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"Denken ist Feigheit!"  - Der Usurpator Baron Ungern von Sternberg

von Dondog Batjargal

Als letzte Wiederverkörperung von Dschingis-Khan und als Panmongolist betrachtete sich der  deutsch-baltische Baron Ungern von Sternberg - seine Schreckensherrschaft beschränkte sich jedoch vor allem auf das Innere der Äußeren Mongolei, wo er sich 1920 für die Dauer von etwa 18 Monaten zum allerblutigsten Diktator  aufschwingen konnte. Den Mongolen gilt er deswegen noch heute als das schreckliche  Gegenstück zu Dschingiskhan. Über den Weißen Baron gibt es ebenfalls einen - bereits 1970 gedrehten - mongolischen Spielfilm: "Das Ende". Ungern von Sternberg war ein in Sibirien stationierter zaristischer Offizier. Nach der Revolution fand er sich in den Reihen der weißen Reaktion wieder, die sich mit Hilfe ausländischer Interventionstruppen und finanzieller Unterstützung aus dem Westen gegen die Bolschewiki formierten. Diese stellten dagegen eine aus roten und grünen Partisaneneinheiten sich zusammensetzende Rote Armee auf. Die Truppen von Trotzki, Woroschilow und Frunse vernichteten im Bürgerkrieg nach und nach die Weißen Armeen von Judenitsch, Wrangel, Denikin, Kappel und Koltschak. Dem Baron Ungern von Sternberg gelang es mit Hilfe der Japaner, sich von Sibirien in die Mongolei abzusetzen, wo seine Kosakenregimenter erst die schwache chinesische Besatzung vertrieben und dann die Hauptstadt  Da Huree - das heutige Ulaanbaatar, einnahmen. Sein mongolisches Regime war sowohl theologisch - buddhistisch - fundiert als auch an Blutrünstigkeit und Grausamkeit kaum zu überbieten. Den Bolschewiki gelang es jedoch schlußendlich, auch sein weißes Reiterheer zu schlagen. Am 15.September 1921 wurde er von ihnen vor Gericht gestellt und anschließend in Nowonikolajewsk, dem heutigen Nowosibirsk, hingerichtet.

Im deutschsprachigen Raum, wo es noch etliche Nachkommen von ihm gibt, ist der Weiße Baron heute so gut wie vergessen. Anders in der Mongolei, wo man sich noch immer mit ihm beschäftigt - in der Schule, in Büchern und in Zeitungsartikeln.

Zuletzt widmete die Zeitung "Hoh tolbo" (Blauer Punkt) Ungern-Sternberg eine ganze Seite. Das öffentliche Interesse an ihm speist sich nicht zuletzt aus dem Gerücht, daß immer noch irgendwo in der Mongolei sein Goldschatz vergraben liegt. Er hatte dort viele Leute seinerzeit ausgeplündert. Der Journalist Galsanbaatar rekapitulierte noch einmal den Feldzug Ungern-Sternbergs. Als dieser 1920 in die Mongolei einfiel, war ihm bereits klar, daß er sich dort nur mit dem Bogd Lama, dem obersten buddhistischen Priester, der zugleich weltliches Oberhaupt war, halten konnte. Ungern-Sternbergs Kosaken bildeten quasi die Palastwache des Bogd Lama, den sie dann im Kloster Bogd Gegeen Ordon unter Hausarrest stellten. Gleichzeitig säuberten sie die Hauptstadt von den sogenannten "Gamin tsereg" (chinesischen Soldaten) sowie von Juden, Russen und allen vermeintlichen Kommunisten, aber auch von allen in ihren eigenen Reihen, die des Mitleids bzw. Verrats verdächtig waren. Am 4. Februar 1921 hatte Ungern-Sternberg die Mongolei "befreit", bereits einen Monat später, am 18.März (dem heutigen Tag der Armee), brach jedoch der mongolische Aufstand aus.

Einer der Anführer war der damals 28jährige Volksrevolutionär Sukhbaatar. Nach ihm ist heute der größte Platz in der Hauptstadt benannt. Er wurde 1923 von einem buddhistischen Mönch vergiftet - so die bisherige Version. Heute verdächtigt man jedoch auch die sowjetischen Freunde, ihn umgebracht zu haben, weil Sukhbaatar einen allzu selbständigen politischen Kurs verfolgte. Die Aufständischen drückten die Truppen Ungern-Sternbergs aus der Hauptstadt. Der Tag ihrer Befreiung, der 11.Juli 1921, ist seitdem der mongolische Nationalfeiertag.

Der Weiße Baron setzte sich erst in Richtung China ab, dann schwenkten seine zusammengeschmolzenen Truppen, zu denen inzwischen auch ein mongolisch-tibetisches Regiment gehörte, aber nach Norden ab - und ritten wieder zurück nach Sibirien, wo schon die Rote Armee auf sie wartete. An der Grenze bei Hiagt/Naushka wurden die Weißen von einem roten Maschinengewehrregiment vernichtet, der Baron konnte jedoch entkommen - und sich verstecken. Einer seiner eigenen mongolischen Reiter, Graf Sundui, nahm ihn daraufhin gefangen und brachte ihn ins Hauptquartier der Aufständischen zu Sukhbaatar. Dieser lieferte den Gefangenen an die Sowjets aus, die ihn erst einmal nach Irkutsk schleppten, wo sie ihn verhörten.

In der Mongolei wird der Schaden, den er anrichtete, heute wie folgt aufgelistet: "Tausende von unschuldigen Menschen, darunter viele Alte und Kinder, wurden von seinen Truppen erschossen, verbrannt oder erschlagen" (bis heute hält sich deswegen dort das Sprichwort: "Diese Weißen Russen sind gefährlicher als die Chinesen!"). Ferner requirierten Ungern-Sternbergs etwa 800 Söldner auf ihrem kurzen Feldzug "80.000 Pferde, 45.000 Rinder und 175.000 Schafe sowie 19.000 Kamele". Aufgrund seiner Recherchen vermutet der Autor Galsanbaatar, daß das vom Weißen Baron geraubte Gold nördlich von Ulaan-Baatar in der Nähe des Dorfes Zuun-Haraa vergraben wurde.

Ein weiterer Artikel zum Thema erschien Ende des Jahres in der Zeitung "Sensationel Fact". Der  Historiker S.Nasan-urt befaßte sich darin insbesondere mit dem ersten Überfall des Barons auf die Mongolei im Jahr 1911. Schon damals hatte der erstmalig in Sibirien stationierte junge zaristische Offizier die russische Neutralität gegenüber der gerade autonom gewordenen Mongolei verletzt - und war deswegen von seinem russischen Regimentskameraden, Dambijaa, ausgepeitscht worden. Der aus Astrachan stammende Kalmücke schlug sich dann im Bürgerkrieg ebenfalls auf die Seite der Konterrevolution und fand sich später in der Mongolei wieder. Seine etwa 1000 Mann starke Bande operierte dort von der westlichen Bezirksstadt Hobd aus. Ungern-Sternberg strebte eine Verbindung seiner Streitkräfte mit denen von Dambijaa an, doch bevor es dazu kam, brach der mongolische Aufstand aus.

Dambija wird auch schon in einem Augenzeugenbericht erwähnt - er stammt von dem letzten zaristischen Direktor der mandschurischen Eisenbahn in Charbin, A.F. Ossendowski. Dessen Buch "Menschen, Tiere, Götter", das bereits 1924 auf Deutsch erschien, wurde gerade in der Mongolei veröffentlicht. Ossendowski hat auch Ungern-Sternberg bis zum Mai 1921 in der Mongolei mehrmals getroffen. Dieser unterhielt sich mit ihm in einem Gemisch aus Französisch, Deutsch, Englisch und Russisch - und war stets mit einer kostbaren Mönchsrobe bekleidet. Seine Offiziere trugen als Abzeichen auf den Schultern schwarze Hakenkreuze - "Has temdeg", die an Dschingis Khan erinnern sollten.  Ossendowski und Ungern-Sternberg diskutierten über Buddha, die Bibel und einige nomadische Herrschaftsprobleme.

Der Autor Ossendowski gilt nicht gerade als ein vertrauenswürdiger Zeitzeuge, mehr Mühe hat sich in den Fünfzigerjahren der in Paris lebende sowjetische Schriftsteller Vladimir Pozner gemacht, als er für eine Abenteuer-Buchreihe von Blaise Cendrar den Roman "Der Weiße Baron" schreiben sollte - und dazu in den Bibliotheken der Weißen Emigration recherchierte sowie letzte überlebende Mitkämpfer Ungern-Sternbergs interviewte. Sein Roman erschien 1966 auch in der DDR. Der Autor verficht darin die These, daß der Weiße Baron sich bei seinen mongolischen Eroberungsplänen von den Himmelskarten der buddhistischen Mönche leiten ließ, mit denen diese bis dahin die Pläne der Götter berechnet hatten. Irgendwann merkte Ungern von Sternberg jedoch, daß sie aus Tibet stammten und einen Himmel zeigten, wie er in der Mongolei gar nicht sichtbar ist: die Mönche arbeiteten also die ganze Zeit mit falschen Karten! Und das wiederum erklärte ihm seine zunehmende Bedrängnis.

Neuerdings gilt Ungern von Sternberg vor allem unter jungen US-amerikanischen Neonazis als ein toller Abenteuertyp. In Frankreich hat man ihn zu einer Comicstripfigur gemacht.


   

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Last Update: 10. September 2006