Mongolisch-Deutsche Expedition lüftet Geheimnisse von Karakorum

Renate Bormann, Ulaanbaatar


v.l. R. Nuklies, Dr. Bayar, N. Bagabandi

„Wie aber staunte ich erst über einen silbernen Baum, von dessen Gipfel Flötentöne erklangen und von dem, aus vier Röhren, die jeweils in einem Löwenmaul endeten, Wein, Airag, Met und Bier in silberne Eimer flossen. Diener servierten jedem Gast so viel er trinken konnte." Wilhelm von Rubruk beschrieb so im Jahre 1253 seinen Eindruck vom Khaanspalast in Karakorum.

„Im Sommer finden wir den Silberbaum..." Hans-Georg Hüttel meint das nur halb im Scherz. Der Archäologieprofessor aus Bonn ist für 14 Tage nach Ulaanbaatar gekommen, um die neue Grabungsetappe in Karakorum und gleichzeitig eine Fotoausstellung, ergänzt durch Ausgrabungsstücke, zu präsentieren.

Die Mongolen und ihre Gäste können die Ausstellung vom 08. März bis zum 07. April dieses Jahres besichtigen.

Natsagiin Bagabandi, in der Öffentlichkeit eher steif und in sich gekehrt wirkend, zeigte sich locker wie selten, als er sich von den Ausstellungsorganisatoren die Exponate erklären ließ.

„Es ist gut, dass die Welt erfährt, die alten Mongolen sind nicht nur mit ihren Tieren und ihrem Hausrat durch die Steppe gezogen und haben in Filzzelten gelebt. Nein, sie haben auch Bedeutendes auf dem Gebiet des Städtebaus geleistet." Sicher nicht zum ersten Mal hat der Präsident darauf hingewiesen, dass die Mongolen mehr zum Weltkulturerbe beigetragen haben als Knöchelspiel und bunt bemalte Holzmöbel.

Kharkhurem, uns besser bekannt als Karakorum, ist ein Beispiel dafür, wie sich ein Nomadenvolk die technischen Errungenschaften der so genannten Hochkulturen seiner Zeit zu Diensten gemacht hat. Und die Mongolen waren nicht die einzigen Nomaden Zentralasiens, die Aufsehen erregende Städte errichteten. Von Hunnen, Uiguren, Türken sind ebenfalls zahlreiche Zeugnisse urbaner Tätigkeit erhalten geblieben.

Die Grundsteinlegung der mittelalterlichen Mongolenhauptstadt geht auf einen Befehl Chinggis-Khaans (1162-1227) aus dem Jahr 1220 zurück. Am Fuße des Khangai-Gebirges, wo üppige Weiden, genügend Wasserläufe und reiche Jagdgründe Hirten und Kriegern ausreichende Existenzgrundlagen boten, entstand das wirtschaftliche, kulturelle und politische Zentrum des neuen Weltreiches.

Der Khaanspalast „Tumen Amgalant", im Südwesten Karakorums errichtet, war zweifellos das Prächtigste, was die Stadt zu bieten hatte: Ugedei-Khaan, Sohn und Nachfolger des Chinggis, konnte etwa um 1235 den Palast mit der siebenschiffigen, quadratischen Haupthalle aus 64 Säulen beziehen.

20 Jahre später beschreiben Zeitgenossen Karakorum als volkreich und multikulturell, mit Werkstätten, Basaren, Tempeln, Moscheen und Kirchen.

Entdeckt wurden die Überreste der mittelalterlichen mongolischen Hauptstadt 1889. Die Russen Pozdneev, Jadrincev und Bakunich, der Deutsche Radloff sowie der Österreicher Lederer haben sich um die ersten Forschungen verdient gemacht.

Doch erst nach dem zweiten Weltkrieg begannen Russen und Mongolen, den Steppenboden über den vermuteten mittelalterlichen Gebäuden systematischen archäologischen Untersuchungen zu unterziehen. 1948/49 gruben die Mitglieder einer mongolisch-russischen Expedition unter Leitung Kiselevs im Palastbezirk, im Handwerkerviertel und an der nördlichen Stadtmauer. Die später berühmten mongolischen Archäologen Perlee, Navaan und Dorjsuren sammelten hier erste praktische Erfahrungen.

In den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts nahmen dann die Mongolen die archäologische Erforschung ihrer alten Geschichte, nicht nur Karakorums, in eigene Regie. Ser-Odjav von der Akademie der Wissenschaften sammelte unermüdlich Eisen-, Gold-, und Keramikgegenstände aus Gräbern, die teils außerhalb, teils innerhalb der Stadtmauern lagen.

So lieferte jede Expedition neues wertvolles Material und bereicherte unsere Kenntnisse über Wirtschaft, Kultur und Religionen der damaligen Bevölkerung.

Leider fiel ein Teil des Geländes auf Grund mangelnder Schutzmaßnahmen dem Ackerbau zum Opfer, Hochspannungsleitungen wurden verlegt, Kraftfahrzeuge fuhren ungehindert über den geschichtsträchtigen Boden.

Die UNESCO erklärte nach 1990 Karakorum zum Weltkulturerbe, ein Zaun schützt heute das Gelände vor unbefugten Eingriffen.

Seit 1999 arbeiten zwei Projektgruppen auf der Grundlage eines Kooperationsvertrages zwischen der Akademie der Wissenschaften der Mongolei, der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität Bonn und der Kommission für Allgemeine und Vergleichende Archäologie (KAVA) des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) in Karakorum.

Eine Gruppe gräbt in der Stadtmitte, im Handwerkerviertel, die andere im Palastbezirk, der ungefähr eine Fläche von zwei Fussballfeldern einnimmt.

„Sie sehen hier nur einen kleinen Ausschnitt der über 2000 neuen Funde: Ein Goldarmband, Zahnräder, Messer, Metallspitzen, Bronzesiegel, Münzen, Schmuckstücke aus Perlen und Korallen, Spielsteine und Keramik. Reste von Gebäuden, Heiz- und Wasserkanäle, Pflastersteine und auch die Öfen können Sie leider nur auf Fotos bestaunen", erläutert Professor Hüttel von der KAVA, neben Professor Roth von der Uni Bonn, einer der Grabungsleiter.


Goldarmband. Stadtmitte
(© Uni Bonn)

Ohne falschen Stolz verweisen die Archäologen auf spektakuläre Neufunde, neue Einsichten und Erkenntnisse der jüngsten Grabungsperiode. So sind vier „liegende" Brennöfen bedeutsam für die Stadtforschung in ganz Zentralasien. In den Öfen wurden figürlicher Dachschmuck, Mauerziegel, werkstattgleiche Drachen-Löwen-Terrakotten sowie Fragmente einer grün glasierten Terrakottafigur gefunden. „Unser Traum ist es, diese einzigartigen technischen Denkmäler, die darüber hinaus von kunstgeschichtlicher Bedeutung für das mongolische Mittelalter sind, nicht nur zu erhalten, sondern einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Uns schwebt vor, über den Öfen ein Museum zu errichten, mit Arbeitsräumen für die Archäologen, einem Lagerraum und vielleicht sogar einer Cafeteria. Der Blick vom Museum fällt dann auf eine der berühmten Schildkröten, bisher das einzige für Publikum sichtbare Überbleibsel der ältesten Mongolenhauptstadt." Professor Hüttel steckt mit seiner Begeisterung nicht nur Studenten an. Dabei dämpft er allzu hohe Erwartungen. „Der Hauptteil der Arbeit liegt noch vor uns, „Bodenschätze" geben ihre Geheimnisse nur um den Preis unermüdlicher Feinarbeit her. Daran beteiligt sind neben uns Archäologen Vermessungsingenieure und Physiker, Biologen, Historiker, Sprachwissenschaftler, Fotografen und Grafiker. Jeder neue Fund wirft erst einmal mehr Fragen auf, als er beantwortet. Vielleicht graben wir ja gar nicht in Karakorum?" Die Augen des Professors blicken spöttisch oder eher provozierend? hinter den Brillengläsern hervor.


Gewandfalte (© Uni Bonn)

Auf einem Seminar im Anschluss an die Ausstellungseröffnung sprachen Grabungsmitarbeiter über ihre Forschungsergebnisse.

Dank verbesserter naturwissenschaftlicher Methoden zur Altersbestimmung organischer und nichtorganischer Stoffe konnten Irrtümer früherer Forschungen korrigiert werden: So erwiesen sich manche Zeugnisse des Buddhismus als wesentlich älter als bisher angenommen. Sie gehören nicht ins 17., sondern in die Zeit vor 1380, dem Jahr der Zerstörung Karakorums durch die chinesische Ming-Armee. Ein Fries buddhistischer Figuren, die noch längst nicht alle identifiziert sind, tönerne Blätter eines Lotosthrons, über 100 Zehen- und Fingerglieder, eine winzige Gewandfalte unterscheiden sich in Ikonographie, Stil und Bildersprache von der lamaistischen Kunst. Sie weisen viel mehr Gemeinsamkeiten mit Hinterlassenschaften aus Zentren buddhistischer Kultur der Seidenstraße auf. Dies deckt sich auch mit den Messungen von Frau Dr. Saran, einer schmalen jungen Frau, die ihre Ausführungen gleich selbst ins Deutsche übersetzt. Sie hat ihre Ausbildung in Wismar, Ilmenau und Kassel erhalten.

Als sensationell kann auch der Fund eines Bronzesiegels mit Quadratschrift gelten. Das Siegel gehörte dem Finanzminister des mongolischen Großkhans Ayushiridara und stammt aus dem Jahre 1271. Damit konnte zum ersten Mal in der Mongolei in einer archäologischen Schicht eine historische Quelle aufgefunden werden.

Nicht nur Forschung und Ausgrabungen stehen auf dem Programm der Grabungsteams. Die mongolischen Partner der Bonner Universität und des DAI wissen die täglichen Vorlesungen und praktischen Übungen „vor Ort" als Beitrag für die Ausbildung der nächsten mongolischen Archäologengeneration wohl zu schätzen.


Professor Hüttel im Historischen Museum Ulaanbaatar

Vielleicht finden die Archäologen und ihre mehr als 60 mongolischen und deutschen Helfer im Sommer den berühmten Silberbaum. Nicht nur Hüttel und die anderen „Schatzsucher" würden sich freuen. Die Mongolei hätte eine weitere Sehenswürdigkeit von allerhöchstem Rang aufzuweisen.


   

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Last Update: 10. September 2006