"Temuulel" heißt Sehnsucht
Von Hugo Kröpelin

Ein zusammengerolltes Bündel liegt gleich hinter dem Eingang des Ladens. Schmutziggrau sieht es aus, die Farbe von Gesicht und Füßen sticht nur unwesentlich hervor. Der kleine Junge scheint tief zu schlafen. Kunden blicken schnell wie der weg, ihr Blick eilt in dieser frühen Morgenstunde zu den Lebensmitteln und Preisen. Die beiden Verkäuferinnen lassen ihn schlafen. Wo er die vergangene Nacht verbracht_ hat, wissen sie nicht. Sollten sie die Polizei rufen, würde die ihn abholen.

Jan Felgentreu kennt solche Kinder. Im Haus "Temuulel" draußen im Westen von Ulaanbaatar betreut er ein Straßenkinder-Projekt. Die Polizei hat bei ihm schon mehrfach obdachlose Kinder abgeliefert. Manche wurden bei Razzien nachts_ aus der Kanalisation geholt, andere in Kellern aufgegriffen. Tagsüber sieht man sie oft, höchstens zu zweit, wie sie gut gekleidete Passanten ansprechen, am liebsten Ausländer. Wer mit einem Finger in den offenen Mund zeigt, möchte etwas Eßbares kaufen. Der Hinweis auf nackte Füße bedeutet: ich brauche Schuhe. Andere stehen einfach am Wegesrand und formen die Hände dicht am Körper zu einem Gefäß. Traurige Augen sagen: Tu bitte etwas rein! Manche nehmen die Spenden mit nach Hause, so sie denn eines haben, wo auch die Armut zu Hause ist.

Ein Dach über dem Kopf, jeden Tag drei Mahlzeiten und einen geregelten Tagesablauf haben die 40 Straßenkinder, die im Haus "Temuulel" wohnen. Im Auftrag von MISEREOR leitet Jan Felgentreu das Projekt seit fast drei Jahren. Nach seiner Kenntnis leben in der Hauptstadt etwa 750 Kinder auf der Straße, für die ganze Mongolei rechnet die UNICEF mit 5.000. Arbeitslosigkeit, Scheidung oder Trunksucht der Eltern nennt der 31jährige als Hauptursachen. Felgentreu, vorher vier Jahre Sozialarbeiter in Berlin, und seine sieben Mitarbeiter nehmen auch öfter Jungen und Mädchen aus der Provinz auf. "Die Eltern haben von unserem Haus erfahren und Kinder in Marsch gesetzt", erzählt er.

Viele Menschen, die vorher in Verwaltungen von Agrarbetrieben und Kommunen Lohn erhielten, wurden entlassen. Nach dem jüngsten UNICEF-Bericht hat sich die Zahl der armen Fa-_ milien, der Straßenkinder und der alleinerziehenden Mütter in den letzten fünf Jahren verdoppelt. In Schulen fehlen Lehrbücher und einfaches Lern- und Arbeitsmaterial. Etliche Zentren von Kreisen - diese sind oft größer als das Land Hessen - mußten aus Geldmangel die Internate schließen, in denen Kinder von Viehhirten aus entlegenen Steppengebieten während der Schulzeit wohnen konnten. Oft fehlt den Eltern das Geld für Unterbringung und Verpflegung oder Kleidung für die Schule. Sie ließen die Kinder zu Hause, wo sie nun in der Wirtschaft helfen. Etwa ein Viertel aller Schulpflichtigen besuchen keine Schule mehr.

Bei "Temuulel" wird gelernt. Die meisten Jungen und Mädchen gehen in eine benachbarte Schule. "In bescheidenem Rahmen machen wir auch Berufsausbildung", sagt Jan Felgentreu. An Nähmaschinen älterer Modelle sitzen zwei 14jährige Mädchen und lassen sich von Frau Bajansuul, einer pensionierten Arbeitslehrerin, wichtige Handgriffe zeigen. Kleinere Mädchen lernen mit Nadel, Faden und Schere, Kleidung auszubessern. In einem der Aufenthaltsräume zeigt uns der Projektleiter Hocker und kleine Bänke aus eigener Produktion. Sie kommen aus einer Steinbaracke hinter dem Haus, wo eine Tischlerwerkstatt eingerichtet worden ist. Mehrere 15jährige sägen, hobeln, bohren und schleifen hier unter Anleitung eines Fachmanns, der mehrmals in der Woche für ein bescheidenes Honorar unterrichtet. Zur Zeit werde noch für den Eigenbedarf getischlert, sagt Jan Felgentreu. "Wenn die Qualität dafür ausreicht, wollen wir die Kleinmöbel zum Verkauf anbieten und aus dem Erlös etwas Taschengeld zahlen." Stoffe und Leder sowie Holz sind Spenden aus Betrieben oder für wenig Geld angeschafft.

Alle Kinder von "Temuulel" verblüffen mit ihrer Altersangabe. Bataa zum Beispiel sieht aus wie ein Zehnjähriger, aber er ist schon 15. Der Junge war vom Stiefvater nicht akzeptiert worden und hatte erst in einem Gully und später im finsteren Korridor eines Wohnhochhauses Zuflucht gesucht. Auch die Mädchen an den Nähmaschinen machen nicht den Eindruck von 14jährigen. Den Entwicklungsrückstand bei Stadtkindern - 52 Prozent der Mongolen leben nach offiziellen Angaben in Städten - führt UNICEF auf unzureichende Ernährung und Vitaminmangel zurück, die wiederum eine höhere Krankheitsanfälligkeit verursachen. Unter großen Anstrengungen haben WHO und die japanische Agentur JICA zusammen mit mongolischen Ärzten ein Immunisierungsprogramm realisiert. So wurden 1997 in den ersten neun Monaten zwischen 84,8 und 94,7 Prozent der Kinder gegen die alterstypischen Krankheiten geimpft. In 41 Prozent der Kreise wurden neue Kühlschränke für die Impfstoffe angeschafft.

Zu den Kindern von "Temuulel" kommt eine mongolische Ärztin, eine Krankenschwester schaut auch nach den sanitären Bedingungen. Notfalls kann die Hilfe des Infektionskrankenhauses in Anspruch genommen werden, und der deutsche Arzt, der auch die Botschaftsmitarbeiter betreut, hilft hin und wieder mit einem dringend benötigten Medikament aus.

Wovon sein Haus existiert? Der junge Deutsche nennt zuallererst die ständig in Japan engagierte Sängerin Ojuuntulchuur. Sie hat einen Fonds gegründet, in den auch Einnahmen von ihren Auftritten und Spenden japanischen Geschäftsleute fließen. Unbedingt hervorheben will Jan Felgrentreu einen deutschen Diplomaten, der "Temuulel" vor seinem Abschied eine fünfstellige Summe überlassen hat. Auch mongolische Geschäftsleute haben schon Geld gespendet. "Geldspenden sind am effektivsten, weil es jetzt im Lande fast alles zu kaufen gibt", erklärt Felgentreu. Textilien erhalte man von anderen Hilfsorganisationen. Früher seien schon welche aus Deutschland gekommen. "Aber die letzten Spenden wurden fast ein Jahr beim Zoll festgehalten. Medikamente oder Lebennsmittel verderben in dieser Zeit." Ein ständiges Problem sei die Beschaffung von Schuhen.

"Temuulel" bedeutet Sehnsucht. Sie keimt hin und wieder dort auf, von wo Jungen oder Mädchen weggelaufen sind. "Wenn die Eltern den Sohn oder die Tochter für zwei Wochen haben möchten, fragen wir natürlich: warum nicht für immer? In Einzelfällen ist es schon gelungen, Kinder in die Familien zurückzugeben." Jan Felgentreu und seine Projektmanagerin Mungunsuul suchen auch selbst das Gespräch mit den Eltern. "Zum Zagaan sar, dem buddhistischen Neujahrsfest, melden sich selbst die «härtesten» Eltern und holen ihre Kinder für ein paar Tage nach Hause."

Die Sehnsucht der Kinder ist oft durch weitzurückliegende ·schlimme Erlebnisse gedämpft. Sie mit Stolz auf Gelerntes und Geschaffenes wieder zu entfalten, ist ein wichtiges Anliegen des Pädagogenteams von "Temuulel". Fertigkeiten im Schneidern und Tischlern sind erst der Anfang. Auf dem eingezäunten Grundstück rings um das Haus, wo seit vergangenem Frühjahr die ersten Lärchen stehen, sollen wieder Beete mit Gemüse für die Eigenversorgung und mit Blumen bestellt werden. Wegen der Frühjahrsdürre war diesmal nichts gewachsen. Gern möchte Felgentreu in der Nähe etwas Ackerland pachten.

Quelle: mit freundlicher Genehmigung von Hugo Kröpelin, News Stories Photos aus Berlin und Brandenburg
Rungestraße 15 A, 10179 Berlin, Tel/AB+Fax 030 278 60 26
(Dezember 1998)


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Last Update: 01. Januar 2008