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250 Ausstellungsstücke rund um das Trampeltier
Das Kamel-Museum in Ulaanbaatar
Von Klaus Robin*

Als Relief in Kamelleder geschnitten, blickt Dschingis Khan von der Wand. Das aussergewöhnliche Stück mongolischer Kultur ist eines von 250 Objekten des wahrscheinlich einzigen Kamel-Museums der Welt, das in der mongolischen Handelskammer am Sukhbaatar-Square in Ulaanbaatar eine vorübergehende Bleibe gefunden hat. Trotz etwas beengter Verhältnisse überzeugt die Ausstellung durch ihren ganzheitlichen, fachübergreifenden Ansatz. Neben handwerklich und künstlerisch eindrücklichen Werken wie Leder- und Knochenschnitzereien, detailreichen Holzplastiken, Skizzen und Gemälden, die alle um das Thema Kamel kreisen und die Bedeutung dieses uralten Haustieres für die mongolische Nomadenkultur aufzeigen, sind zahlreiche Gebrauchsgegenstände und Einrichtungen ausgestellt: Brandeisen, mit denen der Besitzer seine Tiere markierte, Nasenstöcke, die durch die Nasenscheidewand gesteckt werden und an denen sich die Tiere führen lassen, Reit- und Lastsättel, Sattelgurten, Geschirre, eine kleine Jurte, das aus Filz geschaffene Rundzelt der Nomaden.

Wichtiger Rohstofflieferant

    Eine Dermoplastik und das Skelett eines Kamels zeigen den Bauplan. Dabei fällt auf, dass am Skelett jedes höckerstützende Element fehlt. Denn die Höcker bauen sich als Fett- und Energiereserve auf und ab, je nach Ernährungszustand des Kamels. Eine zentrale Rolle in diesem speziellen Museum spielt das Kamel als Rohstofflieferant für die Nomaden: Kamelmilch und -käse, Fleisch, Leder, Kamelhaar, Gewebe und Filz, Schnaps aus vergorener Kamelmilch, Kot als Brennstoff, Knochen als Rohmaterial für Schnitzereien. Auch im Kamel-Museum kommen moderne technische Möglichkeiten der Informationsvermittlung zum Einsatz: ein sorgfältig gestaltetes Video führt ein in die Lebensweise des zweihöckrigen Kamels.

    In Europa ist das zweihöckrige Kamel oder Trampeltier bekannt als seltener Zoobewohner, als Zirkustier oder als exotisches Reittier der Heiligen Drei Könige an weihnächtlichen Krippenspielen. Nicht so in den Ländern Zentralasiens. Die neueste Zählung in der Mongolei ergab 355 600 Kamele. Diese gigantische Zahl, obwohl mit vielerlei Unsicherheiten behaftet, lässt vermuten, dass das genügsame «Wüstenschiff» noch allgegenwärtig ist. Doch das Kamel-Museum wurde nicht zuletzt deshalb eröffnet, um auf die rasante Abnahme dieser vor 4500 Jahren domestizierten Haustiere aufmerksam zu machen. Den Einheimischen wie der zunehmenden Gästeschar aus dem Ausland soll das Timee, wie das zweihöckrige Kamel auf mongolisch heisst, als altes Kulturgut nähergebracht werden. In den sechziger Jahren lebten hier noch 860 000 Kamele. Heute beläuft sich ihr Bestand nur noch auf 41 Prozent jener Zahl. Das stark veränderte Transportsystem und die Privatisierung haben Kamele verdrängt. Waren vor 30 bis 40 Jahren Kamelkarawanen noch wie zu Zeiten Marco Polos und der Seidenstrasse die allgegenwärtigen Distanztransportmittel, werden Waren und Material heute mit dem Lastauto, dem Geländewagen und dem Flugzeug transportiert.

Als Wechselausstellung konzipiert

    Im Zuge der politischen Umwälzungen der letzten Jahre sind viele landwirtschaftliche Grossbetriebe aufgelöst und privatisiert worden. Oft gelangten dabei Kamele in die Hand von Personen, die sich in der Haltung und Zucht dieser an sich genügsamen Haustierart nicht mehr auskannten. Hinzu kommt, dass das Kamelhaar zurzeit wirtschaftlich wenig abwirft. Deshalb wurden viele Kamele geschlachtet. Hauskamele, und ihnen ist die Ausstellung in erster Linie gewidmet, leben über lange Perioden vom Menschen weitgehend unabhängig in einer lebensfeindlichen Umwelt. Trockenheit, Sandstürme, Hitze und Kälte sind zu ertragen. Eine karge Vegetation bietet nur wenig Futter. So streifen sie denn in grösseren oder kleineren Gruppen auf der Suche nach Nahrung und Wasser weit umher und werden von den Nomaden nur selten aufgesucht. Ausgenommen sind die gut betreuten Milchkamele, deren fettreicher Körpersaft zu verschiedenen Produkten verarbeitet wird. Auch von der Stammform der Hauskamele, dem Wildkamel oder Kavtgai, ist im Kamel-Museum die Rede. Von ihm leben im Grenzgebiet zwischen der Mongolei und China angeblich noch einige hundert Exemplare. Immer wieder wird auf diese letzten Vorkommen hingewiesen, doch scheint der derzeitige Standort nicht sehr gut bekannt zu sein.

    Initiant der Ausstellung ist der frühere Journalist Sumyagin Jambaldory. 1970 wegen einer Reihe systemkritischer Artikel vom damaligen kommunistischen Regime in die Wüste Gobi geschickt, begann er dort das zweihöckrige Kamel zu studieren. Er wurde derart in den Bann des Timee gezogen, dass er während bald 30 Jahren systematisch nach Kunst- und Alltagsgegenständen und nach Produkten gesucht hat, die in irgendeinem Zusammenhang stehen mit seinem Lieblingstier. Jetzt lässt Sumyagin Jambaldory die Öffentlichkeit daran teilhaben, und er bietet sein Kamel-Museum als Wechselausstellung auch ausländischen Museen an.

    * Der Autor war von 1990 bis 1995 Direktor des Schweizerischen Nationalparks. Er betreibt heute eine Beratungsfirma in Uznach im Kanton St. Gallen.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung vom 5.1.1999, mit freundlicher Genehmigung der Redaktion NZZ Online


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Last Update: 10. September 2006