... und dann noch drei Straßen weiter!
- Taxifahren in der Mongolei

Von Thorsten Trede / Gerelchimeg Chuluunbaatar-Trede

Eine Reise in die Mongolei ist heute nicht mehr unbedingt ein Abenteuer. Vieles hat sich seit der Wende von der Plan- zur Marktwirtschaft im Jahr 1990 bereits getan. Vieles hat sich in dieser jungen Demokratie bereits geändert, manches nicht - zum Glück!

Wohl jeder unbedarfte Mitteleuropäer, der das erste Mal den Weg vom etwas außerhalb gelegenen internationalen Flughafen der Hauptstadt Ulaanbaatar in die Stadt hinter sich bringt, wird auf die ein oder andere Art fasziniert sein. Die unendliche Weite der Steppe, darin Jurten und Nomaden, Ziegen und Pferde. Im Hintergrund stößt eines der vier Kraftwerke der Stadt unablässig schwarze Rauchmassen aus. Ein paar Straßen weiter dann moderne Hochhäuser, Prachtbauten aus der Zeit des Sozialismus und ein Gewirr von Straßen, Autos und Fußgängern. Kyrillische Werbeschriften neben englischen Werbeplakaten internationaler Konzerne vermitteln einen Eindruck vom Aufbruch der Mongolei.

Die Straßen sind gesäumt von mehr oder weniger löchrigen Fernwärmeleitungen. Immer wieder auch ein Reiter in traditioneller Kleidung auf der Straße oder eine Kuh, die in einer Grünanlage friedlich ihrem Geschäft nachgeht. Es ist Herbst in Ulaanbaatar und nicht nur die rund 600.000 Einwohner (ca. 25 % der Gesamtbevölkerung des Landes) sondern auch Nomaden aus der Umgebung und die Tiere bereiten sich auf den kalten Winter vor. Bis zu minus 40 Grad Celsius sind zu erwarten! Das Leben ist hart in der Mongolei.

Ein wahres Abenteuer
Leihwagenfirmen gibt es in der Mongolei nicht. Wer geschäftlich oder privat in das Land des Dschingis Khan reist, muss sich einen Fahrer organisieren oder mit dem Taxi sein Glück versuchen. Selbst einen Wagen durch die Stadt zu lenken, erscheint ohnehin fast unmöglich: Vorfahrt hat, wer die Nase vorn hat - die Formel 1 lässt grüßen - die verwirrende Beschilderung, die Ampeln, oder auch ihr Fehlen, und die allgegenwärtige Verkehrspolizei tun ein übriges. Fehlende Gullydeckel, das ein oder andere Loch in der Straße und ein plötzlich auf der Strasse auftauchendes Pferd machen die Sache nicht einfacher.

Unternehmertum ist gefragt
Wenn nichts geht, eines geht immer: Taxi fahren. Auf der ersten Reise hatte ich noch unberechtigte Hemmungen, heute habe ich es - wie so vieles in der Mongolei - liebgewonnen. Langsam gehe ich aus dem Hotel - schnell geht es nicht, denn ich bin bei minus 20 Grad gekleidet wie ein Michelin-Männchen. Ein kurzer Blick zur Orientierung, ran an den Straßenrand und keine Minute später bin ich auf dem Weg.

Man kann davon ausgehen, dass rund die Hälfte der - neueste unzuverlässige Zählungen bestätigen die Zahl - 26.404 Fahrzeuge der Hauptstadt auch als Taxi ihren Dienst tun. Kaum jemand, der nicht seinen Geldbeutel auf der Fahrt zur Arbeit oder auf dem Weg nach Hause, aber auch auf einer extra angesetzten Fahrt etwas aufbessern möchte. Natürlich sind nicht alle Wagen immer auch als Taxi im Einsatz, aber gerade nachts, wenn die öffentlichen Verkehrsmittel rar werden, oder wenn es wirklich kalt ist, sind es viele. Registrieren lässt sich kaum einer der "Freizeitfahrer", denn die dann fälligen Steuern würden den mageren Gewinn nicht gerade steigern.

Das Prinzip für den Fahrgast ist einfach: Daumen raus und freundlich Lächeln. Selten wartet man lange. Selten wartet man lange... als Mongole. Als Fremder habe ich auch schon erfahren müssen, wie es ist, ignoriert zu werden. Die Fahrer suchen sich ihre Gäste nach einem geheimnisvollen System aus. Nicht jeder wird mitgenommen und ich bin augenscheinlich nicht vertrauenerweckend.

Die Verständigung mit dem Fahrer ist für mich immer wieder spannend. Zwar wird mein Mongolisch von Tag zu Tag um rund 100 % besser (am ersten Tag konnte ich kein Wort, heute sind es schon doppelt so viele...keines), aber es geht auch anders: meistens reicht ein Zettel vom Hotel oder die Visitenkarte der Zielperson und los geht die rasende Fahrt.

Der Kilometer kostet zur Zeit 300 Tugrug (ca. 60 Pfennig). Ein Blick auf den Kilometerzähler zur Kontrolle reicht aus, um dem Fahrer klar zu machen, dass ich zwar eine "Langnase" (Europäer), aber kein Grünschnabel bin. Der Preis wird angepasst, wenn der Benzinpreis steigt, man muss sich also vor der ersten Fahrt nach dem aktuellen Preis erkundigen.

Wohin darf die Fahrt gehen?
Selbst in Begleitung ist es nicht einfach, sein Ziel zu erreichen. Straßennamen sind die Ausnahme, Hausnummern ebenso. "Kennen Sie das Tuushin-Haus?", beginnt meine mongolische Begleiterin die Fahrt am nächsten Abend. "Ja, kein Problem" so die kurze Antwort des Fahrers. "Gut, und dann noch drei Straßen weiter."

... es gibt auch Echte
Bis zur Wende und dem Beginn der Privatisierungen im Jahr 1990 gab es in Ulaanbaatar nur ein 1970 gegründetes staatliches Taxiunternehmen. Die Privatisierung war einfach: die vormals staatlich angestellten Fahrer kauften das Fahrzeug - fertig. Fertig, aber nicht gut, denn schnell gab es so gut wie keinen Taxiservice mehr. In der Not entwickelten sich die Privattaxis. Seit rund zwei Jahren gibt es in Ulaanbaatar nun aber neue private Taxiunternehmen. Rund 170 schmucken Wagen, von insgesamt sechs Unternehmen machen Werbung für guten Service.

Der Preis pro Kilometer liegt mit rund 280 Tugrug (0,56 DM) etwas unter dem der privaten Wagen und ein Taxameter gibt Auskunft über alles Wichtige und Unwichtige. Eine Stunde Wartezeit schlägt mit rund 3000 Tugrug (6 DM) zu Buche. Die Wagen sind besser in Stand gehalten als die Privattaxis, dafür aber seltener. Selbst eine Telefonzentrale gibt es für den Taxiruf aus dem Hotel. Was aber nützt das, wenn man rund 20 Minuten auf den Wagen wartet und 100 Tugrug pro Kilometer Anfahrt bezahlt während Hunderte von Privattaxis an einem vorbeiziehen.

Frauenfeindlicher Umweltschutz?
Es ist so naheliegend und so einfach zu gleich: Kaum ein Auto fährt mit nur einer Person, jeder Fahrer kann seine Benzinrechnung zahlen und die Umwelt wird - sieht man einmal davon ab, dass kaum eines der Privatautos eine deutsche ASU bestehen würde - entlastet. Ich höre aber schon die Taxifahrergewerkschaften in Deutschland maulen, die Frauenverbände schreien und den ADAC protestieren.

Es wäre undenkbar in Deutschland, mit einem wildfremden Menschen mitzufahren. In der Mongolei gibt es damit keine Probleme, im Gegenteil. "Wenn etwas passiert, dann dem Fahrer", so die junge Journalistin Sunjidmaa. "Frauen ist eigentlich noch nie etwas passiert." Die Fahrer wissen offensichtlich, dass das System sonst zusammenbrechen würde und der schnelle Raub sich am Ende nicht auszahlt. Viel Geld hat sowieso keiner in der Tasche. Die Fahrer, so berichtet sie weiter, schützen sich nachts, in dem sie eine Begleitperson mitnehmen.

Man achtet natürlich darauf, was für ein Auto man nimmt. Es sollte vergleichsweise intakt aussehen und z.B. kein alter "Russenjeep" ohne Heizung sein. Nähert sich ein Wagen, der den eigenen Ansprüchen nicht genügt, geht der Daumen wieder rein.

Natürlich gibt es einiges, das die Fahrt noch sicherer macht: Als Frau - aber auch als Mann natürlich - wirft man vor allem nachts einen auffälligen Blick auf das Nummernschild des Wagens. Anschließend verabschiedet man sich von seiner Begleitung mit den Worten "Ich rufe dich gleich an, wenn ich zu Hause bin". Damit ist alles gesagt und getan.

Offizielle Meinungen
Die Regierung scheint das System zu tolerieren. Mobilität ist zu wichtig in einem Land, das sich im Umbruch befindet und es gibt dringendere Probleme im infrastrukturellen Bereich zu lösen. Lediglich die Einfuhr gebrauchter PKW wird aus Umweltschutzgründen mit hohen Zöllen belegt und erschwert das Geschäft der Fahrer etwas, macht die Fahrt aber auch sicherer. "Einen Wagen importiert heute keiner mehr, um als Taxifahrer privat zu überleben, als Nebengeschäft geht es aber immer noch gut", so Sunjidmaa.

Tserenjaviin Ojunbileg aus dem Infrastrukturministerium bestätigt, dass man sich in den letzten Jahren auf die Entwicklung des Busverkehrs konzentriert hat, da rund 80 % aller Menschen in Ulaanbaatar auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen sind. Die Entwicklung des Taxiservice hat man der Privatwirtschaft überlassen, denn "der Staat kann nicht alle Last auf seinen Schultern tragen", so Ojunbileg. In den nächsten Jahren soll die Infrastruktur im Bereich Taxi weiter verbessert werden, zur Steigerung der Sicherheit und um den Service zu verbessern.

Begegnung der Dritten Art
Mich versteht kein Mensch - rein sprachlich gesehen natürlich! In Begleitung geht es besser: Meine mongolische Kollegin und ich haben wieder keine Minute gewartet und sitzen nach einen anstrengenden Tag im Taxi. Draußen ist es bitterkalt und es schneit. Der kurze Spaziergang zum Restaurant wurde mir schlichtweg verboten... meine eigene Faulheit fällt also nicht weiter auf, obgleich ich doch ach so gern gelaufen wäre.

Das Ziel ist, so deutlich es geht, abgesprochen und wir entspannen uns. Wir unterhalten uns auf Deutsch über dieses und jenes und natürlich über das Taxifahren. "Der wird uns schon nicht betrügen, der sieht ehrlich aus" werfe ich unnötiger Weise in das Gespräch ein. Sie ist der gleichen Ansicht - der Fahrer auch: Er dreht sich um und meint in klarstem Deutsch: "Ich bin ein ehrlicher Mensch und außerdem habe ich in der DDR Medizin studiert!". Peinlich für mich, aber es war ja abzusehen: rund 30.000 Mongolen sprechen Deutsch und irgendwann musste das ja passieren!

Es ist aber auch eine gute Gelegenheit, mehr Informationen zu bekommen: "Durch die Einführung der offiziellen Taxis ist es schwieriger geworden, Kunden zu bekommen" meint Enkhbold, der Fahrer. Wir müssen mehr fahren und um die Kunden kämpfen, aber es geht als Nebenjob immer noch gut. Im Krankenhaus verdiene ich mit Nachtschichten gerade einmal 100 US$." Dann erzählt er uns eine typische mongolische Geschichte: "Vor meinem Haus stehen drei Autos, aber ich habe trotzdem nichts zu Essen. Klar, meine Familie leiht mir Geld für ein Auto, ich bekomme über einen Freund einen Rabatt... aber für Nahrungsmittel reicht es erst, wenn ich Taxi fahre."

...und nun
Man muss es einfach einmal selbst erlebt haben. Es gibt kaum etwas, das praktischer ist als Taxifahren in der Mongolei. Sollen sie doch alle schreien in Deutschland, ich freue mich jetzt schon auf die nächste Fahrt in einem echten mongolischen Taxi!

Quelle: mit freundlicher Genehmigung von Thorsten Trede und Gerelchimeg Chuluunbaatar-Trede  (Dezember 2000)

Ein kürzerer Beitrag der Autoren zum Thema ist erschienen bei Spiegel-Online


Die Autoren:

Gerelchimeg Ch.-Trede ist Dozentin für Marketing an der Universität der Mongolei in Ulaanbaatar.
Thorsten Trede ist Geschäftsführer der APPLICATIO Training & Management GmbH. Er ist als Trainer und Berater im Bereich Management und Marketing weltweit aber vor allem in der Mongolei tätig und arbeitet in Hamburg als freier Journalist.

   

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Last Update: 30. Dezember 2017