Das Film Gewinnspiel

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DAS SEIL (ARGAMSHAA)

DAS SEIL (ARGAMSHAA)
Regie und Buch: Nansalmaagin Uranchimeg, Kamera: Shigshid Binder, Mongolei 1991
Spielfilm, 70 Minuten, sw, Orginal mit deutschen Untertitteln
Verleih 16mm: EZEF
Verleih Video: verschiedene EMZ (anzufragen bei EZEF)

Im Verleih und Vertrieb des EZEF:
Evangelischen Zentrum für entwickungsbezogene Filmarbeit
Kniebisstraße 29, 70188 Stuttgart
Telefon: 0711/9257750, Fax: 9257725
www.gep.de/filmav/ezef.html
E-mail: ezef@geod.geonet.de 

Inhalt:

Ulan Bator in der Dämmerung. Man sieht eine Gestalt an einem Seil hängen, die Gestalt klettert an einer Hauswand herab und verschwindet in einem Fenster. Es ist Toguldur, ein Zwölfjähriger, der von Diebstählen lebt. Er öffnet die Tür, zwei Männer dringen ein und räumen die Wohnung leer.
Der Junge lebt tagsüber auf der Straße, nachts schläft er zusammen mit anderen Straßenkindern in einem unterkellerten Verschlag. Mit diesen Freunden verbringt er den Tag, sie kaufen Lose, spielen und stehlen. Seinen Verdienst braucht Toguldur für seinen Lebensunterhalt und vor allem will er einen Grabstein für seinen toten Vater kaufen, den er sich in einem Steinmetzbetrieb aussucht. Er leistet eine Anzahlung und gibt den Auftrag, ein Wort in den Stein einzumeißeln.

Er besucht seine Mutter, um zum wiederholten Mal nach dem Grab des Vaters zu fragen. Die Mutter, die inzwischen mit einem anderen Mann zusammenlebt, reagiert sehr abweisend Wie sehr ihn diese Zurückweisung trifft, ist an seinem Gesicht abzulesen.
Ein Polizeibeamter legt Toguldur die Fotos seiner Komplizen vor, er gibt vor, sie nicht zu kennen. Aber er ist gewarnt. Nachts träumt er, daß er abstürzt und wacht schreiend auf. Und doch steigt er wieder in das Auto von Sainaa, um zum nächsten Einbruch zu fahren.

Auf einem Friedhof lernt er einen alten Mann kennen, der sich ihm väterlich zuwendet und ihn, als er seine Einsamkeit spürt, zu sich nach Hause einlädt. Mit ihm kann sich Toguldur über den Tod des Vaters unterhalten. Als er nach einigen Tagen dem alten Mann wieder begegnet fragt er ihn, ob er als sein Enkel bei ihm leben kann. Der Wahlgroßvater weiß inzwischen, daß der Junge stiehlt und nimmt ihn mit in den Tempel, um ihm andere Werte zu vermitteln und in die Welt des Buddhismus einzuführen.

Als der beste Freund Enchee von einer Diebestour mit Sainaa nicht mehr zurückkommt, ist Toguldur untröstlich; er läßt den Steinmetz den Namen des Freundes in den Grabstein des Vaters meißeln, um sein Andenken aufrecht zu erhalten.

Die Diebe suchen und finden den Jungen, der sich ein letztes Mal von einem Hochhaus abseilen läßt. Während er in der Wohnung ist, läutet das Telefon. Er nimmt ab und sagt der Wohnungsbesitzerin, daß in ihrer Wohnung gerade ein Einbruch stattfindet. Sainaa entdeckt den Verrat, lauert Toguldur auf und überfährt ihn mit dem Auto.

Zum Film:

Der Film zeigt nicht die Naturschönheiten der Mongolei, selbst die Yaks kommen nur als Traumbilder vor. Er zeigt die Verlierer der post-sozialistischen Gesellschaft, die Kinder, die im Transformationsprozeß keinen Platz finden. Der mongolische Titel Argamshaa bedeutet Leibeigenschaft, der deutsche Titel das Seil wird dem Leben des Jungen und seiner Freunde in doppelter Weise gerecht.

Die mongolische Regisseurin Nansalmaagin Uranchimeg ist 1956 in Ulan Bator geboren und hat an der Moskauer Filmhochschule (Abt. Drehbuch) studiert. Das Seil ist ihre erste Regiearbeit. Der Film erinnert stark an den italienischen Neorealismus, er entspricht in Teilen auch den 10 Geboten des dänischen Filmemacherkollektivs Dogma 95. Er ist eine Herausforderung an mitteleuropäische Sehgewohnheiten.

Hintergründe:

Die Mongolei: Das zentralasiatische Land ist seit 1992 Republik (vorher Volksrepublik) und das achtzehntgrößte Land der Erde, mit 1,6 Personen pro Quadratkilometer sehr dünn besiedelt. Von den 2,5 Millionen Einwohnern leben 61% in Städten, allein in Ulan-Bator 632.000 (1996). Die Hauptsprache ist Mongolisch, 90% der Bevölkerung sind Buddhisten (Lamaisten). < Fischer Weltalmanach 1998> .

Nach dem Ende des Kommunismus sieht sich die Bevölkerung einem radikalen Reformkurs ausgesetzt, der unter anderem zu dem führt, was die Regisseurin in einem Interview Ende 1996 beschreibt. Auf die Frage nach den sozialen Veränderungen antwortet sie: Als der Film 1991 gedreht wurde, hatte dieser Transformationsprozeß gerade erst begonnen, und wir befinden uns noch mitten in diesem Umbruch. Solch weitreichende Veränderungen bringen zwangsläufig Probleme mit sich. Ich denke, unsere Gesellschaft hat sich noch nicht festgelegt, wohin die Entwicklung gehen soll, sie hat noch keine Orientierung gefunden.

Familien sind hierarchisch gegliedert, Kinder erweisen den Eltern stets ihren Respekt. Daß Toguldur sein Zuhause verlassen hat und wie seine Mutter mit ihm und er mit seiner Mutter umgeht, zeigt in welchem Ausmaß sich die traditionellen Werte verändern. Gäste sind geachtet, ihnen steht in der traditionelle Jurte der Ehrenplatz zu - wie der alte Mann zu Toguldur sagt "Komm, setzt dich oben hin". Daß die Achtung der Toten eine große Bedeutung hat, zeigt die Suche des Jungen nach dem Grab des Vaters und die Anmerkung des Alten man sagt, es ist gut, den Verstorbenen etwas Gutes zu tun. Straßenkinder: Mittlerweile gibt es sie in allen Ländern, die Frage nach der Authentizität ihres Helden. Toguldur wird von Nansalmaagin Uranchimeg so beantwortet:
Das Leben selbst hat mich dazu gebracht. Damals gab es ungefähr 300 Straßenkinder in Ulan Bator. Sie haben sich zum Beispiel in Zügen herumgetrieben. Mittlerweile sind es sehr viel mehr geworden. Ihre Geschichten sprechen für sich.

Zum Einsatz des Filmes:

Der Film ist für Kinder ab 10 Jahren geeignet. Daß er in keinster Weise Kindern bekannten Filmen oder Fernsehsendungen entspricht, macht seine Herausforderung aus. Eine gute Vor- und Nacharbeit ist unerläßlich.

Das Video ist nicht synchronisiert, sondern lediglich untertitelt. Um die Konzentration der Kinder nicht zu stören, sollte entweder ein Erwachsener oder ein Kind mit guter Lesefertigkeit die Untertitel für alle laut vorlesen.
Im Film wird wenig gesprochen, das heißt, er lebt durch seine Bilder, von langen Einstellungen - was für viele Kinder zunächst ungewöhnlich ist. Die sich bei manchen dabei einstellende Langeweile sollte ausgehalten werden.

Damit die kindlichen Zuschauer der Handlung besser folgen können, sollte sie vorher grob skizziert werden, wozu auch die Namen der Hauptpersonen gehört.
Durch seine scheinbare Ereignislosigkeit, bietet der Film eine Fülle von Gesprächsansätzen.

Die meisten Kinder nehmen den Film zunächst als Abenteuergeschichte wahr, in der jemand außergewöhnliche Geschicklichkeit besitzt und in Gefahr gerät. Daß es eine moderne Oliver Twist Geschichte ist, muß der Erwachsene einbringen.

Daß und wie Toguldur alleine lebt, führt unmittelbar zur Problematik von Straßenkindern. Da dies nicht mehr nur ein Phänomen von Entwicklungsländern, sondern auch in Deutschland allgegenwärtig ist, läßt sich dieser Aspekt des Filmes ausführlich entlang der Erfahrungen und Vorstellungen der Kinder diskutieren.

Der Tod des Vaters des Jungen und das Fehlen eines Ortes des Gedenkens, ist für all die Mädchen und Jungen nachvollziehbar, die den Tod eines Angehörigen erlebt haben. Ihre Erfahrungen können wichtig für die anderen sein und helfen, das Verständnis für eine andere Kultur, ein anderes Wertesystem zu wecken.

Die meisten Völkerkundemuseen besitzen Zeugnisse mongolischen Alltagslebens. Der Film läßt sich durchaus als Ergänzung zu einem Museumsbesuch einsetzen, da durch ihn Veränderungen, aber auch Konstanten sichtbar werden.

Das Seil ist nicht nur ein interessantes Dokument neueren Filmschaffens in der Mongolei, sondern ebenso ein anrührender Film, sehenswert auch für Erwachsene.


Informationen zur Mongolei:
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Last Update: 01. Januar 2009