So jagen die Mongolen

Von Thorsten Trede / Chuluunbaatar Gerelchimeg

Jagdliches Brauchtum ist ein altes Kulturgut, das wir in Deutschland hegen und pflegen wie das Wild selbst. Entstanden ist es praktischer Jagdanwendung, davon aber heute - aufgrund neuer Umstände – teilweise weit entfernt. In der Mongolei kommt das Wort „Brauchtum“ auch heute noch von „brauchen“ im Sinne von benötigen… Das jagdliche Brauchtum ist großteils noch immer zweckmäßig und wird notwendiger Weise aktiv bei der Jagd gelebt

Warum jagen?

Die Frage warum wir jagen, ist elementar und wird sehr kontrovers auch innerhalb der deutschen Jägerschaft diskutiert. Eine solche Diskussion gibt es in Gesellschaften, die sich weniger  von der Natur entfremdet haben, nicht. Jagen und Beute machen sind Teil der Gesellschaft.

 

Es gibt viele Gründe warum man in der Mongolei jagt. Für den Gastjäger sind es einmalige Erlebnisse in der weiten unberührten Natur. Für den Mongolen war die Jagd zu den Zeiten des Chinggis Khan vor allem auch eine Übung für den Krieg. Heute ist das anders: Die Jagd ist einerseits Freude (was auch immer diese ausmacht) und andererseits… ja, da wird es spannend!

 

Vor allem bei der Landbevölkerung, die zu einem Großteil noch nomadisch lebt und mit ihren Herden regelmäßig in neue Weidegründe zieht, ist die Jagd eine Notwendigkeit: Nahrungsbeschaffung steht hier an erster Stelle. Tiere aus der Herde werden in der Regel nur im Winter geschlachtet. Das Fleisch kann nur so frisch gehalten werden und wirklich verwertet werden. In den heißen Sommermonaten würde es verderben. Die Jagd bekommt eine elementare Bedeutung.

 

Auch Gefahrenabwehr spielt eine Rolle. Wölfe sind in der Mongolei zahlreich. Vielleicht weniger zahlreich, als der Gastjäger nach einem langen erfolglosen Ansitz wünscht, aber mit Sicherheit zahlreicher, als es der Viehzüchter für seine Ziegen und Schafe gern hätte. Die Zeiten, in denen Abschussprämien für Wölfe gezahlt wurden, sind vorbei, aber die Wolfsjagd hat immer noch eine große Bedeutung: Der Anblick eines Wolfes bedeutet großes Glück für einen Jäger. Wer einen Wolf erlegt, hat einen hohen Status -  Männer, die  viele Wölfe erlegen, ernten auch Neid als großer und erfolgreicher Jäger.

 

Apropos „Männer“: Frauen gehen in der Mongolei nicht zur Jagd. Sie begleiten die Jäger auch nicht, denn dieses bedeutet in der Regel Unglück. Das mag veraltet klingen… vielleicht ist es aber auch so, dass die Frauen es gar nicht nötig haben, sich und den Männern etwas zu beweisen.

 

Medizinisches

Aber zurück zur Eingangsfrage. Gejagt wird in der Mongolei auch aus gesundheitlichen Gründen. Nicht weil die Luft so frisch ist und die Sonne so hell lacht, sondern weil Jagdbeute auch in der traditionellen Medizin verwendet wird.

 

Der Magen des Flugwildes gilt als gesund, das Blut von Wildziege hilft gegen Lungenerkrankungen und Hirschschweiß gegen Herzprobleme. Besonders begehrt sind Schneehühner, die auch auf Bestellung gejagt werden. Das frische wie das getrocknete Fleisch wirkt bei Verzehr entzündungshemmend. Vielfach wird es vor geplanten Operationen genossen, um für schnelle Narbenheilung zu sorgen. Darüber mag der ein oder andere Schmunzeln… bisher hat traditionelle Medizin aber immer noch besser gewirkt, als die moderne Wissenschaft es wahr haben will.

 

Vor der Jagd

Bereits Tage vor der Jagd beginnen die Vorbereitungen. Die Gruppe – selten wird allein gejagt - trifft sich und verteilt die Aufgaben, damit am Jagdtag alles vorhanden ist und früh aufgebrochen werden kann. Ohne unserem Brauchtum zu nahe treten zu wollen: Auf Brimborium wird verzichtet, denn das Ziel der Jagd ist klar definiert. Hörnerklang etwa würde das Wild in weiter Umgebung aufschrecken und nur zu unnötig langer Pirsch verhelfen… wichtiger ist das Vorhandensein eines Kochtopfes etc.

 

Ein Jagdausflug dauert oft mehrere Tage. Sei es mit dem Wagen oder mit dem Pferd, Übernachtet wird fast immer, denn die Strecken sind weit in der einsamen Steppe und den hohen Gebirgen. Zur Ausrüstung gehört daher Proviant. Vor allem auch Fleisch. Fleisch ist eines der Hauptnahrungsmittel in der Mongolei… das ist aber nicht der Grund. Wie kann ein Jäger Glück haben, der so arrogant ist, kein Fleisch als Proviant mitzunehmen und so überdeutlich macht, dass er fest von Erfolg ausgeht? Eine Fleischmahlzeit im Gepäck hilft dagegen, nach dem Motto „Ich kann, aber ich muss nicht!“

 

Während der Jagd

Die Jagdmethoden sind so vielfältig wie das Land und das Wild. Sie reichen von in der Geschichte verwendeten Selbstschussanlagen auf der Basis von Pfeil und Bogen über Fallgruben und Schlingen, bis zum modernen Schlageisen. Früher heiligte der Zweck die Mittel.

 

Heute wird auf der Grundlage von Jagdgesetzen, Erlassen des Umweltministeriums und Empfehlungen des Jagdverbandes gejagt. Der Abschuss von führenden Muttertieren ist genauso verboten, wie die Erlegung von Jungtieren. Jagd- und Schonzeiten sowie Abschusspläne lenken alles in geordnete Bahnen. Wilderei aber ist ein großes Problem. 

 

Gejagt wird vom Ansitz am Wechsel, an Äsungsflächen oder auch am Köder (lebende Ziege). Treib- und Drückjagden sind bekannt. Hunde kommen fast immer zum Einsatz, zumal jeder Viehzüchter auf dem Land mehrere Hunde sein eigenen nennt.

 

Zwei traditionelle und eine kuriose Jagdarten seien hier kurz angesprochen: Die Beizjagd mit dem Adler und die Jagd auf den Murmel in der Steppe und die Wolfsjagd mit dem Pferd: 

Während der Falkner mit dem Adler auf der Faust auf dem Bergkamm wartet, treibt ein Gehilfe die Pelztiere aus der Deckung. So werden Marder und Füchse aber auch Wölfe erfolgreich bejagt. 

 

Die traditionelle Murmeljagd wurde schon vielfach beschrieben. Es ist ein „Bild für die Götter“, wie der Schütze sich tanzend und einen Murmel imitierend mit einer Quaste wedelnd dem Wild nähert. Neugierig wartet der Murmel am Bau… bis ihn sein Schicksal ereilt.

 

Etwas kurios aber mutig ist die Jagd mit dem Pferd auf den Wolf. Nicht die Tatsache, dass der Waidmann den Wolf zu Pferd verfolgt, nicht die halsbrecherische Verfolgungsjagd über Stock und Stein sondern die Waffe selbst lässt uns staunen. Mit einer langen Lederpeitsche wird der Wolf auf die Nasenwurzel ge- und somit schnell und schmerzlos erschlagen… eine Jagdart, bei der man sicherlich lieber Zuschauer als Aktiver ist.

 

Nach der Jagd

Erfolgreiche Wolfsjäger wollen Ihren Erfolg nicht nur allgemein kundtun sondern auch andere an ihrem Glück teilhaben lassen. Oft wird daher der Wolfsbalg auf der Motorhaube des Jagdwagens ausgebreitet… wer den Wagen sieht erkennt den erfolgreichen Jäger und hat das Glück quasi einen Wolf gesehne zu haben – was, wir erinnern uns, allein schön Glück verheißt. Auch in der 700.00 Einwohner zählenden Hauptstadt Ulaanbaatar sieht man ab und an einen solch geschmückten Wagen!

 

Verwertet wird von der Jagdbeute alles. Nicht nur beim Murmeltier  Zu wertvoll ist das Wild, als dass man etwa nur die Trophäe verwenden würde.  Verwendung finden neben dem Wildbret auch der Balg bzw. die Decke, sei es als Leder oder anders und teilweise die Knochen. Die Hörner des Steinbocks beispielsweise finden in der Herstellung traditioneller Bogen ihre Verwendung

 

Das Wildbret wird gerecht unter allen Beteiligten aufgeilt. Der älteste Jagdteilnehmer wählt zu erst seinen Teil (meist den Rücken). Der Schütze erhält traditionell die Rippenstücke (das Fleisch am Knochen ist das beste!).  Traditionell wird direkt am Ort der Erlegung ein Teil des Wildbrets zubereitet und verzehrt. Auf offenem Feuer wird eine Fleischsuppe bereitet und an alle verteilt, um die Kräfte neu zu wecken. Wodka oder vergorene Stutenmilch (Airak) werden zum Dank für den Erfolg in alle vier Himmelsrichtungen verspritzt und weiter geht es.

 

Die Jagd in der Mongolei ist traditionsbehaftet, wie kaum anderswo. Die Traditionen sind aus der Notwendigkeit und der Zweckmäßigkeit geboren und finden heute noch aus demselben Grund Anwendung… das ist wahrhaft gelebtes Brauchtum!

 

Erschienen in DER JÄGER, Jahr Verlag 8/2002.

Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion und des Verlages


Die Autoren:

Gerelchimeg Ch.-Trede ist Leiterin der Asienabteilung der APPLICATIO Training & Management GmbH. Sie ist als Trainerin und Beraterin mit dem Schwerrpunkt Marketing und Transportwesen weltweit mit dem Schwerpunkt Mongolei tätig. Außerdem vertritt sie die Mongolische Handelskammer in Hamburg.
Thorsten Trede ist Geschäftsführer der APPLICATIO Training & Management GmbH. Er ist als Trainer und Berater im Bereich Management und Marketing weltweit aber vor allem in der Mongolei tätig und arbeitet in Hamburg als freier Journalist.

   

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Last Update: 10. September 2006