Mongolei: Viele Zeitungen für 2,36 Millionen Bewohner
Stark gewandelter Medienmarkt seit Ende der KP-Herrschaft
Von Hugo Kröpelin

Ende 1989 war das Zeitungsangebot in der Mongolei übersichtlich und eintönig: Die KP-Zeitung (sechsmal pro Woche), die Blätter des Jugendverbandes (viermal), der Gewerkschaften (dreimal), der Armee (zweimal) sowie der Kulturschaffenden und des Sportbundes (je einmal). Zu hören war ein Rundfunksender, zu sehen ein nationaler TV-Sender, letzter aber an Werktagen erst ab 18 Uhr, und das sowjetische Auslandsfernsehen "Orbita". Dazu kleine Blätter in den Aimags (Bezirken), die maximal wöchentlich erschienen.

Inzwischen ist die Medienlandschaft völlig umgekrempelt. Zeitungshändler breiten jeden Morgen meist unter freiem Himmel auf transportablen Tischen ihr Angebot aus. Das sind bis zu 40 verschiedene Titel, in der Mehrheit nur schwarz-weiß. Rund 650 Blätter sind beim Ministerium für Justiz registriert. Die Behörde verlange mit dem Antrag ein Bekenntnis zur Verfassungstreue, ein Rentabilitätskonzept und die Vereinbarung mit einer Druckerei", erläutert Chaschchuu Naranshargal, Vizepräsidentin des Mongolischen Bundes Freier Journalisten (MBFJ). "Doch von den vielen angemeldeten Blättern kommen nur etwa 160 öfter als dreimal im Jahr heraus."

"Ardyn Erch" (Volksrecht/Auflage 25 000 sechsmal pro Woche) und "Sasgijn Gasryn Medee" (Regierungsnachrichten/ 15 000/fünfmal) sind die "Zentralorgane" der neuen Macht, gedruckt auf Maschinen, die als Geschenke aus Südkorea kamen. Beide Blätter können sich den Vertrieb in das ganze Land leisten, das viermal so groß wie Deutschland ist und nur 2,36 Millionen Bewohner zählt.

Die friedliche mongolische Wende war auch die Geburtsstunde der freien und unabhängigen Presse. Deren wichtigster Förderer und Mentor ist DANIDA, das dänische Pendant zur deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ). Das Folketing hatte 1993 ein fünfjähriges Hilfsprojekt für die Mongolei beschlossen und die Journalistenschule in Aarhus·damit beauftragt. 2,2 Millionen Dollar wurden für die technische Ausstattung der Druckerei bereitgestellt, zum Teil von einer sich selbst finanzierenden Stiftung, von der auch Möbel, Computer und die erste Lieferung Papier kamen. Im August 1995 konnte der MBFJ sein Druckhaus einweihen. "Heute werden hier 55 Prozent der Gesamtauflage des Landes und 80 Prozent aller Zeitungen gedruckt", weiß Jorgen Ringgard von der Aarhuser Schule. Seinem aktiven Mitwirken und dem Engagement des UNDP ist auch das Presseinstitut zu verdanken, das in der obersten Etage des Druckhauses eingerichtet wurde. Hier finden Halbjahreskurse für Nachwuchsjournalisten statt. Ganz praxisnah, denn im großen Saal des Instituts finden die wichtigsten Pressekonferenzen statt. Ein kanadischer Experte hilft beim Aufbau einer Infodatenbank.

Ein Pressegesetz gibt es noch nicht. An seinem Entwurf werde seit vier Jahren gearbeitet, stellt Ch. Naranshargal fest. Besitzanteile müßten nicht offengelegt werden, für ausländischen Mit- oder Mehrheitsbesitz seien keine Grenzen abgesteckt. Eine gewisse nationale Konzentration wird daran deutlich, daß bei "Ardyn Erch" auch das politische Blatt "Ardtschilal" (Demokratie), die Sportzeitung "Sportyn Medee" und das Satireblatt "Tonschuul" (Specht) erscheinen. Dem größten privaten Verlagsunternehmen Mongol News Co. gehören u.a. die Tageszeitung "Unuudur" (Heute/9 000 Exemplare), eine Kinderzeitung (10 000), eine Sportzeitung, die englischsprachige "UB Post" sowie ein privater Rundfunksender und der TV-"Kanal 25".

Am Anzeigengeschäft, das sich ebenfalls erst seit Einzug der Marktwirtschaft entfaltete, sind die Printmedien am stärksten beteiligt. Nach einer Untersuchung des Medienexperten D. Zerenshaw belief sich der Gesamtumsatz 1997 auf etwa 1,8 Millionen DM, von denen 1,09 Millionen DM in die Presseverlage flossen. Die beiden öffentlich geförderten TV-Sender und der "Kanal 25" kamen auf 543 000 DM, für den Rundfunk blieben ganze 160 000 DM. Derselben Quelle entstammen auch die Anzeigenpreise von 1000 DM pro Seite (Ardyn Erch) und 750 DM (Sasgijn Gasryn Medee).

Beim "Kanal 25" zahlt der Anzeigenkunde etwa 0,25 DM pro Wort. "Firmen und Parteien können sich auch 20 bis 30 Minuten Sendezeit kaufen, in der wichtigen Einschaltzeit zwischen 19 und 23 Uhr", sagt Sorig Altai, vorher Chef des Staatskomitees für Rundfunk und Fernsehen. "Vom Staat erhalten wir keinen Tugrik und keinen US-Dollar, sind aber sechsmal in der Woche 4,5 Stunden auf dem Sender."

Mit dem privaten Radiosender "JAAG-107" (so getauft nach den Initialen seiner Hauptmacher Jargalsaichan, Awirmid, Altai, Galsandorsh und der FM-Frequenz) mietete sich die kleine TV-Anstalt vor knapp zwei Jahren im "Kulturturm" am Suche-Bator-Platz in der City von Ulaanbaatar ein. Das Kapital hatten die vier aus dem Handel mit Autoteilen, Landtechnik und Reifen für Traktoren sowie mit dem Betrieb einer eigenen Disco-Bar erwirtschaftet. Doch es geht immer noch bescheiden zu. "Zum Beispiel müssen wir bei Direktübertragungen passen", stellt Altai fest. Studiotechnik und Kameras, professionell wie halbprofesionell, stammten zum Teil aus Japan, einiges sei gekauft, auch aus zweiter Hand, anderes habe man geschenkt bekommen. Dringend benötigt werde ein 3-KW-Sender. "Es kann auch ein gebrauchter sein", fügt Altai hinzu." Erst ein Drittel der 90 000 Haushalte der Hauptstadt seien verkabelt. Von Chancengleichheit mit dem staats- und dem stadtgeförderten Fernsehen könne auch noch keine Rede sein. Zum einen hätten diese Anstalten Werberechte wie die Privaten, zum anderen seien sie Alleinherrscher auf der Funkrelaisstrecke, über die seit den 70er Jahren die westlichen Provinzen erreicht werden. "Kanal 25" und "Jaag-107" reichen dagegen nur wenig über die Hauptstadt mit offiziell 630 000 Bewohnern hinaus.

Ungeachtet dieser Handicaps machen sie Furore. "In unserem TV-Programm haben wir als erste die geheimen Dokumente gezeigt vom Bankenskandal", stellt Altai nicht ohne Stolz fest. Die offenbar illegale Fusion einer staatlichen und einer Privatbank war auch noch von Regierungschef und Finanzminister abgesegnet worden, worauf die Opposition von Reformkommunisten und Konservativen das Parlament verließ und damit das Quorum für die legislative Arbeit aufhob. Als die Abgeordneten schließlich Mitte Juli zur Frühjahrssitzung erschienen, verlor die Regierung bei einer Abstimmung das Vertrauen. "Die Politiker reden weiter mit uns und antworten auf unsere Fragen", erklärt Altai. "Anders würde es ihnen schlecht bekommen." Großer Popularität erfreue sich auch die JAAG-Sendung "Neues aus dem Grauen Haus". In dem fast quadratischen, weitläufigen Gebäudekomplex am Suche-Bator-Platz sind die Ämter von Präsident, Regierungs- und Parlamentschef geblieben. In der Nähe der Macht, wo jahrzehntelang die Führung der Mongolischen Revolutionären Volkspartei residierte, haben sich etliche einflußreiche Firmen niedergelassen.

Wichtigste Quelle der Mongolen für Informationen aus dem Ausland ist in den größeren Städten heute das Fernsehen. In Wohnzimmern und Jurten sind per Satellit oder Kabel drei russische und drei chinesische Programme, davon das der Inneren Mongolei, CNN und amerikanische Entertaiment-Sender, Japans NHK, BBC World, eine australische Station, das französische TV 5 und Deutsche Welle-TV zu empfangen. Vorausgesetzt, daß nichts dazwischen kommt. Als zum Beispiel der Pekinger Sender CCTV-2 120 Minuten eines WM-Spiels in Frankreich gezeigt hatte und die Fans auf das Elfmeterschießen warteten, wurde das Programm des hiesigen UBTV draufgeschaltet. Doch manchmal werden Zuschauerwünsche sogar erfüllt: Da DW-TV keine WM-Übertragungen in voller Länge anbot, servierte man diese in der Stadt Darchan vom spanischen tve auf dem Kölner Kanal.

Quelle: mit freundlicher Genehmigung von Hugo Kröpelin, News Stories Photos aus Berlin und Brandenburg
(September 1998)


   

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Last Update: 10. September 2006