Abkommandiert und hier geblieben - Die russische Minderheit in der Mongolei
Von Hugo Kröpelin

Wenn Ljudmila Maslowa von ihrem Balkon schaut, hat sie ein Stück Sowjetunion vor sich. Zehn- bis zwölfgeschossige Punkthäuser, Wohnblocks mit fünf bis zehn Eingängen, ein Dienstleistungszentrum und breite Straßen mit Trolleys und gewöhnlichen Autobussen. Doch dieses Stadtviertel ist nicht Teil einer sibirischen Großstadt - erbaut wurde es vom sowjetischen Häuserbaukombinat Nr. 2. Aber es ist  der 12. Mikrorayon von Ulaanbaatar und Heimat von Ljudmila Georgiejewna.

Sie ist hier geboren. Vater und Mutter, beide Ingenieure, waren in den frühen 50er Jahren in die Mongolei abkommandiert worden. Grenztruppen, Plankommission, Komitee für Volkskontrolle und ein Baubetrieb waren die Stationen von Vaters fast drei Jahrzehnte langer Auslandskarriere. Ihre Eltern sind inzwischen auf einem hiesigen Friedhof begraben. Ljudmila besuchte eine der sowjetischen Schulen in der Mongolei, studierte sechs Jahre an der Medizinischen Hochschule und war 15 Jahre Kinderärztin in einer mongolischen Klinik. Ihr Mann hat Arbeit in einem bilateralen Joint venture für Erzgewinnung und
verdient noch in einem Nebenjob etwas dazu. Die 19jährige Jelena studiert an der Kunsthochschule und möchte Designerin werden. "Sie hat einen Kontingent-Studienplatz, dafür darf ein Mongole in Russland studieren", erläutert Ljudmila Georgiejewna. Eine nach eigenen Ideen gestaltete Handtasche aus Leder habe sie der Mutter schon geschenkt. 

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Ljudmila Maslowa, Vorsitzende der Landsmanschaft (© Huho Kröplin)
Die rundliche, fast untersetzte Frau hat ihre Arbeit aufgegeben. "In den Krankenhäusern wird genauso schlecht bezahlt wie in Schulen oder Behörden, etwa 40 000 Tugrik pro Monat, das sind etwa 100 Deutsche Mark", sagt die 42Jährige und verweist auf einige monatliche Dauerausgaben: 5000 bis 6000 Tugrik für öffentliche Verkehrsmittel, 27 000 für Miete und Strom, 10 000 fürs Telefon. Seit zwei Jahren ist sie Vorsitzende der "Gesellschaft russischer Bürger" in der Mongolei. "Menschen anderer Nationalitäten der ehemaligen Sowjetunion grenzen wir damit aber nicht aus", betont sie. "Unsere Leitung setzt sich genauso für Burjaten, Ukrainer, Tuwiner, Kalmücken oder die russischen Koreaner ein." Insgesamt 1240 Ex-Sowjetbürger gibt in der Mongolei, drei Viertel von ihnen in der Hauptstadt. Drei Viertel von allen sind in der Mongolei geboren, 40 Prozent sind Rentner. "Unser Veteran ist Georgi Jermolai, Jahrgang 1916. Der hat noch im Zweiten Weltkrieg gegen die Deutschen und an anderen Fronten gekämpft." Ob es niemanden heim in die "Sojus" ziehe, frage ich die Vorsitzende. "Wer konnte, ist weg", sagt sie. "Ohne Beziehungen oder Verwandte ist es dort auch schwer. In den Städten sind Wohnungen und Arbeit knapp, auf dem Lande gibt es meist Wohnraum, aber keine Arbeit." 

Was heißt "einsetzen" für die Landsleute ? Zum Beispiel Hilfe bei der Verfassung amtlicher Schriftstücke. "Die meisten Landsleute können zwar mongolisch reden, haben große Schwierigkeiten, sich schriftlich auszudrücken." Manchmal lade man auch einen mongolischen Juristen zur Konsultation ein. Im Ernstfall gehe eines der sechs Vorstandsmitglieder mit zum Gericht. Viele hätten auch Kinder und wünschten ihre Interessen gegenüber der Botschaftsschule vertreten. Die will nämlich Schulgeld einführen. Kollektive Maßnahmen sind sehr selten geworden, bedauert die Chefin der "Landsmannschaft". Etwa 180 Personen sind arbeitslos, nahezu jeder zehnte ist hier mit einheimischen Bürgern verheiratet und hat dadurch einen großen Bekanntenkreis unter Mongolen. "Früher, als noch viele Hundert russische Experten und das Militär hier waren, gab es vor allem mehr Kulturveranstaltungen. Auch in den ORS- (Organisazija Rabotczewo Snabshenija")-Läden konnte man immer wieder neue Bekanntschaften schlieáen." Damals seien auch noch Ensembles aus der UdSSR und anderen Ländern im Leninklub, dem sowjetischen Kulturhaus, aufgetreten. "Heute lassen sich unsere Russen nicht mehr so gern versammeln, sie sitzen lieber zu Hause vor dem Fernseher. Es hat eben jeder genug mit sich selbst zu tun, da ist von Kollektivgeist kaum noch etwas zu spüren." Das Fernsehen! Ljudmila Georgijewna hat es 1967 miterlebt, als die ersten Bildschirme aufflackerten und das Moskauer Orbita-Programm für den Fernen Osten die "Wremja", den "Klub der Filmreisenden" und natürlich die Militärsendung "Ich diene der Sowjetunion" ausstrahlte. Bald kam "Mongol Telewis" hinzu. Beide Programme kamen nicht jeden Tag, von Montag bis Freitag nur in den Abendstunden, Orbita am Wochenende ab Mittag - "doch eine große Errungenschaft war das damals, wenn auch nicht zu vergleichen mit heute", stellt Ljudmila fest. Ob verkabelt und mit Schüssel an der Hauswand - über 30 Sender sind heute in Ulaanbaatar zu empfangen, darunter vier russische, drei mongolische, etliche aus den USA und China, Briten, Japaner, Australier und sogar Spanier. 

Vieles davon verkneifen sich Ljudmila und ihr Mann. Sie haben nur eine halbe Stunde Fußweg zu ihrem ogorod, dem Gärtchen. "Möhren, Blattgemüse, einige Kohlsorten und natürlich Blumen brauchen wir monatelang nicht zu teuren Preisen im Laden kaufen und sind außerdem in Bewegung und an der frischen Luft." Und für Tomaten, Gurken und Paprika haben sich die Maslows ein kleines Treibhaus aufgestellt. Hin und wieder treffen sich Mitglieder der Landsmannschaft. Mal zum Subbotnik, um den Friedhof herzurichten oder bei einer Versammlung, um über Politik zu reden. "Wir sind als Minderheit anerkannt", stellt Frau Maslowa fest. "Aber Land oder Firmen dürfen wir nicht kaufen", beklagt sie im gleichen Atemzug. "Das einzige, was man uns anbietet, sind Wohnungen." Doch umgerechnet 35 000 DM für ihre Zwei-Zimmer-Wohnung könnten sie auch nicht
aufbringen. 

Ob die Maslows manchmal ausgehen? "Ja, wenn schon, dann ins Restaurant 'Seoul' im Jugendpark. Eine ausgezeichnete Küche und eine sehr angenehme Atmosphäre erleben wir dort jedesmal." Russische Gaststätten, Kinos oder Klubs sucht man heute in Ulaanbaatar fast vergeblich. Das Restaurant "Moskwa" im Neubauviertel Naran Tolgoit wirbt noch mit einer erloschenen Leuchtreklame, doch Borstsch, Pelmeni oder Plow sind hier schon lange nicht zu haben. Über sein Schicksal ist bisher nicht entschieden. 

Im Leninklub, der nur durch einen kleinen Park vom Suchbaatar-Platz getrennt ist, konnte man früher aktuelle sowjetische Filme sehen oder Folkloregruppen bewundern, manchmal waren öffentlicher Tanz oder Festveranstaltungen zu irgendeinem Jubiläum von irgendeiner Organisation. Der kleine Laden im Foyer war eine Geheimadresse für Mischka-Konfekt. Inzwischen ist das Haus aufgeteilt. Etabliert haben sich hier zwei Diskotheken, zwei moderne mongolische Lokale und ein privater Rundfunksender. Inoffiziell heißt das Haus "St.Petersburg". Nur ein Basrelief an der oberen Vorderfront erinnert noch an Wladimir Iljitsch. Manchmal werden ihm die Augen abgedeckt. Ein großes Werbeplakat erspart ihm dann den Blick auf privatwirtschaftliche Fotografen auf der Straße, auf japanische Autobusse und auf die Börse mit den Notierungen der "Top 75". Der "nichtkapitalistische Entwicklungsweg", den Lenin der Mongolei vorgezeichnet hatte, war nicht mehr begehbar. Begeistert hätten ihn noch die Demonstranten vom "Vereinigten Jugendkomitee". Sie hatten, ausgestattet mit warmen Sachen, monatelang Tag und Nacht den Rücktritt der Regierung und Neuwahlen verlangt. 


Das Russische Zentrum für Wissenschaft und Kiultur (RZNK) heute (© Huho Kröplin)
Auch im Russischen Zentrum der Wissenschaft und Kultur" (RZNK) treffen Ljudmila und Arkadi Maslow kaum noch Bekannte. Die einstige Massenorganisation für mongolisch-sowjetische Freundschaft ist in mehrere Vereine zerfallen, und vom Studium sowjetischer Erfahrungen redet heute niemand mehr. Direktor Alexej Lawrenjow hatte früher 50 Mitarbeiter Stammpersonal, jetzt sind es noch fünf. "Die Mongolen möchten gern die Größen der russischen Unterhaltungskunst sehen, aber allein Alla Pugatschowa mit ihrem Tross würde unser Jahresbudget deutlich überfordern", beklagt der Direktor. Gefragt sei aber noch der Wissensspeicher des RZNK. "Ingenieure und Ärzte erhalten sich in Klassen ihre Sprachkenntnisse frisch und leihen sich bei
uns Fachbücher aus - für umgerechnet einen Dollar kann jeder die Bibliothek mit ihren 33 000 Bänden ein Jahr nutzen. Insgesamt haben wir jeden Monat 2 000 mongolische Leser, leider fehlt für Neuanschaffungen das Geld." Allerdings lägen noch 14 Zeitungen und Zeitschriften im Lesesaal bereit. Der Drang zur russischen Sprache habe zwar nachgelassen, "aber er hält sich", betont Alexej Jurjewitsch. Ihr Domizil hat hier die mongolische Privatschule "Bilegt" aufgeschlagen, Vorschule und Schule mit insgesamt 120 Kindern und russischen Lehrern. "Für diesen Unterricht bezahlen Mongolen, denen der Gang ihrer Kinder an eine russische Hochschule leichter scheint als nach Westeuropa." Ein anderer Mieter im Haus ist die Internationale Schule mit Lehrern aus dem englischen Sprachraum. "Hier erhalten wir einen Teil des Schulgeldes, das ausländische Diplomaten und Experten für den Unterricht ihrer Kinder zahlen." Um sein Haus für dieses Klientel attraktiv zu machen, hat Alexej Lawrenjow zusammen mit mongolischen Kulturschaffenden eine pfiffige Idee entwickelt. Künstler von Oper und Philharmonie gestalten monatlich Abende der klassischen Musik. Noch eine Kuriosität hat der Direktor auf Lager: "Mongolische Fremdsprachen-Lehrer reißen sich um russische Lehrbücher für Englisch. Warum? Weil sie die bessere Methodik in unseren Lehrbüchern bevorzugen." Das hat auch seine Konsequenzen. Konnte man sich früher in Ulaanbaatar mit Russisch zurechtfinden, so bekommt man heute immer öfter auf die Frage "Wie komme ich zum ...?" vor allem von jungen Leuten eine Antwort in Englisch. Sprache ist in der Mongolei nicht mehr Gegenstand der Ideologie. Die Kategorien des Klassenkampfes scheinen in Vergessenheit geraten zu sein, sogar in der früher führenden Partei. Deren Stadtkomitee hat sein Quartier in einem Teil des Leninmuseums aufgeschlagen. Sozusagen Wand an Wand im Hauptfoyer haben mongolische Geschäftsleute ein türkisches Restaurant eingerichtet. Und über den Gästen und ihren Menüs wacht Wladimir Iljitsch meterhoch in Granit, flankiert von dem mehrsprachigen Aufruf "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch!"

 

Quelle: mit freundlicher Genehmigung von Hugo Kröpelin, News Stories Photos aus Berlin und Brandenburg
(Januar 2000)


   

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Last Update: 10. September 2006