Ein Pferd für den "Bagsch" –
Förster und Umweltschützer aus dem Khentej ehrten ihren Lehrer
Von Hugo Kröpelin, Ulaanbaatar

Seit Manfred Vesper mit seiner Frau vor zehn Jahren zum ersten Mal die Mongolei besuchte, hat er an diesem Land "einen Narren gefressen". Immer wenn im Lübecker Stadtwald die Vegetation im vollen Gange war, hat er sich ein paar Wochen abgezwackt. Denn frühe Kontakte mit Verantwortlichen für den mongolischen Wald und mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) ließen ihn wissen: Hier ist sein Wissen als Diplom-Forstingenieur gefragt. "Die Mongolen haben eine atemberaubende Natur und Umwelt, die in Deutschland und Europa längst zerstört ist, ein Stück Weltkulturerbe, das bewahrt und behütet werden muss", war sein erster Eindruck. "Ich habe mir vorgenommen, den Menschen hier klar zu machen, dass sie mit dem Wald nicht so umgehen dürfen wie mit der Steppe: Wenn die Steppe abgefressen ist, dann ziehen die Hirten mit ihren Herden weiter und lassen sie woanders fressen. Doch wenn der Wald verschwunden ist und Tierpopulationen erloschen sind, dauert es mehrere Jahrhunderte, diesen wieder aufzubauen."

Ungezählt sind die Kilometer, die er mit den mongolischen Förstern auf Streifzügen durch den Wald zurückgelegt hat, sind auch die Schulungen in regionalen und kommunalen Forstämtern, vor allem im Sonderschutzgebiet des Khentej. Dabei sind ihm viele Kollegen "ans Herz gewachsen". Das Spektrum reicht von seinem "Lieblingsranger Zedenbal" bis zu Männern im Ministerium, zur Försterin Altanzeezeg und zur Leiterin des Informationszentrums in Mongonmort, Dulamshaw.

Natürlich wußten alle, bei denen der Lübecker Forstbeamte ein- und ausging, dass ihr Lehrer, der "Bagsch", jüngst 60 Jahre alt geworden war. Im Touristenlager Ogoomor, unweit der Hauptstadt Ulaanbaatar, aber schon in den südwestlichen Ausläufern des Khentej-Gebirges richteten sie ihm eine stimmungsvolle Nachfeier aus. Es mögen über 40 Gäste gewesen sein, die zeitweise die Festjurte auf der von wuchtigen malerischen Felsen umrahmten Alm füllten. Drei Schafe wurden geschlachtet für den "Hammel-Khorkhog". Das ist eine Art grober Gulasch, allerdings noch mit Knochen, der in einer großen verschlossenen Milchkanne oder einem ähnlichen Gefäß mit heißen Steinen gegart wird.

Nach den Dankesreden und Trinksprüchen hieß es raustreten. Ein Mongole im seidenen gelben Deel, dem langen Nationalgewand, reichte Manfred Vesper auf dem Khadag, dem ca. 20 cm breiten und 1,50 m langen blauen Glückstuch, eine Schale Airag, gegorene Stutenmilch. Die Geschenke, die den hartgesottenen norddeutschen Waldmann fast zu Tränen rührten, überreichte eine Mongolin im ebenso glänzenden Gewande. Dazu gehörten eine strahlend weiße Filzweste mit dem Logo seiner Visitenkarte auf dem Rücken, eine Rotte Wildschweine, und als kunsthandwerkliche Arbeit ein mongolischer Krieger in Rüstung, wie er vielleicht vor 700 Jahren unter den Angreifern auf die russischen Festungen zu finden war.

Letzteres Präsent wird einen Ehrenplatz finden im "mongolischen Zimmer", das Vesper in seinem Haus eingerichtet hat. Das schönste Geschenk aber wird in der Mongolei und damit ihm bei seinen Arbeitaufenthalten erhalten bleiben: ein Pferd.
Behende schwang sich der 60-Jährige in den Sattel und ritt neben einem mongolischen Ranger mehrere Runden begeistert um das Jurtencamp.

Der nächste Ausritt wird nicht lange auf sich warten lassen. Denn für Juli ist wieder ein Arbeitsaufenthalt geplant. Bis zu seiner Pensionierung will er jährlich ein-, zweimal Aufgaben der GTZ zum Schutz des mongolischen Waldes wahrnehmen und Inspektoren und Ranger in der nachhaltigen und selektiven Holznutzung schulen. Ursachen dafür, dass nicht alles gleich angenommen wird, sieht Manfred Vesper darin, dass die "Strukturen noch kommunistisch vorgebildet sind und es sehr schwer ist, Eigenverantwortung und Eigeninitiative für die eigene Region zu entwickeln und nicht mehr auf Lösungen aus der Bezirksverwaltung oder der Staatsregierung zu warten".

Daschijn Oelsiebayar, ein Holzbearbeiter mit DDR-Ausbildung, war wie manche seiner Kollegen in der mongolischen Forstwirtschaft anfangs misstrauisch. "Doch Manfred Vesper kam wieder mit 1.000 Stück Pflanzhacken für steinigen Boden. Diese haben sie in allen Bezirken verteilt und dann im Forst von Bugant (Bezirk Selenge) eine Baumschule eingerichtet." Hacken, Vliesdecken und Schattenmatten handhaben die Förster heute inzwischen zum Wohle des Waldes im Khentej.

"Manfred Vesper hat ein Herz für die Mongolei", meint Oelsiebayar. Der Lübecker Forstingenieur hat das jüngst mit einer ganz anders gearteten Aktion unter Beweis gestellt. Zum reichlichen Übergepäck, das die MIAT für ihn transportierte, gehörten an die 500 Brillen. Von Bürgern seiner Heimatregion gespendet, von einem Optiker gereinigt, vermessen und zum Teil instand gesetzt, werden sie demnächst Menschen im Khentej den Blick schärfen, die keine Gelegenheit und nicht das Geld haben, um für mehrere Tage in das mit Dienstleistungen inzwischen relativ gut versorgte Ulaanbaatar zu reisen. Last not least: einen sehr starken Eindruck

Quelle: mit freundlicher Genehmigung von Hugo Kröpelin, News Stories Photos aus Berlin und Brandenburg
(Juni 2000)


   

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Last Update: 10. September 2006