Gespräch mit dem Außerordentlichen und Bevollmächtigten Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in der Mongolei, S. E. Dr. h. c. Peter Schaller

von Dr. Renate Bormann, Berlin, Ulaanbaatar
(© Text & Fotos)


Botschafter P. Schaller übergibt sein Beglaubigungsschreiben. Foto Präsidialamt

Ein typischer Septembertag in Ulaanbaatar: Sonne, Wolken, Kühle und Wärme wechseln im Minutentakt.
Vor fast genau drei Wochen ist der neue deutsche Botschafter in der mongolischen Hauptstadt eingetroffen, vor einer Woche erst hat er Präsident Tsakhiagiin Elbegdorj sein Beglaubigungsschreiben überreicht und doch scheint es, als fühle sich der Erste Deutsche hier schon wie zu Hause, als hätte er nur darauf gewartet, seine Tätigkeit im Land des Blauen Himmels aufzunehmen. Und die beginnt gleich mit einem Staatsereignis: Am 12. und 13. Oktober wird Bundeskanzlerin Angela Merkel der Mongolei einen offiziellen Besuch abstatten.
Schaller ziert sich nicht lange, in einem Interview für MongoleiOnline über seine Erwartungen, Ziele und Aufgaben hinsichtlich der weiteren Gestaltung der deutsch-mongolischen Beziehungen zu sprechen.
Zur Biografie: Peter Schaller diente nach dem Abitur von 1967 bis 1970 als Offizier auf Zeit bei der Bundeswehr, studierte von 1970 bis 1975 Soziologie, Psychologie und Pädagogik an der Ruhr-Universität in Bochum und an der Westfälischen Wilhelms - Universität Münster.
Nach einer Tätigkeit als Berufsberater für Abiturienten und Hochschüler bei der Bundesanstalt für Arbeit, trat er 1971 ins Auswärtige Amt ein.
Seine Auslandseinsätze führten ihn in verschiedenen Funktionen an die Botschaften in Lomé, Brüssel, Peking, Havanna, Pjöngjang, Aschgabad, Praia und Kabul.
Von September 2008 bis August 2011 vertrat er Deutschland als Generalkonsul in St. Petersburg, wo ihm die Ehrendoktorwürde der St. Petersburger Staatlichen Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaftlichen Universität verliehen wurde.


Peter Schaller in seinem Büro in der Deutschen Botschaft in Ulaanbaatar

MO: Herr Botschafter, Sie sind verheiratet und Vater einer Tochter. Hat Ihre Familie Sie nach Ulaanbaatar begleitet?

Sch.: Meine Tochter arbeitet als Art-Direktorin bei einer deutsch-amerikanischen Werbeagentur in Düsseldorf. Meine Frau hat mich wie immer begleitet. Sie ist selbst Angestellte des Auswärtigen Amtes und arbeitet ebenfalls an der Botschaft.

MO: Wie ist Ihre Entscheidung, den Botschafterposten in der Mongolei anzunehmen, zustande gekommen?

Sch.: Wir haben die Möglichkeit, uns auf verschiedene Einsatzorte zu bewerben. Die Mongolei stand bei uns an erster Stelle.
Durch meine früheren Posten bin ich mit der Region vertraut, die mich von jeher interessierte. Schon als Kind war ich von der nomadischen Kultur und Lebensweise beeindruckt.
Die Möglichkeit, in einem klassischen Land der Nomadenkultur zu leben und zu arbeiten, habe ich gern genutzt.
1993 haben meine Frau und ich, von Pjöngjang kommend, zwei Urlaubswochen in diesem schönen Land verbracht. Im April. Es war kalt und es lag viel Schnee.

MO: Die langen, sehr kalten Winter schrecken Sie also nicht?

Sch.: Keineswegs. In St. Petersburg herrschte sicher ein anstrengenderes Klima, da dort die Luft feuchter ist.
Allerdings bereitet uns die hohe Luftverschmutzung im Winter schon etwas Sorge. Doch man ist „schnell draußen". In der nahen Umgebung von Ulaanbaatar kann man „frische Luft schnappen". Die Weite der Steppe, die grandiose Natur entschädigen sicher für mancherlei Unbill.

MO: Was fasziniert Sie an der Mongolei?

Sch.: Meine Frau und ich waren uns einig darüber, noch einmal ein Land erleben zu wollen, das so ganz andere Herausforderungen bietet, als z. B. das glanzvolle St. Petersburg. Ein Land zu erleben, in dem sich so rasante Veränderungen vollziehen, wie ich sie von Russland und Turkmenistan kenne. Die Mongolei gerät zunehmend in den Fokus der globalen Wirtschaft. Grund dafür sind in erster Linie die riesigen Rohstoffvorkommen.
Dabei sind die Probleme der Mongolei – Verteilung des Reichtums, Bergbau und Umweltschutz etc. nicht einzigartig. Die Mongolei muss die Chance nutzen, die Vorteile des Bodenreichtums klug zu nutzen und die „holländische Krankheit" und den sogenannten „Ressourcenfluch" zu vermeiden.
Jedenfalls ist das Potenzial einer direkten wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Mongolei noch lange nicht ausgeschöpft. Dieser Prozess beginnt gerade erst.

MO: Was wollen Sie während Ihrer Zeit in der Mongolei bewirken?

Sch.: Zunächst einmal gilt es, den Besuch der Bundeskanzlerin vorzubereiten.
Dieser Besuch ist ja ein deutliches Indiz dafür, dass sich zwischen Deutschland und der Mongolei „viel tut".
Die wirtschaftlichen Beziehungen werden immer bedeutsamer. Gerade verhandeln wir über ein Rohstoffpartnerschaftsabkommen. Im Land beginnen nun die Aktivitäten zur Förderung und Verarbeitung von Rohstoffen wirksam zu werden. Das Geld, das dabei verdient wird, kann und muss dazu verwendet werden, das ganze Land, vor allem die Infrastruktur zu modernisieren. Straßenbau, Abwasserregulierung, Ausbau der Transportmöglichkeiten – Bereiche, in denen nicht nur deutsche Großunternehmen, sondern auch kleine und mittlere zu den weltweit führenden gehören.
Im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung darf jedoch die gesellschaftliche nicht vernachlässigt werden.
Im Vergleich zu anderen zentralasiatischen Staaten, den ehemaligen asiatischen Sowjetrepubliken zum Beispiel, ist die Mongolei dabei erstaunlich weit fortgeschritten.
Mit unseren mongolischen Partnern sind wir uns einig, beim weiteren Aufbau der Zivilgesellschaft ebenfalls eng zusammenarbeiten zu wollen.
In einem erst kürzlich geführten Gespräch des mongolischen Außenministers mit den EU-Botschaftern in der Mongolei wurde erneut deutlich, die Mongolei ist willens, sich zu EU-Normen und Standards bei der Gestaltung der zivilgesellschaftlichen und demokratischen Entwicklung zu bekennen.
Neben der wirtschaftlich-gesellschaftlichen Entwicklung engagieren wir uns besonders im kulturellen und bildungspolitischen Bereich. Wichtig sind uns dabei die Vermittlung eines modernen Deutschlandbildes und die Förderung der Wissenschaftsbeziehungen.
Im Gespräch mit dem mongolischen Präsidenten wurde der Vorschlag geäußert, eine deutsch-mongolische Universität zu gründen. Diese Idee muss gemeinsam mit den Mongolen sorgfältig geprüft werden. Noch gibt es dazu keine genauen Vorstellungen. Vom BMZ, aber auch vom Auswärtigen Amt, wurde der Vorschlag aufmerksam registriert. Eine gemeinsame Universität einzurichten, stellt eine komplexe Aufgabe dar, die nicht von heute auf morgen gelöst werden kann.
Um noch einmal auf den bevorstehenden Besuch der Kanzlerin zurückzukommen: Er ist auch ein Ausdruck dessen, was bisher in den beiderseitigen Beziehungen erreicht wurde und eine Bekräftigung der Tatsache, dass Deutschland an einer engen Kooperation interessiert ist und ein Bekenntnis zur Mongolei.

MO: Haben Sie sich schon an die veränderten Arbeitsbedingungen an einer relativ kleinen Botschaft gewöhnt?

Sch.: Im Vergleich zum Generalkonsulat in St. Petersburg mit 60 Mitarbeitern, ist das hier tatsächlich ein überschaubares Team.
Aber es kommt auf die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen an.
Auch hier ist die „Galionsfigur" nur so gut, wie das Team.

MO: Herr Botschafter wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen Ihnen viel Erfolg für Ihre zukünftige Arbeit.

Das Gespräch führte Renate Bormann am 16. September in Ulaanbaatar.


   

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Last Update: 01. Januar 2017