Dr. Werner Theinert - der "Doyen" aus Sachsen
Seit 12 Jahren bei Veterinären in der Mongolei
Von Hugo Kröpelin

Als Dr.Werner Theinert die doppelte Wohnungstür öffnet, hört man die Waschmaschine rumpeln. "Dazu war nach der Expedition zu den Kamelen in der Südgobi nicht Zeit, denn gleich anschließend ging es auf Tour in die Nordmongolei", entschuldigt er sich. Nochmal knapp 2000 Kilometer mit dem Jeep. Zwei ausländische Journalisten hat er in den Bezirk Chuwsgul begleitet, dorthin, wo östlich des gleichnamigen Sees die Zaaten leben. Die kleine Völkerschaft in dem der Taiga ähnelnden Gebiet unweit der russischen Grenze betreibt als einzige in der Mongolei die Rentierzucht, erzählt der promovierte Veterinär, während die Waschmaschine leise ihr Programm abspult. Schon an die zehnmal hat er den Stamm besucht und ihm mit Medikamenten, Gerätschaften und Beratung geholfen, damit sie ihre fürs Überleben wichtigen Tiere von Parasiten befreien können. Vor sieben Jahren feierte er mit den 67 Zaatenfamilien das "Fest der 1000 Rentiere". Diese Stückzahl war wieder erreicht und später gar verdoppelt worden, nachdem es in dreijähriger Kooperation gelungen war, Brucellose und den Befall mit Haut- und Nasendasseln drastisch zu vermindern. Hätte er all die Felle, die ihm die Zaaten schenken wollten, mit nach Ulaanbaatar genommen, könnte er seine Drei-Zimmer-Wohnung am Westrand des Neubauviertels "Naran Tolgoit" mehrfach damit drapieren. Ein Rentier mit in die mongolische Hauptstadt zu nehmen, mußte er natürlich auch ablehnen. Im benachbarten Bezirk Bulgan, wo er den Tierhaltern in einem Herbst bei der Behandlung von 21 000 Pferden gegen fast alle Ekto- und Endoparasiten mit "Ivomectin" half, gehören ihm symbolisch drei Pferde.

Inzwischen hängt die Wäsche zum Trocknen auf Ständern und Leinen, und Theinert gibt in der Küche kleingeschnittenen Weißkohl in die große Pfanne, in der schon Fleisch- und Speckbrocken vor sich hinschmoren. Der 58jährige, der ständig zwischen Wohnung und Büro in Ulaanbaatar und den Araten in der tiefen Provinz pendelt, hat in seiner Gefriertruhe reichlich Fleisch eingefroren. Seine Vorratswirtschaft ist auch ein Stück Erbe der Vergangenheit. Denn bevor in der Mongolei wie in der DDR die Marktwirtschaft einzog, belieferte der Auslandsvertrieb VERSINA mit Sitz in Berlin-Marzahn die ständig im Ostblock und in einigen Entwicklungsländern tätigen Ostdeutschen mit fast allem, was man zum Leben brauchte. Da hieß es: Reichlich bestellen, vor Weihnachten für die Osterlieferung und bald nach Ostern wieder für Weihnachten.

Geerbt·hat Theinert auch 20 Jahre Erfahrungen von DDR-Veterinären in der Mongolei. Schon 1966 kamen die ersten Tierärzte und untersuchten im Nordbezirk Selenge die Rinderbestände auf Brucellose und Hypodermose. 1973 beauftragte der Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (Comecon) die DDR mit der Leitung des Projekts für die Zusammenarbeit im Veterinärwesen. In den Folgejahren kamen jeweils Kurzzeit-Experten zu Herbstbehandlung und Frühjahrskontrolle der Hyperdermose. Um diese Expeditionen materiell und organisatorisch besser abzusichern und die Resultate systematisch auszuwerten, schickte das DDR-Landwirtschaftsministerium 1982 einen ständigen Vertreter nach Ulaanbaatar. "Der Befall mit Dassellarven ging bis 1990 von 100 auf sechs Prozent zurück", zitiert Theinert aus einem alten Kontrollbericht. Sechsprozentiges Trichlorphon (MSD) wurde rund drei Millionen Rindern landesweit auf den Rücken gegossen. Und Professor Gombyn Daschnjam, einst Chef der Landesveterinärverwaltung, erinnert sich, daß man damals im Ost-Aimag (-Bezirk) nicht mal genug Rinder fand, um den Schaden zu demonstrieren, den diese Parasiten anrichten. Nicht zu unterschätzen war auch, daß die verarbeitende Industrie bessere Häute zur Verarbeitung bekam.

Als Theinert 1986 ständiger Vertreter wurde, lag die Diagnose der Schafe auf Nasendasseln und deren Bekämpfung mit 50prozentigem Trichlorphon im Aerosolverfahren schon zurück. Er hatte zu gewährleisten, daß seine mongolischen Kollegen in den nächsten beiden Jahren mit Präparat, Kompressoren und Düsen aus der DDR in 56 Kreisen von insgesamt sechs Bezirken etwa fünf Millionen Tier einsprühten. "Bei der Kontrolle im ersten Frühjahr stellte sich heraus, daß die behandelten Tiere im Schnitt 1,5 Kilogramm mehr auf die Waage brachten."

Der Veterinärrat - dieser Titel wurde ihm noch im letzten Jahr der DDR zuteil - dreht die Kochplatte auf Null und erzählt von drei Jahren Kampf in der Gobizone gegen Zecken und Räude bei den zweihöckrigen Kameln, den Baktrianen, wie sie wissenschaftlich heißen. Ausprobiert wurden Chlorophos, Trichlorphon aufgegossen und aerosoliert, sowie Ivomectin. "Letzteres von der Firma MSD war das wirksamste, der Befall sank um 96 Prozent", erinnert er sich an den Feldversuch. "130 Kamelköpfe haben wir dazu 1990 in einem Kreis seziert."

Doch um die Kamele ist es derzeit nicht gut bestellt. Waren die Bestände schon früher rückläufig, so hat sich der Schwund seit Auflösung der landwirtschaftlchen Genossenschaften beschleunigt. "In acht Jahren um fast 200 000 Tiere auf aktuell 350 000", verweist Theinert auf die neueste Statistik. "Viele Menschen auf dem Lande, denen bei der Privatisierung Tiere zugeteilt wurden, hatten weder Ahnung von noch Ausdauer mit Kamelen", erfuhr er bei seinen Besuchen. "Sie verkauften die Tiere wieder, schließlich konnte man sich für 18 Kamele ein Motorrad leisten." Die meisten Tiere seien von den neuen Besitzern abgeschlachtet worden. Auch darüber sprach der Experte aus Sachsen in diesem Sommer auf der Tagung der Internationalen Kamelund Yak-Stiftung in der Nähe von Bremen.

An das Staatsgut Bornuur, das bis 1990 noch "Ernst Thälmann" hieß und das mit Hilfe der DDR zu einem der Hauptversorger der Hauptstadt mit Milch, Kartoffeln und Gemüse entwickelt worden war, hat Dr. Theinert nicht nur gute Erinnerungen. In dem Kreis 100··km nördlich von Ulaanbaatar, der fast so groß wie das Saarland ist, waren schwarzbunte Milchrinder aus Sachsen akklimatisiert und deutsche Kartoffelsorten mit herausragendem Erfolg angebaut worden. Doch nicht gelungen war es, nach Programmen des RGW die Rinderbestände von Leukose zu sanieren. "Organisatorische wie ökonomische Probleme der Mongolei ließen das Vorhaben Ende der 80er Jahre scheitern", stellt er fest. Heute gibt es das Staatsgut wie alle anderen nicht mehr. Die Zahl der Rinder schrumpfte in Bornuur auf die Hälfte, die Ackerfläche noch mehr. Von den vier Nachfolgebetrieben arbeiten nach Aussage des früheren Gutsdirektors Jandag noch zwei private "Companies" rentabel. Sie erzeugen Treibhausgemüse und Kartoffeln für Ulaanbaatar.

Während sich DDR-Experten 1990 aus dem Fleischkombinat, der Teppichfabrik, von "Ernst Thälmann" und den geologischen Erkundungen aus der Mongolei verabschieden mußten, übernahm die Bundesregierung das Ektoparasitenprogramm. "Wegen seiner Effizienz und Nachhaltigkeit", unterstreicht der Veterinärrat. Der Ossi aus Sachsen bestritt die Übergangszeit bis 1991 und wurde von der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) übernommen. Er sei der «Doyen» unter den ausländischen Leitern aller Entwicklungsprojekte, hatte ein UNDP-Delegierter vor drei, vier Jahren ehrfurchtsvoll zu Theinert gesagt. Daß die Mongolei sein hohes Fachwissen und sein Engagement zu schätzen weiß, zeigte der frühere Präsident Otschirbat, als er dem Deutschen die Freundschaftsmedaille anheftete. Ehrenmitglied der tierärztlichen Vereinigung des Landes und Mitglied der Akademie der Landwirtschaftswissenschaften wurde er auch. Seit letztem Februar ist er "Bester Spezialist für Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie". Mit einem Zentrum für die Computerausbildung schuf er die Voraussetzung für die Veterinärwissenschaftliche Zeitschrift gleich mit. Deren Leitartikel verfaßt er oft selbst. "Manai (unser) Theinert" oder "Nojon" rufen ihn Bauern wie Veterinäre, wenn er in Saichan, Mandal Owoo oder anderen Orten anrückt. Im Gepäck wie immer Veterinärbesteck und Probenröhrchen, Dias und Videos für die Demonstration von Parasitenfraß und Behandlungsmethoden, dazu Bekleidung für jedes Wetter, Notverpflegung und Zelt. "Nojon" - diese feudale Anrede als "Herr" ist nach dem fast lautlosen Verschwinden des Sozialismus wieder in Mode gekommen.

Daß all die Jahre in Zentralasien nicht nur Zuckerlecken waren, zeigt die dünne Haut auf seinen Unterschenkeln. "Diese Erfrierungen haben mir zehn Tage Krankenhaus eingebracht, es hätte aber viel schlimmer kommen können." Einmal mußte er den Toyota-Landcruiser von einem Bus aus brüchigem Eis ziehen lassen. Erst im Juni ist er wieder von 40 Grad Hitze und Trockenheit in der Südgobi zu zehn Grad minus und fünf Zentimeter Neuschnee in der Nordmongolei gewechselt. Kein Jahr war er weniger als 120 Tage in dem Land unterwegs, das viermal so groß wie Deutschland ist. Hier leben nur 2,35 Millionen Menschen, ein Viertel von ihnen in der Hauptstadt. Aber sie bewirtschaften über 31 Millionen Nutztiere. Seine Reisekilometer zu Behandlungen, Kontrollen und Seminaren mit den Tierärzten der Bezirke beziffert er auf etwa zehn Erdumkreisungen.

Im Februar '98 ist das Ektoparasitenprogramm ausgelaufen. Die nächste Aufgabe schält sich heraus: der Veterinärmedizinische Dienst muß privatisiert werden. Der Staat werde zwar die fachliche Leitung behalten, "aber bezahlen kann er die Dienste nicht mehr", schildert Theinert die Situation. "1967/68, gleich nach dem Studium, habe ich übrigens in Eilenburg selbst privat praktiziert, bis ich verstaatlicht wurde". Der stämmige Mann, dessen volles Haar schon bei seiner Ersteinreise vor zwölf Jahren angegraut war, ist überzeugt, "noch die Energie aufzubringen, um dieses neue Projekt mit realisieren zu können". Dabei sei ihm gleich, ob man ihn als Kurzzeitexpertem engagiere oder ihm einen Beratervertrag anbiete.

Wie kompliziert dieser unvermeidliche Schritt sein wird, erfährt der sächsische Entwicklungshelfer bei jedem Besuch in der Provinz. Die Tierärzte müßten jetzt Geld verlangen, aber das reiche in den meisten Aratenfamilien ohnehin schon hinten und vorn nicht. Aus der neuesten Statistik führt er an, daß über 180 000 private Herden betreut werden müßten. "Aber etwa 140 000 Familien haben weniger als 200 Tiere. Und Araten mit den kleineren Herden sind für die privaten Aufkäufer weniger interessant, zumal wenn sie weit abgelegen von den Kreiszentren wirtschaften. Und kein Absatz heißt für viele: auch kein Geld, um die Tiere untersuchen und behandeln zu lassen." Schon in den letzten Jahren des Sozialismus seien die ländlichen Gegenden stark unterversorgt gewesen, weiß Theinert aus eigener Anschauung. `Aber nach dem Machtwechsel ist der Unterschied zur Hauptstadt noch viel größer geworden." Seitdem die Araten nicht mehr zentral beliefert werden mit Lebensnotwendigem wie Mehl und Salz, Hygieneartikeln, Textilien und Haushaltgerät, Zigaretten und Schnaps, diktieren auch chinesische Händler die Preise. Sie rücken von Süden ein und nutzen die Not der Mongolen, indem sie oft minderwertige Konsumgüter gegen Fleisch, Felle und Häute eintauschen. "Damit wiederum werden dem Land Rohstoffe entzogen, die es bei entsprechender Organisation selbst verarbeiten und veredeln könnte", sagt er.

Seinen Krautgulasch muß der Entwicklungshelfer später wieder aufwärmen. Noch einige Zeit werden sich mongolische und deutsche Experten die Köpfe darüber zerbrechen, wie wieder mehr Geld in die Aratensiedlungen kommt, wie Veterinäre Existenzen gründen, wie und zu welchen Kosten Präparate, Gerätschaften und Fahrzeuge beschafft werden sollen. "Und wie wieder funktionierende Strukturen für Aufkauf und Versorgung aufgebaut werden, mit denen Preiswillkür und Spekulation eingedämmt werden", fügt er hinzu. "Eine höchst interessante Aufgabe, zu deren Lösung würde ich gern beitragen." In Deutschland, "wo alles geregelt ist", hat man ihm schon Angebote gemacht, in Kleintierpraxen einzusteigen. "Aber bei mir sträubt sich alles dagegen, wieder Kater oder Rüden zu kastrieren, Kanarienvögeln in die Hälse zu gucken oder langweiligen Bürokram zu erledigen. Und für Vorruhe und Rente fühle ich mich einfach nicht alt genug."

Quelle: mit freundlicher Genehmigung von Hugo Kröpelin, News Stories Photos aus Berlin und Brandenburg
(Dezember 1998)


   

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Last Update: 10. September 2006