „Doyan"
Georgi Asseew hat eine „mongolische Sonne" in seinem Zimmer

Von Hugo Kröpelin

 

Der "Polarstern" (Altan gadas) ist kein Allerweltsorden, wie er zu sozialistischen Zeiten anlässlich runder Jubiläen von Revolutionen und anderen ideologisch geprägten Ereignissen massenhaft verteilt worden. Für diesen Orden muss man etwas getan haben – wie einst Erich Hahn, der „Kartoffel-Khan" von Bornuur oder Hans Studinski, der langjährige Regierungsbeauftragte der DDR, der zwischen seiner Wohnung in der Berliner Karl-Marx-Allee und dem Hotel „Ulaanbaatar" regelrecht „pendelte".

Zu den Polarstern-Trägern gehört nun auch der Bulgare Georgi Asseew. Der Absolvent von russischer Philologie, der auch Französisch spricht und sich außerdem mit der Juristerei beschäftigt, war auf dem besten Wege, Rundfunkjournalist zu werden. Gelegentlich dolmetschte er, und das sollte die Wende bringen. „Meinst Du, die Arbeit in der neueröffneten mongolischen Botschaft ist weniger interessant?" fragte der damalige Chef des Rundfunkkomitees den jungen Mann, der nicht recht anbeißen wollte. Jetzt, nach 38 Jahren, erinnert sich Georgi Asseew und die Worte des damaligen Chefs und kommt zu dem Schluss: „Und wie Recht der Mann hatte!"

Jetzt, als Rentner, ist er immer noch in der Botschaft in der Frederic-Joliot-Curie-Straße anzutreffen, nur gute 100 Meter von der deutschen Botschaft entfernt. Als er 65 wurde, zeichnete ihn der Botschafter im Auftrag des mongolischen Präsidenten mit dem „Polarstern" aus. Für die langjährigen Verdienste um die Festigung und den Ausbau der Beziehungen zwischen beiden Ländern. Nach dem Tode von Jan Zelezni in Prag ist Georgi Asseew der „Doyan" unter allen ausländischen Mitarbeitern mongolischer Botschaften. In Sofia überbietet ihn an Dienstjahren nur eine Mitarbeiterin in der Botschaft Kubas.

Nach seiner Arbeit befragt, gesteht Georgi ein, nach der Wende in beiden Ländern – in Bulgarien setzte sie am 10. November 1989 ein und in der Mongolei genau einen Monat später mit der Gründungsversammlung des Mongolischen Demokratischen Bundes vor dem „Saluudtschudijn Ordon" – ist es nicht mehr so hektisch. Er meldet Besucher an, vermittelt Termine bei bulgarischen Partnern, schreibt Briefe und übersetzt welche, meist aus dem Russischen, seltener aus dem Französischen. „Mädchen für alles" fasst er das in deutscher Sprache zusammen. Seine Frau ist verstorben, „was soll ich da allein zu Hause? Hier kann ich mich nützlich machen und habe nie Langeweile."

Welche Mongolen auf ihn den stärksten Eindruck gemacht haben ? „Unbedingt der Opersänger Shargalsaikhan! Wie etliche andere Jungen und Mädchen hat er am Sofioter Konservatorium studiert. Manchmal gab er bei offiziellen Anlässen mit seinem urwüchsigen Bass eine Probe seines Könnens, und alle waren hellauf begeistert." Im (vorläufigen) Rückblick auf seine Arbeit, den die bulgarische Literaturzeitschrift „Plamyk" (Flamme) druckte, erinnert er auch an seine Begegnung mit Yumshaagijn Zedenbal. „Über dessen historische Rolle mag die Zeit urteilen – ich habe ihn als Menschen kennen gelernt, aufmerksam und freundlich." Als Zedenbal im August 1968 zum offiziellen Besuch in Bulgarien war, „wies er seinen Botschafter an, mich von allen anderen Arbeiten zu befreien und mir ein Rundfunkgerät hinzustellen. Ich sollte notieren, was ausländische Sender über den plötzlichen Einfall der Truppen des Warschauer Pakts in die CSSR berichteten. Abends fuhr mich ein Auto der Botschaft in die Residenz ‚Boyana’, und ich las Zedenbal meine Notizen vor. Das ging drei oder vier Tage. Ein Kellner servierte ‚Pliska’, doch den musste ich allein trinken. Seine Frau Anastasia Zedenbal-Filatowa, hörte ich später, hatte es ihm wohl verboten. Als er anschließend mit seiner Familie in der Warnaer Residenz ‚Euxinowgrad’ Urlaub machte, ließ er mir aus Dankbarkeit noch zwei Flaschen ‚Arkhi’ und eine Flasche Cognac schicken." Und der Handelsrat schenkte mir in Zedenbals Auftrag eine dicke Wolldecke aus Kamelhaar. „Solch eine Decke hat er auch Todor Shiwkow geschenkt", fügte der Diplomat bedeutungsvoll hinzu.

Diese Decke, erinnert sich Georgi Asseew, spielte mehr als 20 Jahre später noch einmal eine Rolle: Der inhaftierte Shiwkow beklagte sich, dass man ihm die Decke weggenommen hatte, und das Volk lachte. „Ich konnte darüber nicht lachen, mir hat die Decke manchen Winter gute Dienste geleistet." Wer einige Jahre in Sofia gelebt hat, weiß, dass die Fernwärmeversorgung nicht sehr stabil ist und in den Wintermonaten auch im Gefängnis kaum ausreichen dürfte.

Als der Dolmetscher 1974 mit seiner Frau zum ersten Mal die Mongolei besuchte, machten beide auch einen Rundgang durch das Ethnographische Museum. An einem großen Wandteppich angekommen, deutete die Exkursionsführerin die vielen bunten Ornamente als die Vielgestaltigkeit der mongolischen Landschaft und den leuchtenden gelben Untergrund als die mongolische Sonne. „Unser Teppich!" sagte seine Frau zu ihm, „diese Sonne leuchtet auch in unser Wohnzimmer." Einige Jahre zuvor hatten die Asseews bei einer Urlaubsreise in der südostbulgarischen Stadt Aitos einen Teppich mit genau demselben Muster gekauft.

1982 waren die Asseews wieder in der Mongolei, bereisten die Südgobi, die Stadt Darkhan mit der Velourpelzfabrik „Georgi Dimitroff" und das Staatsgut am Orkhon-Fluss, wo bulgarische Gärtner Obstbäume von Balkan gesetzt hatten. Wieder in Ulaanbaatar angekommen, fragte der frühere Botschafter in Bulgarien Balshinnyam, ob sie denn zufrieden seien. „Die Menschen haben mich überall empfangen wie einen Khan", fasste Georgi Asseew die Gastfreundschaft in den Städten und Dörfern zusammen. Balshinnyam wollte diesen Vergleich nicht gelten lassen. „Der Khan hat zwar nicht gehungert wie Ihr auch nicht", wandte der Exdiplomat ein. „Aber er konnte nicht mit dem Auto durch die Steppe fahren oder mit dem Flugzeug in der Gobi landen. Und Du hast in der Mongolei so viele Freunde wie der Khan Feinde hatte."

Einen Draht zur Mongolei hat übrigens auch Asseews Tochter Elena.

Die Absolventin der Sofioter Kunstakademie machte sich nach der Wende selbständig und ist heute Chefin einer Druckerei mit 20 Beschäftigten. Der Vater nennt die Firma seiner Tochter scherzhaft „mongolische Hofdruckerei", denn etliche Bücher, Kalender, Visitenkarten und Einladungen sind mongolische Aufträge. Aus ihrer Firma stammt die bulgarische Neuauflage der „Geheimen Geschichte der Mongolen", übersetzt vom Vize-Rektor der Kliment-Ohridski-Universität, Prof. Dr. Alexander Fedotow, einem Philologen, der in einem halben Dutzend altaischer Sprachen zu Hause ist und außerdem die internationalen Belange der Alma Mater verantwortet.

Quelle: mit freundlicher Genehmigung von Hugo Kröpelin, News Stories Photos aus Berlin und Brandenburg
(Oktober 2002)


   

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Last Update: 10. September 2006