Neues aus der Mongolei
vom 4. bis 10. Novem
ber 2002

von Dr. Renate Bormann, Ulaanbaatar


Dalai-Lama Tenzin Gyatso, Dolmetscher. WTU

Der 14. Dalai-Lama in der Mongolei begeistert empfangen
Am 04. November betrat das Oberhaupt der buddhistisch-lamaistischen Kirche, der 14. Dalai-Lama, nach sieben Jahren zum ersten Mal wieder mongolischen Boden.
Nachdem der geplante Besuch im September gescheitert war – sowohl Russland als auch Südkorea verweigerten dem Chef der tibetischen Exilregierung ein Transitvisum – flog der Dalai-Lama über Thailand nach Tokio (Japan) und von dort nach Ulaanbaatar.
Er folgte einer Einladung des Khamba-Lamas Choijamts vom Gandantegchinlen-Kloster, dem religiösen Zentrum der Mongolei.
Hier weihte er ein nur den Geistlichen gewidmetes Mandala, bevor er vor dem Tempel des Bodhisattva Avalokiteshvara, dessen Reinkarnation die Dalai-Lamas sind, zu den Gläubigen sprach, die mehrere Stunden gewartet hatten, um den charismatischen Kirchenfürsten hören und sehen zu können.
Am 06. November las er vor 6 000 Menschen im „UB-Palace" aus den heiligen Schriften, rezitierte Segenssprüche und –formeln. Bereits ab 02.00 Uhr in der Nacht sammelten sich die Menschen vor dem UB-Palace, der größten und modernsten Disco des Landes, ab 06.00 Uhr öffneten die Sicherheitskräfte die Absperrungen. Hunderte fanden keinen Platz mehr im Inneren des Gebäudes und mussten im Freien ausharren.
Junge Lamas kamen aus entfernten Klöstern, um vor dem Dalai-Lama ihr Gelübde abzulegen.
Die Mongolische Staatsuniversität sowie die Wissenschaftlich - Technologische Universität (WTU) verliehen dem Dalai-Lama die Ehrendoktorwürde, im Kulturpalast traf er sich am Nachmittag des 07. November mit Studenten.
Seine Heiligkeit, der 14. Dalai-Lama Tenzin Gyatso (mong. Danzanjamts), hob in seinen Reden die Einheit von Körper, Geist und Seele hervor, ging auf die langen gemeinsamen kulturellen und religiösen Traditionen zwischen Mongolen und Tibetern ein, verwies darauf, dass Buddhismus und Wissenschaft keine Gegensätze bildeten, dass für den Menschen das „Außen" genauso wichtig sei, wie das „Selbst", das „Innen". Streben nur nach materiellen Gütern mache nicht glücklicher, klüger oder zufriedener. Der Entwicklung des materiellen Wohlstands seien Grenzen gesetzt, der des geistigen Lebens nicht. Keine Religion sei besser als die andere, kein Mensch mehr wert als der andere.
Frieden, Demokratie und Freiheit seien für ein ausgefülltes Menschenleben unverzichtbar.
China protestierte gegen den Besuch des Dalai-Lama. Er reise nie nur als Person der Kirche, sondern immer auch als Politiker.
In der Nacht vom 05. zum 06. November hatten die chinesischen Behörden den Grenzübergang Ereen-Zamyn Uud für den Personen- und Güterverkehr geschlossen. Die internationalen Züge nach Moskau und Khukh Khot waren davon nicht betroffen. Seit dem 06. November, 19.00 Uhr, ist die Grenze wieder passierbar.
Die Schließung wurde mit technischen Problemen und dem Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas begründet.
In Ulaanbaatar zweifelt niemand daran, dass der Besuch des Dalai-Lama der eigentliche Grund für die Maßnahme war.


In der TU

Importverbot wieder aufgehoben
Die chinesische Regierung hatte am Dienstag die Kupferproduzenten des Landes aufgefordert, alle Einfuhren aus der Mongolei zu stoppen. Die chinesische Eisenbahnverwaltung wurde ebenfalls angewiesen, alle Importe zu verhindern. „Nachdem Unstimmigkeiten wegen des Besuchs des Dalai-Lamas im Nachbarland ausgeräumt worden waren", wurde das Verbot am Mittwoch wieder aufgehoben.
Kupferkonzentrat ist eines der Hauptimportgüter Chinas aus der Mongolei. In den ersten neun Monaten des Jahres kamen 23 Prozent der Gesamtlieferungen dieses Produkts aus dem nördlichen Nachbarland Chinas.

Fleischexporte wieder erlaubt
Nach dem Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in den westlichen Aimags der Mongolei, schlossen die russischen Behörden ihre Grenzen für mongolisches Fleisch und Fleischprodukte.
Die Mongolen wollten in diesem Jahr 21 bis 23 000 Tonnen Fleisch exportieren.
Nach Verhandlungen mit den russischen Verantwortlichen reisten drei Experten in die Mongolei, um die Seuchensituation zu prüfen. Sie kamen zu dem Schluss, die Gefahr sei gebannt und genehmigten den Fleischexport. Seitdem wurden 2 000 Tonnen Fleisch nach Russland exportiert.
D. Gerelkhuu, der Vorsitzende des Verbandes der Fleischexporteure, beklagte die gesunkene Qualität des mongolischen Fleisches und forderte Verbesserungen, auch im Interesse einer günstigeren Preisgestaltung.
Exporte aus den Westaimags bleiben für dieses Jahr verboten.

Studentendemonstration
Studenten der Landwirtschaftsuniversität protestierten kürzlich gegen die Ausgabe von nur 160 verbilligten Monatstickets für den städtischen Nahverkehr.
Daraufhin der stellvertretende Direktor der Verkehrsbetriebe, Ts. Togtmol: „Für die Verteilung der Tickets ist der Mongolische Studentenbund verantwortlich. An der Landwirtschaftsuniversität studieren 4 000 Studenten. Wir haben für die Uni 2 043 Tickets zur Verfügung gestellt. Ein ermäßigtes Studententicket kostet 4 400 Tugrug im Monat. Jetzt verkaufen Uni und Studentenbund die Tickets für 7 000 bis 8 000 Tugrugs, auch an Nichtstudenten."

0,11 Hektar für Hauptstadtbewohner
S. Tumur-Ochir, Vorsitzender des Großen Staatskhurals, sagte in einem Interview für die „Zuuny Medee" (Jahrhundertinformationen), Wohnungsinhaber könnten im Zuge der Privatisierung von Grund und Boden (das Gesetz tritt ab 01. Mai 2003 in Kraft) 0,11 Hektar für den Anbau von Obst und Gemüse u. ä. erhalten.
Den Vorwurf, das Parlament würde von der Regierung bevormundet, wies er zurück. Die Mongolei sei eine parlamentarische Demokratie, in der Präsident, Parlament und Regierung gemeinsam für das Wohl der Menschen und die Entwicklung des Landes zu arbeiten haben.
Die Frage, ob es stimme, dass er sich gern Witze, auch politische, ausdenke, bejahte Tumur-Ochir mit der Einschränkung, zurzeit fehle ihm dafür einfach mehr Zeit.


Demonstration für gerechte Bodenprivatisierung. 05.11.02

„Für eine gerechte Privatisierung des Bodens!"
Am 05. November fand auf dem „Platz der Freiheit" eine von der „Bewegung für eine gerechte Privatisierung des Bodens" organisierte Protestdemonstration statt. Trotz des Dalai-Lama-Besuches versammelten sich über 500 Menschen aus verschieden en Aimags, die lautstark und über Spruchbänder gegen die Praxis bei der Bodenprivatisierung protestierten.
„Tritt zurück, Regierung der Bodenschwindler!", „Entlasst die Bodenmafiosi Ts. Uuld, Sh. Gungaadorj, R. Sodkuu aus dem Abgeordnetenhaus!", „Stoppt den Ausverkauf Altanbulags an die Chinesen!" lauteten nur einige der Spruchbänder in den Händen der Demonstranten oder an den Fahrerkabinen der Traktoren. Etwa 35 Traktoren waren um den Platz aufgefahren. Eigentlich sollten es 100 sein, die übrigen wurden von den Kontrollposten an den Stadtgrenzen zurückgehalten.
Außer den Abgeordneten der Demokratischen Partei, L. Gundalai und J. Narantsatsralt, sprachen der Vorsitzende der Demokratischen Partei, D. Dorligjav, Exabgeordnete und der ehemalige Vorsitzende des Großen Staatskhurals, R. Gonchigdorj, zu den auf dem Platz Versammelten.
Die Protestierer richteten fünf Forderungen an die Regierung: Ackerbauland soll frei und gleichberechtigt an die ortsansässigen Familien gegeben werden, die Bewohner der Jurtensiedlungen sollen das Land erhalten, das sie gegenwärtig nutzen, die Aktionen der Behörden, Land in Ulaanbaatar und anderen Zentralen zu blockieren, müssten sofort gestoppt werden.
Aus Regierungskreisen verlautete, der Generalbebauungsplan von Ulaanbaatar mache die Räumung einiger Jurtensiedlungen erforderlich. Das wäre seit vielen Jahren bekannt gewesen. Außerdem schriebe die Verfassung vor, dass Weideland von einer Privatisierung ausgenommen sei.
Die Organisatoren der Proteste kündigten die Fortsetzung ihrer Aktionen an. 100 Traktoren würden den Sukhbaatarplatz „einkesseln".

Stellvertretender Vorsitzender des Großen Staatskhurals klagt vor Gericht
J. Byambadorj, der stellvertretende Parlamentschef, hat Klage gegen das ehemalige Mitglied des Staatskhurals, B. Batbayar, eingereicht. Dieser hat Byambadorj in einem Interview, das er der „Udriin Sonin" (Tageszeitung) gab, beschuldigt, Bestechungsgelder von „MIAT" und der „Mongolischen Versicherung" angenommen zu haben. Von dem Geld, 60 Millionen Tugrug und 15 000 US-Dollar, hätte er sich ein Haus bauen und seine Kinder in Amerika studieren lassen.

Ergebnis der Überprüfung von 111 Tankstellen
Bei der Überprüfung der 111 Tankstellen in Ulaanbaatar wurden ernsthafte Mängel aufgedeckt: Bei 20,3 Prozent fehlen Brandschutzgeräte, bei 7,3 Prozent fehlen die Besitzurkunden für das Betriebsgrundstück, 20 Prozent haben Umweltauflagen missachtet und 70 Prozent arbeiten mit veralteten Technologien. Sechs Tankstellen wurde die Betriebserlaubnis entzogen.

15 000 Falken in der Mongolei
In einer ersten Erhebung von Mai bis Juli dieses Jahres wurden in der Mongolei 6 000 Falken gezählt. Bei der zweiten Zählung, die bis Oktober andauerte, stieg die Zahl auf 15 000. Das teilte ein Sprecher des Ministeriums für Natur und Umwelt mit.

G. Dorjpalam gestorben
Ihr letzter Wunsch ging nicht mehr in Erfüllung: Sie wollte noch erleben, dass die Mörder ihres Sohnes einer gerechten Strafe zugeführt werden. Am 01. November ist die Mutter des 1998 ermordeten Mitbegründers der Demokratiebewegung, S. Zorig und von Parlamentsmitglied S. Oyun, gestorben.
1937 als zweite Tochter des russischen Mongolisten und Geographen, A. D. Simukov, in Ulaanbaatar geboren, wurde sie später von einer mongolischen Familie adoptiert. Beide Eltern waren dem Terror Stalins und Choibalsans zum Opfer gefallen.
Dorjpalam studierte Medizin an der Mongolischen Staatsuniversität und war über 30 Jahre an der Ausbildung junger Mediziner beteiligt.

Vertauschte Kinder müssen zu ihren biologischen Eltern zurück
Das Stadtbezirksgericht von Chingeltei hat entschieden, dass zwei heute fünfjährige Mädchen ihren biologischen Eltern zurückgegeben werden müssen.
1997 wurden in der Geburtsklinik des Khuvsgul-Aimags zwei junge Frauen fast gleichzeitig von ihren Babys entbunden, die offensichtlich der jeweils falschen Mutter zugeordnet wurden.
Das eine Mädchen, Uranzaya, kam mit einem geistigen Defekt auf die Welt, das andere Mädchen, Minj-Od, ist gesund. Die biologischen Eltern von Minj-Od forderten ihre Tochter zurück und wandten sich an das Gericht.
B. Purevtuya, die „falsche" Mutter von Minj-Od, weigert sich, das Kind herauszugeben. Sie lebt mit Mann und Kind mittlerweile in Ulaanbaatar. Minj-Od ist Mitglied der „Jungen Künstler" im Kinderpalast und ein talentiertes „Schlangenmädchen". Auf die entsprechende Frage entgegnete sie, nicht in die andere Familie zu gehen und drohte an, von dort wegzulaufen.

Raubüberfall in Bayan-Ulgii
Bei einem Überfall auf eine NIC-Tankstelle im Deluun-Sum des Bayan-Ulgii-Aimags wurden der Wächter J. getötet und sein zehnjähriger Sohn schwer verletzt.
Das Verbrechen ereignete sich in der Nacht vom Montag zum Dienstag.
Der Eindringling stach auf den Wachmann ein, bis er das Bewusstsein verlor, dann zerschlug er den Safe und raubte ihn aus. Seine Beute: 60 000 Tugrug (55 Euro). Bevor er flüchtete, legte er Feuer, um seine Spuren zu verwischen. In der Zwischenzeit hatte der schwer verletzte Wachmann für kurze Zeit das Bewusstsein wieder erlangt, rettete seinen Sohn, schaffte es noch, Hilfe zu rufen. Bevor die Polizei den Tatort erreichte, war J. seinen schweren Verletzungen erlegen.
Als mutmaßlicher Täter wurde der Bewohner des Deluun-Sums, Kh. Murat, verhaftet.
Murat und J. waren Bekannte. Am späten Abend kam der angetrunkene Murat in die Jurte des J., in unmittelbarer Nähe der Arbeitsstelle. Nachts stand M. plötzlich auf, stach auf den schlafenden J. ein und begann den Safe aufzubrechen. Der vom Lärm aufgewachte Zehnjährige wurde von dem Täter mit Messerstichen in die Brust verletzt. Sein Zustand ist unverändert ernst.


   

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Last Update: 01. Januar 2017