Das Film Gewinnspiel

DAS SEIL
(Argamshaa)

Mehrere Hochhäuser in der Dämmerung. An der Fassade eines der Häuser seilt sich eine Gestalt über mehrere Stockwerke ab. Durch ein offen gebliebenes Fenster verschwindet sie in einer der Wohnungen. Es ist ein etwa zwölfjähriger Junge, der für eine Diebesbande arbeitet. Tugulder öffnet die Wohnungstüre von innen. Zwei Männer drängen in die Wohnung und raffen alles zusammen was ihnen als wertvoll erscheint. Ein dritter Komplize wartet auf der Straße im Auto.

Tugulder ist eines der Straßenkinder, von denen es in der post-sozialistischen Mongolei mittlerweile viele gibt. Tagsüber lebt er auf Ulan Bators Straßen. Nachts schläft er zusammen mit anderen Straßenkindern in einem Kellerverschlag eines abbruchreifen Hauses. Mit diesen Freunden verbringt er den Tag; sie kaufen Lose, spielen und stehlen. Von seinem Verdienst bestreitet Tugulder seinen Lebensunterhalt. Und er hat auch schon etwas Geld beisammen, um einen Grabstein für seinen toten Vater zu kaufen. In einem Steinmetzbetrieb sucht er einen passenden Stein aus, leistet eine Anzahlung dafür und erteilt einen Auftrag für eine Inschrift.

Danach besucht Tugulder seine Mutter, um zum wiederholten Mal nach dem Grab des Vaters zu fragen. Die Mutter, die inzwischen mit einem anderen Mann zusammenlebt, reagiert sehr abweisend. Wie sehr ihn diese Zurückweisung trifft, ist an seinem Gesicht abzulesen. Und wie

Mongolei 1991

16 mm, 70 Min., Spielfilm

Orginalfassung mit dt. Untertiteln

Regie und Buch: Nansalmaagin Uranchimeg

Produktion: Mongolkino

Kamera: Shigshid Binder

Musik: Tsedew-Ishiin Chinzorig

Ausstattung: Tudew Goosh

Darsteller: Tugulder (Sodnomdorjiin Gombo-Ochir),

Großvater (Njamyn Tsgmid),

Enkhee (Chuluunbaataryn Badral),

Sainaa (Khurlaatyn Tumur),

Nergui (Njamdawaagiin Badral)

EZEF
FILM
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Im Verleih und Vertrieb des:

Evangelischen Zentrum für entwickungsbezogene Filmarbeit

Kniebisstraße 29, 70188 Stuttgart
Telefon: 0711/9257750, Fax: 9257725
www.gep.de/filmav/ezef.html
E-mail: ezef@geod.geonet.de

sehr er den Stiefvater verachtet, läßt sich wenig später an einem - nicht ganz harmlosen - Streich ersehen, den er auf dessen Lastwagen verübt.

Auf der Straße trifft Tugulder einen Polizisten, der ihn offensichtlich schon gut kennt. Dieser durchsucht ihn, findet aber nichts. Auf der Wache legt er ihm die Fotos seiner Komplizen vor. Tugulder gibt vor, sie nicht zu kennen. Aber er ist gewarnt. Nachts träumt er, daß er abstürzt und wacht schreiend auf. Und doch steigt er wieder in das Auto von Sainaa, um zum nächsten Einbruch zu fahren.

Eines Tages lernt er auf einem Friedhof einen alten Mann kennen, zu dem er Vertrauen faßt. Dieser spürt die Einsamkeit des Jungen und lädt ihn zu sich nach Hause ein. Mit ihm kann sich Tugulder über den Tod des Vaters unterhalten. Und als er nach einigen Tagen dem alten Mann erneut begegnet, fragt er ihn, ob er ihn als seinen Enkel bei sich aufnehmen könnte. Als dieser Wahl-Großvater erfährt, daß der Junge in Diebstähle verwickelt ist, nimmt er ihn mit in einen Tempel, um ihm andere Werte zu vermitteln und in die Welt des Buddhismus einzuführen.

Als sein bester Freund Enkhee von einer Diebestour mit Sainaa nicht mehr zurückkommt, ist Tugulder untröstlich. Nun läßt er den Steinmetz den Namen des Freundes in den eigentlich für den Vater bestimmten Grabstein meißeln, um sein Andenken zu bewahren.

Als die Diebe erneut aufkreuzen, um den Jungen für einen Einbruch abzuholen, spürt man, daß Tugulder mit diesem Leben Schluß machen möchte. Doch wieder muß er von einem Hochhausdach herabklettern, um in eine Wohnung einzusteigen. Als dort aber zufällig das Telefon läutet, nimmt er nach kurzem Zögern den Hörer ab und informiert die Wohnungsbesitzerin, daß gerade in ihre Wohnung eingebrochen wird. Erst danach öffnet er seinen Komplizen die Türe. Sainaa entdeckt den Verrat, unternimmt zunächst aber nichts. Später lauert er Tugulder jedoch auf und versucht ihn mit dem Auto zu überfahren. Dabei wird Tugulder verletzt. - Die letzte Einstellung des Filmes zeigt, wie sich Tugulder erhebt und taumelnd auf den Hof des Großvaters zuläuft...


Bio- und Filmografie:
Nansalmaagin Uranchimeg, 1956 in Ulan Bator geboren, studierte 1975-80 an der berühmten Moskauer Filmhochschule WGIK. Mehrere ihrer Drehbüch waren bereits verfilmt worden, ehe sie mit "Das Seil" ihren ersten eigenen Spielfilm drehen konnte.

Pressestimmen:
"Diese Studie über Straßenjungs im Großstdtdschungel der postsozialistischen Mongolei erinnert im Stil an große Vorbilder des realistischen Kinos und ist auch als Dokument ein Fundstück. Die Mongolei ist eben nicht nur die weite Steppe mit wilden Reitern und verwehten Erinnerungen an die große Zeit des Dschingis Khan." Frankfurter Rundschau

"Bemerkenswerter Weise hat es dieser kleine Film nicht nötig, um die fadenscheinige Überbrückung einer bildlichen Fremheit zu buhlen." multimedia

Nominiert durch den Empfehlungsausschuß Medien (EAM)

Nansalmaagin Uranchimeg zu "Das Seil":

F: Die Geschichte von ARGAMSHAA läßt die sozialen Veränderungen erkennen, die die Mongolei nach dem Ende des Kommunismus durchlebt. Zunehmende Kriminalität

und wachsende Armut sind dabei offensichtliche Symptome. Was sind die wichtigsten Veränderungen?

A: Als der Film 1991 gedreht wurde hatte dieser Transformationsprozeß gerade erst begonnen, und wir befinden uns noch mitten in diesem Umbruch. Solch weitreichende Veränderungen bringen zwangsläufig Probleme mit sich. Ich denke, unsere Gesellschaft hat sich noch nicht festgelegt, wohin die Entwicklung gehen soll, sie hat noch keine Orientierung gefunden. Dieser Zustand eines Landes wirkt sich natürlich auf das Verhalten und die Befindlichkeit seiner Bürger aus. Vielleicht läßt sich die Situation, in der sich unsere Gesellschaft derzeit befindet, am ehesten mit einer bestimmten Phase in der Entwicklung von Teenagern vergleichen: die Kinder müßen sich verändern; aber es ist nicht leicht, alle sich ergebenden Probleme auf einmal zu lösen. Wir befinden uns derzeit in einem solchen Zwischenstadium. Der Aufbau des Sozialismus in der Mongolei war ein Irrtum, und er dauerte 60 Jahre. Diesen Irrweg zu verlassen, braucht nun auch viel Zeit. Aber meiner Meinung nach ist das Land jetzt auf dem richtigen Weg. In etwa 10 Jahren wird es uns besser gehen.

F: Wie sind Sie auf die Geschichte dieses Filmes gekommen? Ist dies das authentische Schicksal eines Jungen?

A: Das Leben selbst hat mich dazu gebracht. Damals gab es ungefähr 300 Straßenkinder in Ulan Bator. Sie haben sich z.B. in den Zügen herumgetrieben. Mittlerweile sind es sehr viel mehr geworden. Ihre Geschichten sprechen für sich.
Die Idee zu dem Film kam ganz unerwartet. Für mich war der Ausgangspunkt die Idee des Zusammentreffens eines sehr alten mit einem sehr jungen Menschen auf dem Friedhof. Dies war erfunden, bildete aber die Basis des Filmes. Normalerweise verabschieden sich die Menschen an diesem Ort - sie verabschieden sich von den Verstorbenen.

Hier aber finden sich zwei einsame Menschen, Tugulder und der alte Mann. Dies war der wirkliche Anfang der Geschichte.

F: Ist der Darsteller des Tugulder selbst ein Straßenkind?

A: Nein, der Junge ist kein Straßenkind. Aber er hat viele Schwierigkeiten zu Hause. Er hat einen Stiefvater, und mit ihm gibt es oft Streit. Die Familie ist auch sehr arm und wohnt in einem sehr armen Stadtteil in der Nähe des Bahnhofs von Ulan Bator. Aber er ist kein Straßenkind. Als ich mit dem Drehbuch fertig war, ging ich auf der Suche nach einem Darsteller auch gezielt in die armen Stadtteile.
Nun unterscheiden sich aber die Dreharbeiten mit Kindern grundlegend von denen mit Erwachsenen. Kinder muß man gerade während der Dreharbeiten spielen lassen. Ich habe dem Jungen nur das in Erinnerung gerufen, was sein Leben an Schwierigkeiten mit sich bringt, wie sein Stiefvater mit ihm umgeht und wie ihn seine Mutter manchmal beschützen muß. Ähnliches geschieht mit ihm in dieser erfundenen Geschichte. Er mußte sich dabei nur an solche Situationen erinnern, um weinen zu können.

F: Können Sie etwas zur Figur des Großvaters sagen?

A: Diese Figur ist für die Geschichte erfunden. Aber es ist ein gewöhnlicher alter Mann, wie man ihn überall treffen kann, in der Mongolei aber eben auch in Japan oder in Deutschland. Nichts wünscht er mehr als ein lebendiges Wesen um sich. Und als er seine Hoffnung schon fast aufgegeben hat, geht sie doch noch in Erfüllung, als er Tugulder trifft. Und gerade diese Freude wollte ich mit diesem Film zeigen.

(Auszüge eines Interviews, das B. Wolpert beim 16. Augsburger Kinderfilm Fest mit der Regisseurin führte)


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Last Update: 01. Januar 2009