Am SIS-Computer gefunden
Eine Stelle als Kraftwerksingenieur in der Mongolei
Von Hugo Kröpelin


Klaus Venegiger (r.) in der Schaltzentrale des Kraftwerks Darchan
Huho Kröplin)

Diesen Gang zum Chemnitzer Arbeitsamt wird Klaus Venediger nicht vergessen. Der Mann vom Jahrgang 1951 - bei dieser Altergruppe zucken die Arbeitsvermittler schon öfter hilflos mit den Schultern - setzte sich vor einen Computer des Stelleninformationsservice (SIS). Und machte eine Entdeckung, die seinem Leben wieder eine große Aufgabe bringen sollte. Das Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM) in Frankfurt/Main suchte einen Kraftwerksingenieur mit Russisch-Kenntnissen für die Mongolei!

Russisch hatte der gelernte Maschinist für Wärmekraftwerke - sein Ausbildungsbetrieb war das nach der Wende stillgelegte Kraftwerk "Elbe" in Vockerode - zuletzt sechs Jahre hintereinander tagaus tagein gebraucht. Noch im vorletzten Jahr der DDR hatte er sich für den Bau der Erdgastrasse in der Sowjetunion gemeldet. Die täglichen Kontakte mit den künftigen Betreibern der Verdichterstationen und all der anderen Objekte, die die DDR vertraglich übernommen hatte, boten reichlich Gelegenheit, Sprachkenntnisse "learning by doing" auszubauen. Die Abschnitte der Gasleitung in Kasachstan und im russischen Gebiet Tambow sieht Klaus Venediger heute auch als "wichtige Schule des Lebens", geprägt durch lange Arbeitszeiten und klimatische Härten. Seine "Trassen-Karriere" endete 1995 in der Ukraine.

Zwei Jahre später nun die Mongolei. Der Kraftwerksingenieur - den hatte er im Fernstudium an der Ingenieurschule für Bergbau und Energetik in Senftenberg gebaut - wußte nicht viel von diesem Land. Hauptstadt Ulaanbaatar, Heimat von Dschingis Khan, Mongolen studierten im früheren Karl-Marx-Stadt Textiltechnologie, und im Vogtland hatten sich viele junge Leute aus dem fernen Land auf ihre Arbeit in der neuen Teppichfabrik vorbereitet.

Doch nicht Ulaanbaatar, sondern Darchan gab der Mann in der CIM-Zentrale als Reiseziel an. Noch vor dem Jahreswechsel hatte Klaus Venediger im dortigen Kraftwerk anzutreten. "Technischer Berater des Hauptingenieurs" lautet seine Aufgabe. Mit sechs Kesseln, drei Turbinen und einer installierten Leistung von 48 Megawatt war die Energiezentrale 1963 in Betrieb genommen worden. Später kamen noch drei Kessel hinzu. Zuerst sollte vorrangig die Wärmeversorgung der Industriestadt gesichert werden, die seit 1961 an einer Bahnstation der Strecke von Irkutsk nach Peking in der nordmongolischen Waldsteppenzone aus dem Boden gestampft worden war. Doch mehr und mehr wurde auch Strom gebraucht. Ein Plattenwerk, Ziegelei, Zementwerk, Velourpelzwerk, Fleischkombinat und zuletzt ein Betrieb der Schwarzmetallurgie meldeten ihren Bedarf an. Auch über 70 000 Einwohner sind zu versorgen. Mit einem Nothilfeprogramm der Kreditanstalt für Wiederaufbau wurden inzwischen vier von neun Kesseln rekonstruiert und eine der drei Turbinen generalüberholt.

"Mit Hauptingenieur Tujaachuu ist es ein gutes Arbeiten", erzählt Venediger. Tujaachuu ist nur wenig jünger und Absolvent einer Hochschule im Ural. "Größere Störungen hat es noch nicht gegeben", stellt der Deutsche zufrieden fest. Auf Betriebsführung und Wirtschaftlichkeit habe er zu achten, auch Reparaturen und Instandhaltung fallen in seine Zuständigkeit. Bei solchen Arbeiten "gibt es doch etlichen Nachholebedarf, Ersatzteile aus Rußland kommen kaum noch ran, und was geliefert wird, entspricht oft nicht der geforderten Qualität."

Als im vergangenen Frühjahr Experten der mongolischen Energiebehörde nach Deutschland flogen, nahmen sie Hauptingenieur Tujaachuu und seinen Partner mit. Der Deutsche wußte von abgeschalteten Kapazitäten in den Stadtwerken Chemnitz, wo er früher selbst gearbeitet hatte, und in Boxberg. Dort wurden die Besucher auch fündig. Pumpen, Motoren und andere Ersatzteile, auch eine Werkstatteinrichtung wurden vorgemerkt. Wenn die Finanzierung klar ist, können die Dokumente unterschrieben und die Container beladen werden.

Über den offenen Balkon im zweiten Stock des Hauses, das etwa Ende der 60er Jahre gebaut wurde, dringt Kinderlärm herauf. Georgi·(10) und Franziska (4) spielen mit mongolischen Altersgenossen, andere ausländische Kinder gibt es in den Viertel nicht. Mit ihrer Mutter Nina und dem Vater wohnen sie seit April in der Darchaner Neustadt, wo die Werkleitung für die Familie eine Zwei-Raum-Wohnung gemietet hat. "Möbel aus Ulaanbaatar und Darchan, auch Einrichtungsgegenstände stammen zumeist aus mongolischen Läden", erzählt der Ingenieur. "Und nahezu alles, was man zum Leben braucht, bekommt man hier zu kaufen." Bis Anfang der 90er Jahre habe hier Mangel vorgeherrscht, weiß er von einem anderen Ostdeutschen. Der hatte die Zeit vor der Öffnung des mongolischen Marktes noch miterlebt.

Die 22. Stunde des Hochsommerabends ist schon angebrochen. Erst nach Aufforderung kommen die Kinder vom Hof. Nur leise bedauernd machen sie sich bettfertig. Sind hier nicht auch Ferien? "Nach hiesigen oder deutschen Ferienzeiten können wir uns nicht richten", erklärt Frau Nina. Eine deutsche Schule gibt es hier nicht, die russische komme nicht in Frage, der droht außerdem wegen Schülerschwund irgendwann die Schließung. Die Russin aus Nordkasachstan, bei der man nur ganz selten einen Akzent raushört, ist hier Kindergärtnerin und Lehrerin zugleich. Das Lernmaterial bezieht die Familie von der Deutschen Fernschule Marburg/Gießen, für die Kosten kommt das CIM auf. "Georgi lernt hier selbständig, besser als zu Hause, aber die Fernschule verlangt ein Quartal zusätzlich, deshalb mache ich auch in den Sommermonaten mit ihm Unterricht."

Angefreundet haben sich Venedigers mit der Familie eines mongolischen Geologen und seiner Frau sowie deren beiden Söhnen. "Die Verständigung ist kein Problem, der Mann kommt auch von einer russischen Hochschule", hat Klaus Venediger von ihm erfahren. Die Frauen gehen zusammen einkaufen, an den Wochenenden fahren beide Familien hin und wieder auf einen Bauernhof an die Charaa, das Flüßchen, das Darchan streift und weiter nördlich in den berühmteren Orchon mündet. "Die Araten dort haben zehn Kühe, über 20 Schafe und Ziegen", erzählte Georgi voller Begeisterung. Und seine Schwester freut sich schon darauf, wieder Lämmer streicheln zu dürfen und mit den Welpen der Wachhunde zu spielen. "Die Leute sind nicht reich, aber sehr freundlich", stellte Nina fest. "Sie bewirten uns zwar in ihrer Jurte mit frischer Milch, aber Geld nehmen sie dafür nicht an."

Unvergeßlich bleibt den Venedigers auch das Kloster Amarbajasgalan. Die Werkleitung hatte das ingenieurtechnische Personal zum Ausflug in die etwa 70 Kilometer nordwestlich von Darchan gelegene Tempelanlage eingeladen. Mit dem Toyota-Jeep querfeldein, bergauf, bergab, auch mit einer Wasserdurchfahrt. Denn statt gepflasterter oder asphaltierter Straßen gibt es hier nur mehr oder weniger ausgefahrene Steppenpisten. "Die Natur gefällt mir hier viel besser als in Sachsen", meinte Georgi und zählte auf, was ihnen unterwegs alles begegnete: "Erdhörnchen, Murmeltiere, Hasen, Adler und viele andere Vögel." Das Kloster war nach der Vertreibung der buddhistischen Lamas Ende der 30er Jahre verfallen, und seit Ende der 80er Jahre sind Mönche und Bauleute unter großen Schwierigkeiten, aber mit sichtbarem Erfolg bemüht, dem Komplex bei laufendem Betrieb die alte Gestalt wiederzugeben. Mit Genugtuung erzählen die Geistlichen den Besuchern, daß viele Gläubige vor über 60 Jahren goldene und silberne Klostergegenstände in Sicherheit gebracht und unter Lebensgefahr aufbewahrt haben, bis wieder Mönche kamen.

"Alt mungun Darchan" (Gold- und Silberschmiede) ist an etlichen neuen Geschäften in Ulaanbaatar wie in anderen Städten zu lesen. Eine Schmiede an der transmongolischen Eisenbahn war es schließlich, die der neuen Stadt ihren Namen gab. "Nairamdlyn Darchan" (Schmiede der Freundschaft) stand am Ortseingang an der Fernstraße, so hieß auch die hiesige Zeitung. Bücher wurden geschrieben und Lieder auf die Freundschaft gesungen, als die Kommunisten im Sowjetland und beim kleinen südlichen Nachbarn noch an der Macht waren. Doch für ihre Auslandsarbeiter und -soldaten hatte die UdSSR ein Versorgungsnetz auch mit Läden in Darchan aufgebaut, und Mongolen ohne Beziehungen oder Ausweis hatten zu diesen Läden keinen Zutritt. Der Außenhandel wurde zu über 90 Prozent mit dem großen Nachbarn im Norden abgewickelt, und Darchan war wie die ganze Mongolei vor zehn Jahren ohne sowjetische Leistungen und Lieferungen kaum vorstellbar. Etwa 130 Kilometer westlich von Darchan, im gemeinsamen Kupfer- und Molybdänkombinat Erdenet, lebt und arbeitet mit 750 Menschen die einzige größere russische Gruppe in der Mongolei. Indes beklagt der russische Generalkonsul in Darchan andauernden Schwund. Der "große Bruder", frei von Ideologie und knapp an Finanzen, hat sich gar gemacht.

In Darchan werden mittlerweile neue Freundschaften geschmiedet. Etwa mit norwegischen Missionaren, die in Darchan im Sozialwesen und in der Bildung helfen. Ähnlich tätig sind Abgesandte amerikanischer Kirchen. Japanische Ingenieure und Techniker wollen dem hiesigen Fleischkombinat auf die Sprünge helfen, das vor fast 30 Jahren mit einem ungarischen Kredit errichtet wurde und bald weltmarktfähige Erzeugnisse auf den Markt bringen soll. Auch Deutsche haben in Darchan schon viele Freunde gewonnen. Venedigers haben sich mit Bungenbergs angefreundet, Gerd und Mechthild Bungenberg und ihren vier Kindern. Die Familie ist von einer Kirche der Oberlausitz in die Mongolei entsandt worden und hat hier ihr festes Domizil aufgeschlagen. Auf ihre Initiative entstanden Spinnerei, Strickerei und Schneiderei mit insgesamt 15 Arbeitsplätzen. Die Wolle stammt von Schafen und Ziegen der Umgebung, Stoffe gibt es in den Geschäften. Die Ausstattung der kleinen Werkstätten stammt zumeist von Spenden ihrer Kirche. Diese ermöglichen es Bungenbergs auch, während des Schuljahres für etwa 50 Kinder aus sehr armen mongolischen Familien Mittagessen zu bereiten. Demnächst wollen sie einen Kindergarten mit 15 Plätzen aufmachen.

Am ersten der drei Tage des Nationalfestes Naadam, folgten Venedigers dem Pkw von Hauptingenieur Tujaachuu hinaus aus der Stadt. Auf einer Wiese jenseits der Charaa stoppten die Autos nahe der Zielankunft des Pferderennens. Trotz der frühen Morgenstunde waren sich schon etliche tausend Menschen eingefunden. Viele kamen auf eigenen Rössern und schauten gebannt in die Richtung am Horizont, wo eine Staubwolke vom Herannahen der Reiterschar kündete. Sechs Rennen wurden an diesem Festwochenende gestartet, je nach Alterklassen der Pferde. Die kürzeste Strecke beim Naadam ist 20, die längste 30 Kilometer lang. Die Reiter sind durchweg Kinder, zwischen sechs und elf Jahre alt, erzählte Tujaachuu. Manche seien von den Eltern auf den Pferden festgebunden worden, damit sie nicht herunterstürzen, wenn sie auf dem langen Ritt die Kräfte verlassen, ließ er seine Gäste wissen. Auch daß es Medaillen gebe für die ersten drei jedes Rennens und Prämien für die ersten fünf. Aber wie hoch die Prämien sind, wollte er nicht verraten.

Während die Pferde nach dem Einlauf trockengerieben und die Sieger von Verwandten und Bekannten beglückwünscht wurden, überzeugte der mongolische Ingenieur einige berittene Zuschauer, die beiden deutschen Kinder mal auf dem Pferderücken Platz nehmen zu lassen. "Georgi wollte am liebsten nicht wieder absteigen", berichtet Vater Klaus. Das Töchterlein dagegen hat nicht so schnell Vertrauen zum Pferd und seinem Halter gefaßt, der im Morgengrauen irgendwo draußen in der Steppe aufgebrochen sein muß, um das Fest zu erleben.

Vor der nächsten Zielankunft und dem Beginn der Adler-Ringkämpfe im Stadion - ein Sport ohne Gewichtsklassen! - machte der deutsche Ingenieur einen Abstecher zum Kraftwerk und zeigte seiner Familie erstmals sein bescheidenes Büro. Ein feiertäglicher Gruß für die Besatzung der Schaltwarte. Ein Blick auf Kontrollbögen und Meßgeräte bestätigte ihm: Kein Grund zur Unruhe. Die Frau und beiden Männer machen diese Arbeit seit Jahren zuverlässig.

Nur vom höchsten Punkt einer Kette sanfter Hügel sind Industrieviertel und Wohnstadt gleichermaßen zu sehen. Der Rauch aus der Kraftwerksesse verrät, daß heute nur hier gearbeitet wird. Aber auch wochentags sind die Anlagen für die Produktion von Zement, Ziegeln und Schafpelzjacken nicht voll ausgelastet, war zuvor im Gespräch am Zieleinlauf der Pferde von einem Darchaner Verantwortlichen zu erfahren. Hier, in der zweitgrößten Stadt der Mongolei, stellten die Wähler Anfang Juli der Regierungskoalition aus Demokraten verschiedener Coleur ein Bein und wählten einen den Reformkommunisten nahestehenden Angestellten der Stadtverwaltung mit absoluter Mehrheit ins nationale Parlament. Auf der Strecke blieb der Kandidat der Koalition. Der Mann hatte schon den Chefsessel im Konzern seines beim Gleitschirmfliegen tödlich verunglückten älteren Bruders eingenommen. Daß er auch das Mandat erbt, verhinderten die Wähler. Da halfen auch nicht 1 000 Liter Freibier, die nach Kenntnis von Eingeweihten aus der zum Konzern gehörenden Brauerei in Ulaanbaatar herangeschafft wurden.

Abschied von Venedigers und von Darchan. Der Deutsche kennt die Stelle, wo man auch an heiligen Feiertagen ein Taxi für den Trip in die Hauptstadt trifft. 5 000 Tugrik (das ist die Hälfte des amtlichen Existenzminimums und macht umgerechnet 12,50 DM) verlangt dieser Fahrer für die 220 Kilometer. Allerdings dauerte die Tour knapp vier Stunden. Mit seinen drei Fahrgästen mußte er vor 25 Baustellen runter vom Asphalt auf Schotter oder in den Staub. Chinesische Arbeiter vom Chanzheng-Konzern waren auch an diesem Sonnabend vor Ort, damit die einzige Asphalttrasse zwischen Ulaanbaatar und der russischen Grenze möglichst noch in diesem Jahr wieder durchgängig befahren werden kann. Wenn der Kalender in Europa erst den Herbstanfang anzeigt, sinkt das Thermometer nachts ständig unter den Gefrierpunk. Der starke Frost ist der Hauptfeind des mongolischen Straßenbaus!

Quelle: mit freundlicher Genehmigung von Hugo Kröpelin, News Stories Photos aus Berlin und Brandenburg
(November 1998)


   

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Last Update: 10. September 2006