Ein Existenzgründer aus Maximiliansau sorgt für
Neue Fleisch- und Wurst-Epoche in der Mongolei
Eigene Schweinefarm steht – Bald auch für Rinder und Hühner ?

Von Hugo Kröpelin / Ulaanbaatar


Hier wird das beste Fleisch-, Wurst- und Schinkenangebot der Mongolei
von mongolischen Facharbeiterinnen produziert  © Hugo Kroepelin

Was vermisst der Deutsche, wenn er im außereuropäischen Ausland ist? Seine Wurst! Und vielleicht Harzer Käse! Letzteren wird er wohl in der Mongolei nicht finden. Doch in der Hauptstadt Ulan-Bator tritt er auf große Reklametafeln, auf denen Jagdwurst angepriesen wird. Beim genaueren Hinsehen entdeckt er jedoch dicke Fettstriemen in dem abgebildeten Stück. Im Laden kann er zwischen Würsten in Därmen unterschiedlicher Farbe wählen. "Geben Sie mir diese", sagte ich zu der Verkäuferin im Durchschnitts-Delguur (Laden) und zeigte auf die Wurst in dem gelblichen Darm. "Ist das gleiche drin", erwiderte die Frau und zerstörte damit meine Hoffnung auf eine Leberwurst. Rohen Schinken gibt es nicht. Gekochter Schinken ist im Handel. Aber die langen Speckseiten werden zusammengeklappt und mit Garn umwickelt. Der Anschnitt verrät, dass meist das Fett überwiegt. Zu allem Überfluß sind an den Schwarten nicht selten noch die Stoppeln der Schweineborsten.

Im Laden in der "Passage" unweit des Staatszirkus ist für die Genießer von Fleisch und Wurst eine neue Epoche angebrochen. 68 Sorten Wurst und Schinken sowie 23 Arten Kochfleisch haben Wal-traud Klöfer und ihre mongolischen Verkäuferinnen im Angebot. "Das finden Sie im ganzen Lande nicht noch mal", fügt sie stolz hinzu.

"80 Prozent unserer Stammkunden sind Mongolen, die übrigen hier tätige Ausländer", erzählt die Chefin, Waltraud Klöfer. Früher war sie 1. Verkäuferin bei Feneberg in Kemptem, jetzt sitzt sie meist an der Kasse oder nimmt Bestellungen von Kunden an. Die Bockwurst und die Wiener, die auch heiß mit scharfem Senf gereicht werden, stechen in ihrer Qualität die Ware mancher deutschen Imbißbude aus.

Das Sortiment kommt aus "Werner’s Fleisch- und Wurstwaren GmbH". Werner ist ihr Ehemann. Seine Firma wurde im August ein Jahr alt."Mit vier Jahren durfte ich auf dem Hof meiner Oma in Maximiliansau am Rhein den Schweineschwanz halten, wenn der Haus-schlachter kam", erinnert er sich. Später bekam er mehr und mehr richtige Aufgaben, wenn die Tiere zerlegt und verarbeitet wurden. Als die Berufswahl fällig war, wählte er den Weg des Maschinen-bauingenieurs. "1974 in Venezuela auf der Baustelle für ein Stahl- und ein Aluminiumwerk habe ich zum erstenmal selbständig ein Schwein geschlachtet", sagt er. "Damit die Kollegen mal Fleisch zum Grillen und Wurst hatten." Bei manchem Heimaturlaub blieb er in der Übung.

Im Sommer 1998 traf ich Werner Klöfer bei der Rekonstruktion eines Kraftwerks in Ulan-Bator. Und am selben Abend führte er das Schlachtermesser in der Küche des KhanBräu. Denn auch bei dem deutschen Geschäftsführer dieses Lokals mit Brauerei, vor allem bei seinen Gästen war er wieder da, der Appetit auf von der Heimat gewohnte Wurst, Schnitzel und Schinken. Das Echo vor allem aus der kleinen deutschen Kolonie war ausschlaggebend – Werner Klöfer machte sein Hobby zum Beruf. Auf dem Gelände einer ehemaligen Großküche mit Restaurant pachtete er 200 Quadratmeter, machte einen Kostenvoranschlag, errechnete eine Investitionssumme und schaffte für rund 400 000 Mark Maschinen an, zum großen Teil von Schwab in Heilbronn. "Hier steht die älteste russische Kältemaschine neben dem computergesteuerten Garschrank", sagte der Chef, der sich im August 1999 ins mongolische Firmenregister eintragen ließ und Einweihung feierte. Anhand von Fachbüchern und –zeitschriften kniete er sich in die Materie.

18 mongolische Frauen und Männer beschäftigt er heute in Metzgerei und Verkauf. Um die Buchhaltung muss er sich nicht kümmern, die Managerin nimmt ihm viel Arbeit ab. Enkhtuja (28) und Zerendulam (23), zwei studierte Lebensmitteltechnologinnen, fahren die Produktion auf Hochtouren. Am besten deutsch reden kann der Pfälzer mit Bold. Der 54jährige Fachmann war noch im letzten Jahr der DDR mit 40 Lehrlingen im Fleischkombinat Berlin in der Zerlegung. "Aber diesen VEB (Volkseigener Betrieb) gibt es heute nicht mehr", sagt Bold zufrieden, dass seine Fertigkeiten in seinem Land noch gebraucht werden. Das hiesige Kombinat, Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre mit Hilfe der DDR aufgebaut, dümpelt vor sich hin, das frühere "Inbetriebhaltungskollektiv" aus Ost-deutschland musste 1990 den Abflug machen. Der Markt im Comecon-(RGW-)Wirtschaftsraum war zusammengebrochen.

Drei Lehrlinge schauen dem Meister und den Technologinnen neu-gierig auf die Hände, wenn sie die Messer führen oder die Wurst-masse würzen. "Manche meiner Mitarbeiter müssen noch lernen, ein paar Schritte voraus zu denken", flicht der Firmenchef ein, "und sich nicht erst melden, wenn dieses Gewürz oder dieser Darm aufge-braucht ist." Die Fachbegriffe hat Bold mit dickem Farbstift in deutsch und mongolisch auf eine Tafel geschrieben, an der alle vorbei müssen.

Was ihn wohl getrieben hat, hier eine Existenz zu gründen? "In die Marktlücke wollte ich reinstoßen", sagt er ohne zu zögern. An die 20 Prozent aller Mongolen waren schon einmal im Ausland, viele in Deutschland. "Dort sind sie auf den Geschmack gekommen und haben diesen unter Verwandten und Freunden multipliziert."

Auf dem Erfolg ausruhen will sich Werner Klöfer nicht. Eine Dosenverschlussmaschine hat er schon in Betrieb genommen. "Touri-sten aus dem Ausland und immer mehr Einheimische nehmen gern Konserven mit aufs Land. Denn wer individuell reist, findet in der Provinz abseits der auf Ausländer getrimmten Speisewirtschaften eben nur Fleischgerichte aus einfachster mongolischer Zerlegung und Zubereitung."


Ein Ferkel vom Jahrgang 2000. "Nächstes Jahr wird das Schwein geschlachtet", sagt Werner Klöfer.
130 Borstentiere stehen in dieser Farm  © Hugo Kroepelin

Diesen Sommer hat er nahe Ulan-Bator eine Schweinefarm ange-schafft und bereits 130 Tiere zur Zucht und Mast eingestellt. Spanferkel "made by Werner" gehört schon zum guten Ton mancher Teams und Freundeskreise. Ebenso der Bratwurst-Rost in stark frequentierten Gartenlokalen. Damit die Ferkel optimal gefüttert werden können, plant er, einen Acker zu pachten für Kartoffeln und Futterrüben. Stallungen will er bauen und Rinder halten, um sich von der immer mit Risiken behafteten Viehwirtschaft möglichst störfrei zu machen. "Vielleicht auch Hühner für die Hähnchenmast", fügt er hinzu. "Warum das Geflügel teuer aus den USA importieren, wenn man sie hier billiger mästen kann."


"Lassen Sie es sich schmecken", sagt Waltraud Klöfer zu dem Kunden.
Das ist die vielseitigste Ladentheke einer mongolischen Fleischerei  © Hugo Kroepelin

Waltraud Klöfer steht zu dem Pioniergeist ihres Mannes. Sie freut sich über das Lob der Kunden. "Die blanke Sahne", meint zum Beispiel Janos, als er die Leberwurst probiert. Der Ungar organisiert hier das Training für Eisschnelllauftalente mit Olympia-hoffnung. Er schätzt auch Werners Salami und den luftgetrockneten Schinken. "Natürlich liegen wir wegen der Gewürze von Hagesüd aus Hemmingen und dem Nitritsalz über dem mongolischen Preisniveau", erklärt die Metzgersfrau. "Das mongolische Sägemehl hat Harzrück-stände, deshalb sind wir Kunden von ‚Räuchergold‘ geworden."

Über das Handy kündigt der Gatte an, dass sich die nächste Lieferung etwas verzögert, weil der Fahrer erst die Bestellung einer Hotelküche erledigen muss. "So kommt der gute Ruf unserer Erzeugnisse auch über die Grenze der Mongolei hinaus." Zu den Stammkunden gehört auch ein Südkoreaner. "Bevor der nach Hause fliegt, bestellt er immer große Mengen Wurst und Schinken für seine Verwandtschaft in Seoul und Umgebung." (Mit freundlicher Genehmigung der "Allgemeinen Fleischer-Zeitung"/Nr.38 2000)

Quelle: mit freundlicher Genehmigung von Hugo Kröpelin, News Stories Photos aus Berlin und Brandenburg
(November 2000)


   

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Last Update: 10. September 2006