Sommer in der Mongolei
Ende Juni im Sommerlager der Internationalen Schule von Darkhan

Renate Bormann, Ulaanbaatar


Der Liedtext wird eifrig mitgeschrieben

Etwa 500 Kinder und Jugendliche genießen hier ein paar unbeschwerte Ferientage. Die Preise sind erschwinglich – 2.000 Tugrug am Tag, für Kinder aus bedürftigen Familien ist der Aufenthalt kostenlos.

Das Gelände, 30 Kilometer von Darkhan entfernt, ein ehemaliges sowjetisches Pionierlager, wurde anfang der 90-er Jahre an die Stadt Darkhan zurückgegeben und seither wird es von Schulen, Kindergärten, Betrieben und Behörden in den Monaten Juni, Juli und August als Erholungsheim genutzt.

Idyllisch in einem für mongolische Verhältnisse ausgedehntem Waldgebiet, auch ein Flüsschen fehlt nicht, gelegen, können die Kinder und Jugendlichen hier spielend lernen und lernend spielen. Vorausgesetzt, die mitgereisten Lehrer und Betreuer verstehen etwas von ihrem Fach, koordinieren ihre Vorhaben und arbeiten nicht gegeneinander.

„Die Abstimmung zwischen den Lehrkräften könnte besser sein, aber das Lehren macht in dieser Umgebung – grüngelbbraune Steppe, azurblauer Himmel, Kiefern und Birken, die auch einmal Schatten spenden – doch mehr Freude als im verwinkelten Schulgebäude von Darkhan". Vicki Wooley, eine junge Kalifornierin, verheiratet mit einem Deutschen, wohnhaft in Basel, eilt zu ihrer Klasse, die es sich auf Steinbänken vor einem Pavillon gemütlich gemacht hat. Gemeinsam mit ihrer Landsfrau aus Chicago, Ursula Wagner, und drei mongolischen Kollegen unterrichtet sie die Zehn- bis 17-Jährigen in Englisch auf eine etwas andere Art: Tanz-, Gesangs- und Rezitationswettbewerbe fördern die Lernbereitschaft der Schüler sicht- und hörbar.

Ursula unterrichtet zusätzlich noch Deutsch. Sie hat ein Germanistikstudium in Heidelberg abgeschlossen und scheint noch immer verwundert darüber zu sein, seit sieben Monaten das mitunter ungewohnte Leben und Arbeiten in der Mongolei ausgehalten zu haben: Den bitterkalten Darkhaner Winter, ohne Computer und Internetanschluss. Heizung und Warmwasserversorgung funktionierten auch nicht immer.

Bei unserem Besuch im diesjährigen Sommercamp der privaten Internationalen Schule übte sie mit ihrer Klasse gerade ein altes amerikanisches Volkslied ein. Sogar einige der Jungen getrauten sich, ein kurzes Solo zum Besten zu geben.

Die Begeisterung der Mongolen, ihre Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft entschädigen die Amerikanerinnen reichlich für das Fehlen gewohnter Annehmlichkeiten. Gemeinschaftstoiletten, keine Warmwasserduschen, sehr spartanisch eingerichtete Zimmerchen, in Wasser gekochten Reis mit Rosinen zum Frühstück finden sie schon etwas gewöhnungsbedürftig. Das Angebot, ihnen exklusiv die Möglichkeit zum Warmwasserduschen einzuräumen, haben sie dankend abgelehnt.

Dafür genießen sie um so mehr die ausgedehnten Spaziergänge in der reizvollen Landschaft, über mit blauen, gelben und roten Blumen übersäte Wiesen, vorbei an Rinder-, Schaf- und Ziegenherden.

Die Initiative für das Engagement von Vicki und Ursula in der Mongolei ging von einer Frau aus, die eigentlich nur Bücher verteilen wollte.

Sechs Jahre ist es her, seit Anita Fahrni zum ersten Mal die Mongolei besuchte.

Die Schweizamerikanerin, seit 33 Jahren in der Alpenrepublik beheimatet, Parlamentsabgeordnete im Kanton Thurgau, wurde durch Freunde und ihre Funktion als Verantwortliche für internationale Beziehungen des „Swiss Council of Women" auf die Mongolei aufmerksam. 1995, auf dem Internationalen Frauenkongress der UNO in Peking, knüpfte sie die ersten Kontakte, ehe sie sich 1998 selbst in dem zwischen Russland und China gelegenen zentralasiatischen Land umsah.

Der Kontrast zwischen der aufgeräumten Schweiz und ihren wohlstandsgesättigten Menschen und den Mongolen, die noch vollauf mit den Folgen des politischen und gesellschaftlichen Wandels seit Beginn der 90-er Jahre beschäftigt waren, faszinierte sie eher als dass er sie erschreckte.

Was ihr auffiel, war der Mangel an käuflich zu erwerbender Literatur, nicht nur in fremden Sprachen, auch in Mongolisch.

Schnell fand die aufgeschlossene, selbstbewusste Frau kompetente Ansprechpartner in staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen, bei den internationalen Vertretungen und Botschaften sowie unter mongolischen Frauen, die den Schritt in die wirtschaftliche Selbstständigkeit gewagt hatten.

Zunächst verschickte sie Bücher aus ihrem Privatbestand, später weitete sie die Aktion aus und konnte schließlich im Jahr 2002 mit Hilfe der Karl-Popper-Stiftung in Zug einen ganzen Container voll deutsch- und englischsprachiger Bücher auf die Reise schicken.

Mittlerweile stehen den Jugendlichen und erwachsenen Lesern über 60 000 Bände – neue und sehr gut erhaltene Kinder- und Jugendliteratur, Belletristik, Geschichts- und Kunstbücher, naturwissenschaftliche u.a. Fachliteratur – kostenlos zur Verfügung.

Es fehlen zwar ausgebildete Bibliothekare, trotzdem werden die Bibliotheken, nicht nur von den Mongolen, auch von Ausländern, eifrig genutzt.

Die private Otgontenger-Universität und die Managementschule für Finanz- und Bankwesen in Ulaanbaatar, aber auch Schulen und Universitäten in abgelegeneren Gegenden der Mongolei kamen in den Genuss der Bücher. So konnten bis Juni 2003 „Swiss Libraries" in Darkhan und Erdenet nordwestlich von Ulaanbaatar sowie in Choibalsan, weit im Osten der Mongolei gelegen, eingerichtet werden.

Am 12. Juni dieses Jahres eröffnete Anita Fahrni die sechste Bibliothek in Khovd, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz im Westen des Landes.

Die Anstrengungen der rührigen Schweizerin beschränken sich jedoch nicht nur auf die Versorgung von Fremdsprachenstudenten, Lehrern und Bürgern, die des Englischen oder Deutschen mächtig sind oder es erlernen wollen mit Lesestoff. Muttersprachler, die unter den etwas unwirtlichen Arbeits- und Lebensbedingungen, gerade außerhalb Ulaanbaatars, bereit sind, für Wochen und Monate ihr Wissen an Schüler und Lehrkräfte weiterzugeben, sind nicht leicht zu finden. Frau Fahrni gelingt es immer wieder. Vicki und Ursula sind nur zwei von ihnen.

Ihren diesjährigen Aufenthalt in der Mongolei vom 03. bis zum 24. Juni nutzte Frau Fahrni unter anderem für eine Stippvisite in der „Swiss Library" an der Internationalen Schule in Darkhan. Auch ließ sie es sich nicht nehmen, sich höchstpersönlich vom Erfolg des Sommerkurses der Schule zu überzeugen.

Die beiden jungen Frauen aus Amerika überlegen, ob sie nicht vielleicht doch noch einmal wiederkommen, ihre Lehrtätigkeit fortzusetzen. Der Bedarf an Deutsch- und noch mehr an Englischlehrern ist groß.

Anita Fahrni hat ihren nächsten Besuch in der Mongolei bereits geplant: Am 08. und 09. und vom 10. bis zum 12. September wird sie als Delegierte des Dachverbandes der Schweizer Frauenverbände am „International Civil Society Forum" sowie an der „V. Konferenz der neuen und erneuerten demokratischen Länder" in Ulaanbaatar teilnehmen.


   

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Last Update: 10. September 2006