Leben wie zu Zeiten Dschingis Khans
Strenge Winter haben den Viehbestand in der Mongolei stark dezimiert. Doch die Landwirtschaft leidet nicht nur unter den klimatischen Bedingungen.

Von Rita Baldegger, Ulan Bator

Die Mongolei hat begonnen, sich nach dem Ende des sozialistischen Systems 1990 wieder in das zurückzuverwandeln, was es einmal war: ein Nomadenland.

Die Rückkehr zur alten Lebensweise schien die Antwort zu sein auf die harschen Bedingungen der freien Marktwirtschaft. 1998 gab es doppelt so viele viehzüchtende Nomaden als 1989, und der Viehbestand stieg im gleichen Zeitraum um die Hälfte auf etwa 30 Millionen. " 1993 bis 1999 waren klimatisch gute Jahre", sagt Markus Dubach, "man musste nichts können, und die Tiere vermehrten sich trotzdem." Der Schweizer Agronom ist Leiter der Entwicklungszusammenarbeit bei Joint Christian Services International (JCS) und seit acht Jahren in Ulan Bator stationiert.

Im Winter 1999 kam der Dzud, mit Schneestürmen und Temperaturen bis zu 50 Grad unter Null. Die Tiere kratzten bei der Futtersuche hilflos an der Eisschicht auf der Erde. 3,5 Millionen Tiere verendeten. Der Sommer brachte eine Dürre, und im nächsten Winter fegte der Dzud wieder über die Steppe. Die Schweiz reagierte auf den Hilferuf aus der Mongolei im Januar dieses Jahres, indem sie unter der Ägide der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA eine halbe Million Franken zur Verfügung stellte und Mitarbeiter des Schweizerischen Katastrophenhilfekorps entsandte.

"Dies ist das erste Hilfsprojekt der Schweiz in der Mongolei", sagt der SKH-Logistiker Carlos Marbach. Er und seine Kollegin Flavia Lazzeri besorgten innerhalb eines Monats über Tausend Tonnen Futtermittel für zwei stark betroffene und schwer zugängliche Provinzen im Nordwesten des Landes. "Wir führten das Futter in fünf Lastwagenkonvois aus Russland ein", sagt Marbach. "Die Beschaffung in der Mongolei, wo durchaus Reserven vorhanden gewesen wären, gestaltete sich als zu schwierig und langwierig." Marbach und seine Kollegin besorgten auch Medikamente aus der Schweiz für die geschwächten Tiere, die unter der Aufsicht von JCS Tierärzten geimpft wurden.

Carlos Marbach schätzt, dass dem Dzud etwa 4 Millionen Tiere zum Opfer gefallen sind. Seine Prognosen für die Zukunft sind düster. "Die Provinz Uvs, der wir zugeteilt waren, schlittert in die gleiche Katastrophe hinein. Dort herrscht diesen Sommer wieder Dürre." Zur Zeit prüft die DEZA, vor Einbruch des Winters weitere Futtermittel zu liefern.

Neben den klimatischen Bedingungen hat auch der grosse Tierbestand zur Futterknappheit beigetragen. Das Land ist überweidet, und so können sich die Tiere während des Sommers nicht genügend Winterspeck anfressen. "Es ist wieder wie zu Zeiten Dschingis Khan: Die Nomaden kämpfen buchstäblich um Wasser und gute Weideplätze", sagt Markus Dubach.

Die Malaise auf dem Land greift tief: Wasserstellen werden nicht mehr unterhalten und zerfallen; die tierärztliche Versorgung ist nach der Privatisierung 1998 ein Luxus geworden, bereits ist die Maul- und Klauenseuche wieder aufgetreten; Bauern haben zu wenig Geld, um Saatgut, Düngemittel und Maschinen zu kaufen, die Produktion von Weizen ist in einem Jahrzehnt von 600'000 Tonnen auf unter 138'000 Tonnen gefallen; insgesamt sind die Nahrungs- und Futterreserven ständig zurückgegangen; zudem sind Dreiviertel der Herden zu klein, um die Nomadenfamilien – etwa ein Drittel der Bevölkerung – zu ernähren. Bereits 1999 kam die UNO zum Schluss, dass mehr als die Hälfte der Mongolen zu wenig zu essen haben. Krankheiten wie Cholera, Typhus und Tuberkulose sind zurückgekehrt.

Nun will der Staat wieder vermehrt eingreifen und wie im Kommunismus die Zuteilung der Weideplätze übernehmen. Markus Dubach befürchtet, dass diese Massnahme nur kurzfristige Resultate bringen wird: "Damit werden die Anpassungsprobleme an die neuen Wirtschaftsstrukturen nicht überwunden!" Mit der Verschiebung der Verantwortung ist es nicht getan, wenn die Regierung, die fest in der Hand der Revolutionären Volkspartei ist, nicht vom Weg der Marktwirtschaft abweichen will.

Joint Christian Services leisten praktische Hilfe zum besseren Umgang mit der neuen Ordnung. Sie unterstützen Tierärzte beim Aufbau von privaten Praxen, sie testen Weizen- und Gerstensorten, sie stellen Mikrokredite zur Gründung von Kleinbetrieben zur Verfügung, und sie errichteten einen modernen, auf mongolische Bedingungen ausgerichteten Milchwirtschaftsbetrieb als Modell. Die überdimensionierten Agrarbetriebe nach sowjetischem Vorbild stehen verlassen.

Die Mongolen wurden 1990 ohne das nötige Rüstzeug in die Privatwirtschaft entlassen. Ihnen muss Gelegenheit geboten werden, sich dieses Wissen anzueignen. Wenn nicht, wird das Leben wie zu Zeiten Dschingis Khans bald keine Erinnerung mehr sein, sondern Realität.

Quellenangabe "Der Landbote, Winterthur" u n d dem Einverständnis von Frau Baldegger


   

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Last Update: 10. September 2006