Nach Lektion eines neuen Reiseführers:
Die Mongolei verstehen und sympathisch finden

Von Hugo Kröpelin

Will man in ein bis dato unbekanntes Land reisen, versucht man auch, vorher mit Menschen zu reden, die schon dort waren. Doch Leute zu treffen, die in der Mongolei waren, ist so leicht nicht. Denn die aus Deutschland jährlich Einreisenden erreichen kaum eine fünfstellige Zahl, Touristen kommen kaum mehr als 2 000 zusammen. Diesem Umstand hat der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung e.V. mit Sitz in Ammerland/Starnberg Rechnung getragen und einen Reiseführer herausgebracht, in dem Leute von der Mongolei erzählen. Die Autoren – Mongolen wie Deutsche – kennen das Land und werben mit ihren Schilderungen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen für Verständnis und Sympathie.

Zum Beispiel mit der Geschichte von Ojuuntuja. Das achtjährige Mädchen fährt auf einem Kamelkarren in das Dorf, wo es eingeschult werden soll. Beladen ist der Karren auch mit 20 Kilo Trockenkäse für den Speiseplan des Schulinternats, für den auch die vier mitlaufenden Schafe bestimmt sind. Ojuuntujas Vater hat noch zehn Säcke trockenen Kuhdung raufgepackt, denn an seinem Herdenstandort ist ihm zu Ohren gekommen, dass die Schule schon lange nicht mehr mit Brennmaterial beliefert worden ist. Spartanisch eingerichtete Klassenzimmer, ein crashkurs-gebildete Junglehrerin, niedrige Gehälter für die Pädagogen – und doch ist Ojuuntujas Vater optimistisch: "Ich hoffe, sie schafft es bis zur Universität in Ulaanbaatar!"

Sympathisch findet der Leser auch die junge Frau Battschimeg, die mit Mann, Eltern und Kindern auf 50 Quadratmetern in einer Neubauwohnung der Hauptstadt wohnt. Ihr Mann hatte sich in einem öffentlichen Gebäude eine Billardhalle eingerichtet. Als der Bau privatisiert wurde, konnte er die Miete nicht mehr bezahlen. Die beiden verkauften ihr Holzhäuschen am Rande der Stadt und schafften einen Kleinbus an – ihr Taxi. Die Oma schneidet mit dem Akkurasierer einem kleinen Kundenkreis die Haare, und der Großvater, früher Filmregisseur, steuert mit dem Verkauf eigener Landschaftsmalerei an Touristen zum Lebensunterhalt bei. Und die beiden jungen Leute schmieden Zukunftspläne: der Mann will eine Managerschule besuchen, und Battschimeg träumt vom Studium der Theaterwissenschaften in Amerika.

Auch draußen in der Steppe keimt Hoffnung. Nach dem Zusammenbruch der zentral gesteuerten landwirtschaftlichen Kooperativen (negdel) und der Staatsgüter entstehen wieder neue Genossenschaften. Im Bezirk Sawkhan zum Beispiel haben Hirten erkannt, dass gegenseitige Hilfe bei Erzeugung und Absatz tierischer Produkte Überleben sichern kann, dass man gemeinsam einen Veterinär beschäftigen und die Schule instand halten kann. Dort wo immer größere Herden die Flora bedrohen, tun sich neben der Viehwirtschaft erste Möglichkeiten für neue Erwerbszweige auf. In der Südgobi haben zum Beispiel schon Menschen als Naturführer, Reitlehrer und Köche bei der Touristenbetreuung angeheuert. Frauen lernen, wie man aus der Wolle, die sie nicht mehr zentral absetzen können, Filz und daraus Hüte und andere Erzeugnisse herstellt. Schließlich ist auch das kleinste Wasserreservoir geeignet, kleine Flächen zu bewässern, auf denen sich Grünzeug für die Küche im Jurtenhotel heranziehen lässt. Viele dieser Ideen hat die deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) gemeinsam mit den Menschen vor Ort entwickelt.

Die kleinen Geschichten in dem Heft wecken Neugier. So der Bericht von zwölf Deutschen, die mit 30 Kamelen und sechs Mongolen auf Trekking-Tour in der Südgobi unterwegs waren. Oder die Murmeltierpirsch mit dem Jäger Aldar im Altai, die Schilderung der Bonner Schülerin Lotte, die als Gast bei einer Familie in Ulaanbaatar wohnte. Sehen möchte man auch das Eigenheim des früheren Ingenieurs Batsukh mit der Solaranlage und die Kleingärten weit außerhalb der Hauptstadt, wo Mongolen fast im Stillen eine "Grüne Revolution" angezettelt haben. Höchstvergnüglich die Story von einer mongolischen Journalistin, die in der japanischen Zeitung "Asahi" inserierte: "Wer möchte in der mongolischen Steppe ein Schaf kaufen und damit der Demokratie in der Mongolei helfen?" Etliche Japaner sprangen darauf an, zahlten zwischen 50 und 100 Mark pro Tier und finanzierten damit das Erscheinen des Blattes "Mongol Times". Ein mutiges Unternehmen von sechs Redakteuren, die zu Zeiten vor der Pressefreiheit eine Zeitung herausbrachten, die den Regierenden drei Jahre lang ordentlich zusetzte. Dann gruben ihnen andere oppositionelle Blätter mit finanzstarken Hintermännern das Wasser ab. Als Japaner schließlich mal in der Steppe "ihre" Schafe in Augenschein nehmen wollten, verwies ein pfiffiger Arat nur auf den dampfenden Fleischkessel in seiner Jurte.

Das Heftchen mit seinen 50 illustrierten Seiten dürfte bei einer Auflage von 20 000 schnell vergriffen sein. Auch weil es durch seine Machart ein fernes Land näher bringt als mancher andere Reiseführer. Nur Eingeweihten fallen kleine Schwächen auf. So hat sich die Mongolei nicht erst 1992 für ausländische Touristen geöffnet. Schon in den frühen 70er Jahren schossen Amerikaner im Altai Mufflons oder Briten in der Ostgobi Saiga-Antilopen. Ganz abgesehen von etlichen Tausend Reisenden aus dem Ostblock, die pro Jahr die Geierschlucht in den Gurwan-Saichan-Bergen, das Kloster Erdenedsuu und andere Sehenswürdigkeiten bereisten. Versorgt, wenn auch oft unregelmäßig, wird die Hauptstadt von drei Kohlekraftwerken. Dass die H-Milch heute aus Russland kommt, liegt nicht etwa am Unvermögen der Mongolen. Ende der 80er Jahre wurde Ulaanbaatar von einem "Milchgürtel" aus Staatsgütern versorgt, jeden Morgen fuhren Tankwagen mit frischer Milch in die Großmolkerei. Doch im wilden Privatisierungswahn wurden die Güter zerstückelt, einflussreichste Leute holten sich die Filetstücke, und die Versorgung blieb auf der Strecke. Tank- und Lastwagen früherer Transportbetriebe stehen heute zu Dutzenden an Straßenrändern und warten auf Kundschaft.

Erinnert werden sollte auch daran, dass die Mongolei Ende der 30er Jahre versucht hat, ihre Schrift zu latinisieren, dann aber doch das Kyrillische durchgesetzt wurde, sicher nicht ohne Zutun der Sowjets. Auch werden die Jurten mit einer Filzschicht für den Winter verkleidet und mit einer Zeltbahn abgedeckt. Im Sommer nehmen die Hirten den Filz herunter und rollen tagsüber die Zeltbahn zur Durchlüftung ein. Ziegen, Schafe und Kamele werden nicht erst im Herbst, sondern bis spätestens Juni geschoren, damit sie rechtzeitig vor dem Winter wieder Fell bilden können. Auch haben DDR-Ingenieure lediglich beim Aufbau des Fleischkombinats Ulaanbaatar geholfen. Dass nach 1990 "viele" Deutsche geblieben seien, konnte schon deshalb nicht sein, weil die Entsenderbetriebe dafür kein Geld mehr hatten. Alljährlich zum 8. März wurden in der Tat kinderreiche Frauen als "Aldart Ekh", als ruhmvolle Mütter geehrt: die zweite Stufe für fünf und die erste Stufe für acht Kinder. Daran hingen beachtliche Sozialpakete und Förderungsmaßnahmen. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass die Einwohnerzahl der Mongolei 1972 erst bei 1,3 Millionen lag und sich seitdem fast verdoppelt hat. Der berühmte Panzer an der Protokollstrecke hat auch nichts mit der Revolution von 1921 oder irgendwelcher sowjetischer Unterdrückung zu tun. Er ist ein Symbol der mongolischen Unterstützung für die UdSSR im Kampf gegen die Nazi-Wehrmacht. Die Mongolei verkaufte Gold und andere hochwertige Mineralien und Rohstoffe, wo für die Sowjets eine Panzerkolonne anschaffen konnten, die unter dem Namen "Revolutionäre Mongolei" den Feldzug bis nach Berlin mitmachte. Ihre "Erben" waren später in Dresden stationiert.Aussteigen, Anhalten und Lesen hätte hier gereicht.

Ein "Pfund" für die Mongolei-Neugierigen ist die achtseitige schwarz-weiße Einlage mit den Reiseinformationen. Über Adressen, Banken/Geld, Essen/Trinken, Gesundheit, Hotels, Kleidung, Kriminalität, Literatur, Post/Telefon bis zu Verhaltensregeln ist alles Notwendige zu erfahren. Komprimiert publizieren die Autoren Internetadressen. Dagegen halten sie sich mit e-mail-Adressen sehr zurück. Erstmalig verglichen werden die Strukturdaten der Mongolei mit denen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz, ein Hintergrundwissen, das man unbedingt mitnehmen sollte auf die Reise. Diese Vergleiche lassen auch deutlichwerden, warum Munkhmandakh und Tausende ihrer Landsleute nach jahrelangem Aufenthalt in der DDR und nun Einig-Deutschland immer noch hin- und hergerissen sind zwischen ihrem Studien- bzw. Arbeitsort und ihrer Heimat.

 

Quelle: mit freundlicher Genehmigung von Hugo Kröpelin, News Stories Photos aus Berlin und Brandenburg
(April 2000)


   

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Last Update: 01. Januar 2017